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Annamateur in der Scheune

Annamateur in der Scheune

Sondern eine Vor-Premiere. Darauf legt Annamateur viel Wert, um das Publikum zum Teilhaber eines Experimentes zu erklären, um dann morgen (aus heutiger Sicht also gestern) bei der echten Premiere in der Dresdner Schauburg alles ganz anders und besser zu machen.

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Mischung aus großer Gesangskunst und Comedy: Die Urdresdnerin Annamateur konnte in der ausverkauften Scheune ihr Publikum abermals begeistern.

Quelle: Andreas Weihs

Es war keine Premiere. Im normalen Theater nennt man das Generalprobe und verkauft dafür manchmal auch Karten, aber eigentlich sollte diese dann richtig misslingen, damit am Abend danach alles gut werde.

Dies war am Mittwoch in der Scheune zum Auftakt einer kompakten Fünferserie bis Sonntag allerdings nicht zu befürchten: "Protokoll einer Disko", zu dem Annamateur samt The Beuys lud, war schon zuvor perfekt geprobt, den Rest macht die Frau mit dem frontalkomödiantischen Gemüt mit links und großer Stimme. Die Dame mit dem figurbetonten Outfit aus dem Real-Regal, die sich gern an Bein und Brust zupft - und dabei den Pressefotografen belöffelt oder der vor Aufregung auf der Bühne "leicht fickrig" wird -, ist als Urdresdnerin hier in der Scheune geschlüpft. Daher sind Karten für ihre neue, vierte große Show (nach "Walgesänge" 2005, "Bandaufstellung nach B. Hellinger" 2008, "Screamshots - ein musikalisches Polyluxprojekt" 2012) bei Heimspielen eine echte Rarität.

Der bewährte Mix aus abgeklärter Comedy und schräger, aber meist grandios dargebotener Musikperlen aus eigener Feder oder in gewagten Neuinterpretationen, funktioniert. Unter den zwölf Titeln waren diesmal mehr arteigene Coverversionen als zuvor, die groovig oder jazzig abgleiten. Sie startet mit "Daddy Cool", singt und tanzt wie Tina Turner oder Michael Jackson und entführt derart gelungen in "Mad World", dass sie auch über die geförderten Jazztage lästern darf: "Überall Plakate, aber kein Schwein geht hin."

Dazu aber auch neue Erfindungen - in Form von eigenen Songs, die von Politsatire ("Sachsen den Sachsen - Saarländer raus") bis hin zu passivem Kannibalismus reicht, in dem sie von ihrem größten Traum, eigens fünf Kilo schwerer gefuttert und frisch geduscht, gegessen zu werden, singt. Nicht nur die speziellen Kommissare des sexischen Landeskriminalamtes werden es lieben, aber sich nicht trauen, mitzusingen. Gemeine Verballhornung, die neben einigen vulgären Einschüben ("Entschuldigung, Tourette!") durchaus auch hintergründig daherkommt, umlauert die Titel, über deren musikalische Qualitäten es wohl keine abweichende Meinungen gibt. Annamateur kommt in Nullkommanix hoch wie runter, klingt zuweilen wie die uneheliche Zwillingsschwester von Tom Waits.

Und alljene, die "Screamshots" mochten, werden das Diskoprotokoll, beruhend auf einem Original der Klasse 6b am 29. März 1984 und von ihr gefunden im Papierkorb des Vitzthum-Gymnasiums, lieben. Das liegt, zumindest bei dieser Vorpremiere in der Scheune, nicht nur an den relativ straffen Zwischentexten oder am Club Mate mit Rum, den sie angeblich einem Gast wegsoff, sondern auch an The Beuys, die nicht nur mit Engelsgeduld die permanenten Scherztiraden ihrer gutgelaunten Powerfrontfrau ertrugen, sondern sich auch mehrere ganz starke Duelle im blinden Duett lieferten, die nur bei großer Harmonie so gelingen. Gitarrist Samuel Halscheidt (aus Westberlin - "Du bist keiner von uns!") und Cellist Christoph Schenker (aus Leipzig) gehörten auch schon zum Personal des Außensaiter-Trios, welches das vorhergehende Programm begleiteten, von dem nun Stephan Braun und sein Jazzcello fehlt. Annamateur hat beide lieb, spielt mit ihrer und deren Haarpracht und filmt sie per Handy aus Hundeperspektive.

Nach der Pause gibt es eine echte Erfindung: Das Handykonzert namens "4:33", in dem die Zuhörer lang vermisste Bekannte anrufen sollen - mit Lautsprecher für alle. Das misslingt zwar hier noch, hat aber als verfeinerte Idee durchaus Zukunft. Zumal sowieso jeder, dessen Teil klingelt, aufstehen und laut hörbar telefonieren muss. Was als Drohung reicht.

Nach einem furiosen Medley (u.a. mit den Gewinnerhymnen von Abba und Queen) und einer zweiten Zugabe ist Schluss, zwei Stunden reine Musik plus Pause - je nach Eingaben und Interventionen der stimmgewaltigen Diva, die auf gewöhnliche Starallüren wie auf jedwede Mainstreamtauglichkeit verzichtet - hat das Programm zu bieten. 250 Leute in der maximal bestuhlten Scheune waren begeistert, auch die beiden nachfolgenden Konzerte in der Schauburg sind lange restlos ausverkauft.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.09.2014

Andreas Herrmann

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