Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Annamateur 2012: Dresdens singende Grundschuldirektorin Ihres Vertrauens

Annamateur 2012: Dresdens singende Grundschuldirektorin Ihres Vertrauens

Wie findet eigentlich die Welt außerhalb Dresdens die komischste Frau der Stadt? Die Meinungen, die sich unter ihren Videos im Internet abzeichnen, sind so konträr wie die einzelnen Bausteine ihres aktuellen Programms "SCREAMSHOTS - Ein musikalisches Overhead-Projekt".

Voriger Artikel
Prohlis erhält ein Digital-Planetarium
Nächster Artikel
Karrieren unterm Hakenkreuz: Buch widmet sich Dresdner Tätern und Akteuren im Nationalsozialismus

Auf der Bühne ist Anna Maria Scholz schwermütige Sängerin und ulkige Kabarettistin zugleich.

Quelle: Dietrich Flechtner

Ein User namens Dschordge schreibt: "Genial, die Frau, diese Band, - einfach nur genial!", und direkt darunter antwortet Ingvaaar1: "Gerade 10 Minuten von meiner wertvollen Lebenszeit verloren". Sie fordert auf - zu geistiger Mitarbeit bei gleichzeitigem Ungehorsam. Auf der Bühne ist Anna Maria Scholz schwermütige Sängerin und ulkige Kabarettistin zugleich. In keiner Minute ihres Auftritts im Kleinen Haus ist sie mittelmäßig. Was nicht heißt, dass sie nicht auch gewaltig auf den Nerven ihres Publikums rumtrampelt.

Volles Haus beim Heimspiel in Dresden. Auf der Bühne stehen links und rechts die beiden Außensaiter. Professionell an Jazz und Klassik geschult, werden Samuel Halscheidt (Gitarre) und Stephan Braun (Cello) ihren Instrumenten wunderbar abwechslungsreiche Töne entlocken, Gesang begleiten, in einem Solo brillieren und sich von Annamateur Heiratsanträge machen lassen. Musikalische Extraklasse. Doch zwischen ihnen steht ein Overheadprojektor, ein guter alter Polylux, der damals im Unterricht nach spätestens zehn Minuten wegen Überhitzung abschmierte. Nicht aber das Modell, an dem Frau Mateur sich abarbeitet und ihre "Schreieinheiten" auf die große Leinwand überträgt. Erste Stunde: "Malen nach Zahlen. Bitte sauber und nicht über den Rand." Die eins steht für die Farbe schwarz, in der Mitte des auszumalenden Kästchens steht eine Eins - sonst nichts. Es folgte eine saftige Zurechtweisung ihrer Schüler − in starkem Sächsisch, ihre Stimme überschlägt sich − es sei doch alles nur zu ihrem Besten. Wie viele Lehrer und Lehrerinnen sich dabei angesprochen fühlten, hat sie nicht abgefragt. Man ahnt, es könnten einige gewesen sein.

Was sie früher, zu Zeiten der "Walgesänge", an sich selbst ausgelassen hat (zu dick, zu sächsisch, zu viel Nutella), bekommen jetzt die anderen ab. Die "Originalität folgt Ordnung" fordernden Pädagogen, die antiautoritär verzogenen und ADHS-diagnostizierten Kinder, die gefühlsgekühlten Deutschen insgesamt. Annamateur dehnt ihre Semi-Impro-Intermezzi, in denen sie Bauchsparverträge oder Wohlstandsverwahrlosung thematisiert, so lange aus, bis man fast dankbar dafür ist, wenn sie zurück in die offizielle Liedzeile findet. Dazwischen gibt sie die gestrenge Pädagogin, die so lange auf ihre Unterrichtsfolien einkritzelt, bis diese erschöpft aufgeben und vergessen, dass sie jemals ein geradliniges Ziel verfolgt haben. Die Mischung aus anspruchsvoller Musik und völlig freidrehender Blödelei ist gewöhnungsbedürftig bis völlig unvereinbar. Aber man merkt schnell, man hat keine Chance, sie will es so. Fordern. Also konsumiert man in quasi schizophrenem Zustand die Absurdität ihrer Lektionen und ihre Musik. Doch hofft das Harmoniebedürfnis, sie möge noch eine Weile ins Mikro säuseln, raunen, schreien und Arien trällern - nichts scheint ihrer Stimme unmöglich, sogar ein Tango in jiddischer Sprache (für Laien klingt es nach Schwitzerdütsch) fällt an diesem Abend ab. Sie zitiert aus anderen Liedern, Zeiten, Dialekten und Persönlichkeiten. Ein Abend mit ihrer Musik wär Pädagogik genug.

Anna Maria Scholz ist 34 Jahre alt, lebt immer noch in Dresden und holte sich für ihr aktuelles Programm Inspiration aus den Schulheften ihres Sohnes. Ergebnis sind zwei ausverkaufte Konzertabende, denen noch einige folgen werden. Sie hat sich von der Gauklerwelt des Dresdner Schaubudensommers ins große Fernsehformat gearbeitet, ohne sich inhaltlich von ihren Anfängen verabschiedet zu haben. Die ständige Ernennung zur Dresdnerin des Jahres ist einerseits nachvollziehbar. Andererseits gibt es doch gar keine Konkurrenz, an der sie sich messen lassen müsste. Gegenmeinungen senden Sie bitte an die Kulturredaktion dieser Zeitung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2012

Juliane Hanka

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr