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Andreas Staier beim Heinrich Schütz Musikfest

Das Vergnügen im Traurigen Andreas Staier beim Heinrich Schütz Musikfest

Gelegentlich verschlägt es Konzerte in Räume, die dabei ihre Reserven als Konzerträume offenbaren. Einen Vertrauensvorschuss in die Qualität eines solchen "Exoten" wie den Saal im Stadtmuseum gibt es allerdings schwerlich.

Dresden. Gelegentlich verschlägt es Konzerte in Räume, die dabei ihre Reserven als Konzerträume offenbaren. Einen Vertrauensvorschuss in die Qualität eines solchen "Exoten" wie den Saal im Stadtmuseum gibt es allerdings schwerlich. Immerhin kamen nicht zu wenige und dafür zu Recht dankbare Zuhörer zum letzten Dresdner Programm des Heinrich Schütz Musikfestes, in dem sich der Cembalist Andreas Staier des nicht leicht konsumierbaren Themas der melancholischen Musik annahm.

Ein im 17. Jahrhundert aus Krieg und Krisen geborener Fatalismus hatte eine Lebenshaltung bewirkt, die sich als eigener, als melancholischer Ausdruck in der Musik der Zeit niederschlug und von einigen Komponisten geradezu mit Vergnügen kultiviert wurde. Aus deren Werken traf Andreas Staier eine Auswahl, in der die philosophische Tiefe und der kompositorische Anspruch gleichermaßen zur Geltung kamen. Einige Erläuterungen waren zudem hilfreich, denn das Thema des Abends, der unter der Überschrift "pour passer la mélancolie" stand, ist ein relativ unbekanntes Seitenthema der Musikgeschichte. Sich klingend mit dem Tod von Freunden oder Herrschern auseinanderzusetzen oder das Leben zu reflektieren, war für Musiker des Frühbarock alltäglich. Noch heute versteht man ihre "Sprache" und darin festgehaltene Emotionen genau.

Bemerkenswert war der Gleichklang in den Kompositionen von Johann Jacob Froberger, Johann Caspar Fischer oder Georg Muffat auf der einen und Jean-Henry d'Anglebert, Louis Couperin sowie Louis-Nicolas Clérambault auf der anderen Seite. Musikalische, geistige Inhalte übersprangen vor weit über 300 Jahren mühelos Ländergrenzen und nebenher machte das Konzert klar: Europäische Kultur war stets ein Ganzes mit Facetten und das heutige Dogma der Verschiedenheit ist wohl eine Chimäre. Andreas Staier legte dies musikalisch höchst eindrucksvoll offen. Er dividierte nicht auseinander, sondern verband stilistisch die scheinbar verschiedenen Welten. Die gern harmlos getragen beginnenden Stücke zeigten sich immer wieder als virtuos anspruchsvoll für ihren Spieler bis zum Äußersten. Was nicht verwundern soll, denn ihre Komponisten waren Virtuosen in ihrer Zeit. Und Staier durchdrang diese Stücke mühelos. Ihm gelang noch im dichtesten Dickicht der Stimmen einer Passacaglia (Fischer), das Thema bestimmend herauszuheben, die Zäsuren stets konsequent und im rechten Maß zu setzen und die gedankliche Größe nachzuvollziehen. Nuancen in Timbre und Stärke durch gekonnte Manual- und Klagfarbenwechsel, feinste Tempobewegungen und ein Atmen im Spiel erschlossen die Werke höchst detailreich und dabei ganz selbstverständlich. Am gespannten Hören war zudem ablesbar, dass die Dramaturgie in Andreas Staiers Programms sehr geglückt war und auch der lange Applaus am Ende sprach für sich.

von Hartmut Schütz

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