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Anne-Sophie Mutter und das London Philharmonic Orchestra in der Frauenkirche

Erzählkraft Anne-Sophie Mutter und das London Philharmonic Orchestra in der Frauenkirche

Warum schon wieder eine neunte Sinfonie hier, musste man sich fragen. Nicht aus numerologischen Gründen, sondern weil die neunten von Bruckner, Mahler und Dvorák Werke für einen großen Konzertsaal sind. Aber wenn Orchester auf Gastspielreisen gehen, wollen sie vielleicht gerne damit begeistern.

Beeindruckendes Zusammenspiel von Anne-Sophie Mutter und Robin Ticciati, der am Pult des London Philharmonic Orchestra stand

Quelle: Oliver Killig

Dresden. Warum schon wieder eine neunte Sinfonie hier, musste man sich fragen. Nicht aus numerologischen Gründen, sondern weil die neunten von Bruckner, Mahler und Dvorák Werke für einen großen Konzertsaal sind. Aber wenn Orchester auf Gastspielreisen gehen, wollen sie vielleicht gerne damit begeistern, auch dann, wenn bereits die zugkräftige Kombination aus Anne-Sophie Mutter und Felix Mendelssohn Bartholdy auf dem Programm steht.

Dirigent Robin Ticciati, in Dresden durch seine Kapell-Besuche bestens bekannt, verlieh dem Abend einen märchenhaften Anstrich und ließ das Orchester in feinen Farbnuancen erblühen. Robert Schumanns Ouvertüre zur 1848 entstandener Vertonung Lord Byrons „Manfred“ ließ er mit sehr viel Feingefühl die mystisch-erzählerischen Züge, bewahrte aber düsteren und beklemmenden Farben dennoch Leichtigkeit, verführte zu Entdeckungen, verzückte mit Bläsermotiven. Schön, dass weder Blechbläser noch Pauken „dazwischenfuhren“. Gerade deren maßvollen Einsätze bewiesen Finesse.

Davon lebte auch Felix Mendelssohns zweites Violinkonzert. Solistin und Orchester sahen besonders auf Feinheiten, auf Raum und Luft zur Entfaltung. Robin Ticciati versteht es ausgezeichnet, Betonungen hervorzuzaubern, manchmal jedoch „zauberte“ er ein wenig viel an Effekten herbei. So bremsten manche Ritardandi das Werk, wie in der Einleitung des letzten Satzes. Statt den sich anschließenden flinken, virtuosen Teil zu betonen, übertrieb der Beginn mit zäher Langsamkeit.

Ein feiner, edler Ton, ein kultivierter Klang, scheint mit Mendelssohn ebenso fest verbunden wie mit Anne-Sophie Mutters Spiel. Gerade im Aussingen der Phrasen oder im lyrischen zweiten Satz kostete sie dies aus, reicherte die Ecksätze hier und da mit kleinen „Kanten“ an, etwa non-legato-Betonungen (die viel weicher gelangen als 2009, als die Violinistin im Kulturpalast zu Gast gewesen war).

Niemand spricht zu uns wie Bach, befand die Solistin anschließend im Hinblick auf die Kriege in der Welt und die Dresdner Frauenkirche als Symbol des Friedens und des Wiederaufbaus. Als Zugabe spielte sie die Sarabande aus der Partita BWV 1004.

Robin Ticciatis geradezu plastische Klanggestaltung kam ebenfalls auch Antonín Dvoráks neunter Sinfonie „Aus der neuen Welt“ zugute. Allerdings gelangen die feinen Abstufungen nicht immer – wie schon in der Einleitung zu Mendelssohns Finale kam dem Orchester hier und da die Präzision ein wenig abhanden, klangen besonders die Flöten etwas scharf.

Nach mystischen Farben und Elfenmärchen bescherte das London Philharmonic dem Publikum nun ein Werk, das Facetten volkstümlicher Erzählkunst aus unterschiedlichen Kulturkreisen verbindet. Ticciatis Feinzeichnung bescherte wiederum kleine Entdeckungen, zum Beispiel, wenn das Englischhorn sein Solo eben nicht alleine spielt, sondern im Duo und Trio von den Holzbläserkollegen begleitet wird. Auch hier ließ Ticciati Phrasen aussingen bis zum prächtigen Schluss.

Von Wolfram Quellmalz

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