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Andreas Reimann ist "poet in residence" im 20 Jahre alten "BuchHaus Loschwitz"

Andreas Reimann ist "poet in residence" im 20 Jahre alten "BuchHaus Loschwitz"

Diese Stadt zieht Andreas Reimann aus dem Haus. Stundenlang kann er am Elbufer spazieren, sich einfach in einen Bus setzen, gespannt darauf, was ihn am Ende erwartet.

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"poet in residence" Andreas Reimann zwischen den Buchhändlern Michael Bormann und Susanne Dagen im "KulturHaus Loschwitz".

Quelle: Tomas Gärtner

"Ich komme gar nicht zum Arbeiten, weil ich so viel gucken, anschauen muss", seufzt der 68-jährige Leipziger Dichter. Hier darf er sich solch "geplanter Ziellosigkeit" hingeben. Drei Monate als Stipendiat, als "poet in residence" im BuchHaus Loschwitz hat er Zeit dazu. Bis Ende März noch kann er es genießen, dieses "seltene Vergnügen des Nichtstuns".

Schon beschleicht ihn schlechtes Gewissen, man könne ihn für einen faulen Kerl halten. Kurz blickt er beim Gespräch am Caféhaustisch auf, unter den weißen Augenbrauen hervor, ein Lächeln huscht über sein Gesicht, und man weiß: Ganz so ernst muss man das nicht nehmen. Denn inzwischen sind 15 neue Gedichte angefangen. Drei hat er jetzt erstmals vorgetragen, den Gästen beim Jubiläum zum 20-jährigen Bestehen der Dresdner Buchhandlung.

Diese Verse nehmen uns mit in die Nacht, wo im "Erdschwarz" die Häuser am Fluss auf leuchtenden Säulen stehen, "Blaupflaumenschimmer" auf Pflastersteinen liegt und all dies in die Szenerie eines Märchens mündet. Sie zeigen uns eine Mistel als "Vogel Grün", einen Schmarotzer, der zugleich Glück verheißt. Oder sie lenken unseren Blick auf Strandgut am Flussufer, Betrachtungen in einem Moment zwischen Schmerz und einer Ahnung des Glücks. Als Idyllen bezeichnet er diese drei Gedichte. Anscheinend legt das Elbtal das Schwelgen in Schönheit nahe. "Wenn man sich die Bilder der Romantiker im Albertinum anschaut und diese Landschaft dazu sieht, hat man großes Verständnis, dass so etwas entstanden ist."

"Am Hausberg der Verschonten" will Andreas Reimann den Zyklus nennen. Die Gedichtzeilen dafür formen sich im Verborgenen. "Früher sind sechs Fassungen auf dem Papier entstanden. Jetzt fünf im Kopf. Und dann setze ich mich in ein Café und schreibe die auf. Das sehen die Leute wahrscheinlich nicht als richtige Arbeit an."

Selbst die Formstrenge scheint ihm in Leib und Blut übergegangen. "Ich nehme mir nicht vor, einen Text in einer bestimmten Form zu schreiben. Ich merke erst hinterher, dass es ein Sonett oder eine klassische Odenstrophe geworden ist."

Auch wenn Tal und Elbhang einen Dichter zu Idyllen verführen, ungebrochen geschieht das nicht. "Mich fasziniert diese Landschaft. Doch gelegentlich kommt die Stadt mir wie ein stinkender Bovist vor. Diese Demonstrationen von Pegida vergiften die Atmosphäre. Ständig, überall wird darüber geredet. Stammtisch-Gequatsche durch die Gegend zu grölen - wenn das Meinungsfreiheit sein soll?" Besser sollte gegen Waffenexporte demonstriert werden, die Menschen zu Flüchtlingen machen. Und wenn schon Protest gegen Justiz außerhalb des Staates, dann gegen das geheim ausgehandelte Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA.

Ein politisch denkender Mensch, der seine Meinung nicht für sich behält, war Andreas Reimann schon immer. Das hat ihn 1968 ins Gefängnis gebracht, für zwei Jahre wegen "staatsgefährdender Hetze". Lediglich zwei Gedichtbände durfte er bis 1989 veröffentlichen. Welche Dimensionen seine Produktivität tatsächlich hat, zeigt die zweibändige Werkausgabe der Connewitzer Verlagsbuchhandlung.

Begonnen hat er früh. Elf war er, als sein erstes Gedicht in einer Zeitung erschien - "nicht auf der Kinderseite", wie er sagt. Gesorgt hat für diese Publikationsmöglichkeiten seine Großmutter, bei der Reimann und seine Schwester nach dem frühen Tod der Eltern und einer Zeit im Kinderheim aufwuchsen.

Eine Millionärstochter aus Dresden-Klotzsche, die Gesang studierte, nach Leipzig ging, dort 1913 bis 1923 mit dem Schriftsteller und Kabarettisten Hans Reimann verheiratet war, ihm den Stoff für seine sächsischen Anekdoten "Dr Geenich" lieferte, im italienischen Malcesine am Gardasee lebte und sieben Sprachen beherrschte. Über sie schreibt Andreas Reimann an einem Band mit Erzählungen. Seinen Aufenthalt nutzt er auch, um an den Originalschauplätzen zu recherchieren.

Das "poet in residence"-Stipendium, das ihm das ermöglicht, ist die jüngste Privatinitiative des Buchhändlerpaares Susanne Dagen, Dresdnerin, Jahrgang 1972, und Michael Bormann, 1968 in Köln geboren. 1995 eröffneten sie ihr "BuchHaus" in einem über 200 Jahre alten Häuschen im Loschwitzer Dorfkern. 2005 war das Nebengebäude nach Plänen von Robert Bünemann und Jan Lohß zum modernen "KulturHaus" umgebaut.

Drei Jahre darauf kürte sie das Branchenmagazin "BuchMarkt" zur "Buchhandlung des Jahres". Ulla Unseld-Berkéwicz von Suhrkamp gratulierte per Fax. Das ist wie andere Dokumente, Zeitungsartikel und Fotos jetzt in der acht Tafeln umfassenden Ausstellung zum Zwanzigjährigen zu sehen.

www.kulturhaus-loschwitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.03.2015

Tomas Gärtner

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