Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Google+
Anne Teresa De Keersmaeker mit Rosas & Ictus im Festspielhaus Dresden-Hellerau

Anne Teresa De Keersmaeker mit Rosas & Ictus im Festspielhaus Dresden-Hellerau

Was auch immer das Publikum von ihr erwarten mag, die flämische Choreografin Anne Teresa De Keersmaker hat sich zu keiner Zeit davon abhängig gemacht. Und nach wie vor tut sie stets das, was sie für wesentlich, unausweichlich hält - in spezieller Art und Weise.

Voriger Artikel
Dresdner Theater Junge Generation flankiert Lichtausstellung mit einem finsteren Spektakel
Nächster Artikel
Roxette spielen vor 8000 Fans bei den Filmnächten am Elbufer in Dresden

Teresa De Keersmakers "Vortex Temporum" mit Mitgliedern ihrer in Brüssel ansässigen Kompanie Rosas und des Ictus Ensembles.

Quelle: Herman Sorgeloos

Wer über längere Zeit ihre vielbeachteten Gastspiele zum Beispiel bei der euro-scene Leipzig, bei Theater der Welt in Dresden oder seit knapp einem Jahrzehnt besonders in Hellerau erlebt hat, erahnt, wozu sie fähig und auch willens ist. Und weiß, dass sie immer wieder überraschend sein kann.

Nun hat uns das Internationale Tanzfestival Dresden an zwei Abenden im Festspielhaus Hellerau auch die im Oktober 2013 bei der Ruhrtriennale uraufgeführte Keersmaeker-Choreografie Vortex Temporum beschert, ein für manche mehr und für andere wohl auch weniger genussvolles Erleben. Zumal dann, wenn die Choreografin mit den bei dieser Produktion sieben Mitgliedern ihrer in Brüssel ansässigen Kompanie Rosas den Tanz zu einer weitgehend entzauberten künstlerischen Sprache macht. Was bei ihr aber bekanntlich nicht zwingend bedeutet, dass von der Kunst nichts mehr übrig bleibt.

Zunächst sorgen allein schon die sechs Musiker vom renommierten und auf Neue Musik spezialisierten Ictus Ensemble aus Brüssel dafür, dass das Publikum emotional erheblich in Aufruhr gerät. Ob nun in verstörender oder erweckender Art, kann jeder für sich entscheiden. Aber ein entspannter musikalischer Auftakt ist es beileibe nicht, wenn Klavier, Flöte, Klarinette, Geige, Bratsche und Cello so im Klang aufeinander treffen, dass das Zeitgefüge hörbar aus den Fugen gerät. Schließlich verlassen die Musiker nach und nach den erfreulich offen belassenen, unverstellten Bühnenraum. Nur der Pianist bleibt noch beharrend am "abgedeckelten" Flügel, bevor er im hohen Bogen und mit launigem Tastenschlag für einen resoluten Abgang sorgt. Schon bald kommen auch die sieben Tänzer ins Spiel, orten gewissermaßen ihre Position im Raum, erfassen mit immer wieder angesetzter Bewegung den Umkreis des Körpers. Wenn sich schließlich auch die Musiker nach und nach wieder einfinden, die 13 Agierenden im Körper-Spiel-Zusammenklang wie Gestirne umeinander kreisen und selbst der Flügel mit Geleit zu tanzen beginnt, dann scheinen die Grenzen zwischen Tanz, Partitur und Raum quasi aufgehoben, wirken Körper und Klänge wie ineinander gewoben.

Deutlich gibt an diesem Abend die 1994/96 entstandene Komposition Vortex Temporum des 1998 verstorbenen französischen Komponisten Gérard Grisey den Impuls für die Bewegung. Grisey ist ein Meister darin, Klänge aus der Stille heraus und in die Stille hinein zu komponieren. Und diese wie auch andere seiner beeindruckenden Arbeiten assoziieren ein Raumempfinden in jeglicher Dimension. So entstehen spannungsreiche Momente, ist Zeit geradezu leibhaftig zu spüren. Und wer sich dabei irgendwann, irgendwie an Oliver Messiaen erinnert fühlt, vielleicht sogar an sein Quartett auf das Ende der Zeit, dem wird man das ganz gewiss nicht ausreden müssen. Dieser so speziellen, kapriziösen wie auch verstörenden Musik lässt sich Tanz gewiss nicht irgendwie zuordnen. Dafür ist sie zu intensiv, beim Hören auch "sichtbar". Anne Teresa De Keersmaeker sucht vielmehr nach bewegten Assoziationen zu diesem ständigen Suchen, Orientieren, Hinterfragen, Verklingen, strebt in ihrer eigenwilligen Tanzsprache im wahrsten Sinne des Wortes an, daraus einen Klang-Körper zu formen.

Dass das nicht mit artifiziellen Spielereien gelingt, wer weiß das wohl besser als diese wahrhafte und beharrliche Choreografin. Sie reduziert die Bewegungssprache quasi auf die Ahnung minimaler Folgen, auf ein Beginnen und Fortsetzen ohne markantes Demonstrieren. So, als würde der Tänzer den Körper, der sein Instrument ist, immer wieder zum "Musizieren" ansetzen. Was eben nicht vollkommen und schon gar nicht hochartifiziell wirken muss. Da ist manchmal die verzögert langsame Drehung der Tänzer unmittelbar vor den Zuschauern, frei von jedem Drang zur Außenwirkung, aber mit Blick ins Publikum hinein, schon ein berührend intensiver Moment. Und lässt vergessen, dass man gerade noch sehnlichst auf irgendeinen Impuls im Bühnengeschehen hoffte.

Die Aufführung von reichlich einer Stunde gibt in ihren Abläufen, in der eigenwilligen Art, mit Tanz, Partitur und Raum umzugehen, auch die Chance, schon vor Ort darüber nachzudenken, was unter einem Zeitwirbel überhaupt zu verstehen ist. Und wie in der einstigen Bildungsanstalt von Emile Jaques-Dalcroze Bewegung, Klang und Raum ganzheitlich aufgefasst wurden. Mit deutlicher Gewichtung zur Musik hin. In der Tanzmoderne des 20. Jahrhunderts hat sich mit einem solchen Kunst-Gefüge zum Beispiel auch Sigurd Leeder (1902-1981) befasst. Manche werden sich vielleicht noch daran erinnern, als vor vielen Jahrzehnten Grete Müller bei einer Wigman-Tagung in der Kleinen Szene darüber sprach.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.06.2015

Gabriele Gorgas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr