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Annette Dorgerloh widmet sich einem ungewöhnlichen Thema: die Berliner Mauer und die Kunst

Annette Dorgerloh widmet sich einem ungewöhnlichen Thema: die Berliner Mauer und die Kunst

Sie ist Jahrgang 1961, studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Kulturtheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin, promovierte 1996, habilitierte sich 2008: Annette Dorgerloh forscht, lehrt und publiziert über Kunst und Architektur seit der frühen Neuzeit - unter anderem mit den Schwerpunkten Kunst in der DDR und Geschichte der Filmszenographie.

Zusammen mit Doris Liebermann und Anke Kuhrmann hat Dorgerloh ein Buch geschrieben: "Die Berliner Mauer in der Kunst", das Ende September erscheinen wird. Die ganze Bandbreite von der regimetreuen Auftragsarbeit bis zum staatsfeindlichen Kunstprodukt wird gezeigt. Dabei wird deutlich: Ungleich mehr Künstler, Schriftsteller und Filmemacher haben sich mit der Grenze auseinandergesetzt als bisher angenommen - sei es als Bauwerk des Kalten Krieges, als Berliner Wahrzeichen oder als Symbol einer friedlichen Revolution. Im Gespräch mit Adina Rieckmann erzählt sie von der Mauer in der Filmgeschichte.

Sie haben gemeinsam mit Doris Liebermann und Anke Kuhrmann zur Berliner Mauer in Literatur und Kunst geforscht und im Film. Dafür haben Sie sich im letzten Jahr über 50 Filme angesehen. Haben die DDR-Behörden überhaupt ost- oder westdeutschen Regisseuren Dreharbeiten an der Mauer erlaubt?

Nur in Ausnahmefällen - vor allem unmittelbar nach dem Mauerbau und dann wieder in den späten Jahren der DDR - war das möglich. Ansonsten musste die Mauer immer nachgebaut werden.

Können Sie Beispiele nennen?

Dazu gehören natürlich die Berlin-Filme des Duos Gerhard Klein (Regie) und Wolfgang Kohlhaase, so "Eine Berliner Romanze" (1955) und "Berlin Ecke Schönhauser" (1957).

Unmittelbar nach dem Mauerbau reagierte eine amerikanisch-deutsche Produktion unter der Regie von Robert Siodmak mit einem Drama, "Tunnel 28" ("Escape from East Berlin", USA 1962), das die Flucht von 28 Ostberlinern durch einen selbstgebauten, 30 m langen Tunnel, schildert. Dagegen versuchte die 1946 gegründete ostdeutsche Filmgesellschaft DEFA, den Mauerbau mit anspruchsvollen Spielfilmen zu verteidigen. Dazu gehörten die1961/62 produzierten Filme "...und deine Liebe auch" (Regie: Frank Vogel) und "Der Kinnhaken" (Regie: Heinz Thiel). Beide Filme zeigen konfliktreiche Paarbeziehungen zwischen Ost- und Westberlin, die durch den Mauerbau eine Zuspitzung erleben und jeweils zu dramatischen persönlichen Entscheidungssituationen führen.

Hat die Bundesrepublik diesen Mauerfilmen etwas Vergleichbares entgegen gesetzt?

Nur wenig, hier herrschte nach dem Mauerbau eine Art Schockstarre, die dazu führte, dass Billy Wilders rasante Ost-West-Komödie "1-2-3" (USA 1961) in Deutschland floppte. Angesichts der neuen Situation verging den Zuschauern das Lachen, und Wilders filmischer Zugang wurde als unangemessen empfunden.

Generell wurden Fragen der deutschen Teilung und der damit verbundener Konflikte nur selten verfilmt, weil sie als "Kassengift" galten.

Ich erinnere mich an einige internationale Agentenfilme. Da spielte das Mauerthema doch eine Rolle?

Stimmt. "Der Spion, der aus der Kälte kam" (1965, Regie: Martin Ritt), eine englische Verfilmung des Romans von John Le Carré, beginnt mit einem - nachgebauten - Berliner Checkpoint und endet mit einem Showdown an einem Grenzabschnitt zwischen Potsdam und Berlin. Alfred Hitchcocks Film "Der zerrissene Vorhang" (USA 1966) spielt ebenfalls zwischen Ost und West. Der deutsche Filmszenograph Hein Heckroth schuf Teile von Kopenhagen, Ost-Berlin und Leipzig auf dem Studiogelände der Universal Films.

In den Mauerspringer-Filmen wurde sich dann mit der deutsch-deutschen Grenze neu auseinandergesetzt. Haben Sie Beispiele?

Zu diesen Filmen gehören unbedingt Reinhard Hauffs "Der Mann auf der Mauer" (1982) und Wim Wenders poetischer Film "Der Himmel über Berlin". Hauff musste die Mauer jeweils komplett im Studio nachbauen, während Wenders teilweise mit der echten Berliner Mauer arbeitete. Echte Aufnahmen lieferte zum Teil auch "Octopussy", der 1982/83 unter der Regie von John Glen gedrehte 13. Film der "James Bond"-Reihe. Bond fährt darin sogar einmal über den Checkpoint Charly im Auto nach Ostberlin - und verlässt die DDR wieder per Interzonenzug.

War die Mauer nach der Maueröffnung eigentlich noch ein Thema?

Nach der Überwindung der Mauer und dem historischen Ende der DDR entstand in den letzten beiden Jahrzehnten der umfangreichste Teil deutscher Spielfilme, in denen die Mauer als Grenze zwischen beiden Systemen ins Bild kam. Zu den großen Mauerdramen zählt Margarethe von Trottas Film "Das Versprechen" aus dem Jahr 1995. Bekannt aber sind auch Leander Haussmanns "Sonnenallee" 1999 und "Goodbye Lenin" 2003 in der Regie von Wolfgang Becker. Dass gerade "Sonnenallee" und - auf eine anders ironische Weise - "Goodbye Lenin" so ungemein erfolgreich wurden, liegt sicher daran, dass es gelang, den grundsätzlich ernsten Stoff der überzeugend in Komödienform zu bringen.

Gibt es eigentlich etwas, was die frühen Mauerfilme aus dem Osten, die Agentenfilme, die westliche Mauerspringer-Filme und die Historienfilme der Nachwendezeit, miteinander verbindet?

Ja, der Konstruktionscharakter ist das Bindeglied. In all den Filmen aber ist sie nie sie selbst, sondern immer nur ein interpretierendes Bild, nur die Mauer als Grenzbau - weniger real als das Original, aber doch von einer Präsenz, die uns immer wieder das Fürchten zu lehren vermag.

Eine Frage zum Abschluss: Wie sind Sie überhaupt auf dieses Thema gekommen?

Ich leite ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Filmszenographie der DEFA. Dabei fiel mir auf, dass die Berliner Mauer eine große Leerstelle in den Spielfilmen bildet. Vielleicht hatte ich auch einen besonderen Zugang dazu: Seit fast 30 Jahren lebe ich direkt an der Berliner Mauer. Und selbst heute - 20 Jahre nach dem Mauerfall - steht immer noch ein Wachturm ganz in der Nähe.

Dorgerloh / Kuhrmann / Liebermann: "Die Berliner Mauer in der Kunst. Bildende Kunst, Literatur und Film", Christoph Links Verlag

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.09.2011

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