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Anna Mateur: Auf dem Weg zur monatlichen Dresdner Kultshow

Anna Mateur: Auf dem Weg zur monatlichen Dresdner Kultshow

Ganz zum Schluss war der Saal wieder total in ihrem Bann: Wenn Anna Mateur singt - und das tut sie bei Klassikern immer in eigenen, ausufernden Arrangements - dann kann keiner nicht lauschen.

Da sie dies aber nie ohne kurze Ausflüge in schräge, gern auch hyperfrivole Improvisation schafft, wird ihr Publikum sofort wieder in den Kontext zurückgeholt: Hier - mittendrin im Spaß - passiert Kunst nur ganz nebenbei. Das geschah leider nur vier Mal. Und dennoch wird das Chaos nun zum Kult.

Das Phänomen Anna-Maria Scholz - Dresdner Unikatin des Jahrganges 1977 und seit 2003 examinierte Diplomsängerin, als junge Mutter dauer-, weil "bedeutungsschwanger" - gilt als Meisterin der derben Heimatkunde samt Mundart in Form von verschiedenen Nuancen der Adaption gemeiner Vulgärsächsinnen, wie man sie derzeit recht häufig in großen deutschen Nachrichtensendern hört. Doch hier ist das Ironie oder gar Satire und darf demzufolge mindestens alles. Das passiert natürlich - und dafür wird sie johlend geliebt. Auch bei neuen, gewöhnlich recht komplizierten Formaten. So war auch die zweite Ausgabe ihres monatlichen "Büros für Ordnung und Chaos" rasch ganz voll, wofür in der Dresdner Scheune 250 besetzte Stühle nötig sind und die Ehrengästeliste zum Start als Prolog akribisch abgefragt wird.

Doch wie geht man damit um, wenn man schon vor der Show weiß, dass auch der nächste Termin am 31. März schon ausverkauft ist? Richtig: Man geht es locker an und lässt sich Zeit. Dabei ist das "Büro" echt aufwendig produziert - ein festes Quintett plus vier Gäste, dazu der Dresdner Gnadenchor, der zu Freddy Quinn immer nur "Wir" und zum Schluss "Ihr" singen muss, waren es dieses Mal. Zwei Musiker namens Jan und Björn hinten, davor der lustige und behütete Spanier David Campesino, der als "Kamerakind" diverse nähere Einblicke von der Bühne auf die Leinwand projiziert und ansonsten diese per Tablet mit aktuellen Gedanken füllt. Den Sidekick gibt als "Schriftführer" Max Rademann als recht ruhiger Gegenpart, während ganz vorn die Chefin agiert und schlechte Witze mit dem Gang zur Kalauerkasse bestraft.

Vor der Pause präsentiert sie Slam-autor Michael Bittner, der sich in gewohnter Attitüde seinem akuten Lieblingsthema, dem gemeinen Dresdner Bösmenschen widmet, und Martin Zerrenner. Der ist einerseits Bassist einer Surfrockcombo namens "The Roarings 420s" (am Freitag als Vorband im Beatpol, weil die Drummerin dort an der Bar arbeitet, so Zerrenner), andererseits autodiaktisch-versierter Buchbinder. Er ist nonchalant bis witzig und bindet live auf der Bühne in neunzig Minuten Handarbeit die mitgebrachten Tagebuchseiten, Rechnungen oder Nacktfotos der Akteure zusammen, was zum Schluss für einem guten Zweck versteigert wird.

Nach der Pause wird das Geplänkel plötzlich ernster: Anna Mateur hat sich - eingeleitet mit einem lustigem Filmchen über Barriereunfreiheit in der Scheune ("Vier Sherpas, bitte an die Treppe!") - mit Annett Heinich und Sören Haak zwei neustadtbekannte Rollifahrer eingeladen, plaudert mit ihnen durchaus werthaltig über Integration und Inklusion und wahrt dabei geschickt die Höhe der Gürtellinie beim Witzeln.

So erfährt man, dass es in der Neustadt ganze fünf barrierefreie Kulturorte gibt, eine einfache Ein-Stufen-Rampe schon für 30 Euro zu haben und damit für Ladeninhaber eine Sache des guten Willens ist, während ein Aufzug zum Scheunesaal wohl 80 Riesen kostete. Bei der Versteigerung ging Zerrenners Buch nach einem harten Informatikerzweikampf - nach weit über drei Stunden Unterhaltung - für 130 Euro weg. Ob dafür nun drei oder vier Rampen finanziert werden und was der fleißige Buchbinder davon bekommt, war zum Schluss egal, die hinteren Reihen hatten sich schon leicht gelichtet, als per Song Schluss war.

Erst für den 28. April gibt es nun die nächsten ordentlichen Bürokarten. Zuvor beglückt sie mit ihrem aktuellen Tourprogramm samt The Beuys "Protokoll einer Disko", das hier vor fünf Monaten eine ebenso chaotische wie gefeierte "Vorpremiere" erlebte, die Berliner "Bar jeder Vernunft" (15. bis 19. April). Das neue Format hingegen gehört nur in die Scheune.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.02.2015

Andreas Herrmann

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