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André Rieu hat die Dresdner Messehalle tümelnd gefüllt

Flockenwirbel im Publikum André Rieu hat die Dresdner Messehalle tümelnd gefüllt

Dresden im Mai – in musikalischer Hinsicht ist das ein Schmelztiegel von geradezu weltstädtischer Vielfalt. Dass Einheimischen und Gästen der Stadt in raschem Wechsel heiß und kalt werden kann, wenn sich unterschiedlichste Künstler wie Anna Netrebko, David Garrett und nun auch André Rieu quasi die Klinken in die Hand geben.

André Rieu am Mittwochabend in der Messe Dresden.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Dresden im Mai – in musikalischer Hinsicht ist das ein Schmelztiegel von geradezu weltstädtischer Vielfalt. Dass Einheimischen und Gästen der Stadt in raschem Wechsel heiß und kalt werden kann, wenn sich unterschiedlichste Künstlerinnen und Künstler wie Anna Netrebko, David Garrett und nun auch André Rieu quasi die Klinken in die Hand geben, das zeugt von vielfältigem Kulturangebot mit großen Namen. Deren Aufzählung allein für den laufenden Monat ließe sich seitenfüllend fortsetzen.

Mitunter klingt jedoch schon eine Konzertankündigung so, als solle Vorsicht walten: „Überzeugen Sie sich selbst, warum André Rieu bereits seit Jahren mit zu den weltweit beliebtesten Live-Acts gehört“, forderte die Messe zum Kommen auf. Von Kunst und Kultur war da erst gar keine Rede. Für die Zielgruppe steuerte die Bild-„Zeitung“ eine Illustrierte mit Home-Stories bei. Teuer ausverkauft war dieser „Live-Act“ dennoch. Oder gerade deswegen.

Können 4000 Menschen irren? Aber gewiss. Wenn sie zum Beispiel eine schmeichelhaft klingende Geschäftsidee mit großer Kunst verwechseln, das wäre ein gewaltiges Missverständnis. Was aber, wenn sie gar nicht darüber nachdenken wollen, weil sie schlicht und einfach einen bunten Abend lang Abstand vom Alltagsgrau nehmen wollen? Das wäre immerhin ehrlich. Deswegen strömen sie massenhaft hin zu André Rieu und seinem Johann-Strauß-Orchester, lassen sich gute zwei Stunden lang mit einem Melodiereigen wie aus dem Wunschkonzert berieseln.

Wer wollte sich also erdreisten, solch ein „Event“ madig zu machen, zumal bei derart gepfefferten Kartenpreisen? Aber nein! Denn erstens sind es nicht immer „die anderen“, die sich irren und zweitens klingen die Fakten für sich. André Rieu trat an, „mit Musik Menschen zusammenzubringen“, das bleibt sein Ziel, er will „die Herzen erwärmen“!

Muss dazu aber haufenweise Kunstschnee überm Publikum ausgegossen werden, wenn der „Schneewalzer“ von Thomas Koschat erklingt? Welch ein Glück, dass es beim „Donauwalzer“ von Johann Strauß vergleichsweise trocken geblieben ist. Selbst wer sich bei Franz Lehárs „Da geh’ ich zu Maxim“ ein wenig Schampus gewünscht haben mag, spätestens beim „Säbeltanz“ von Aram Chatschaturjan dürften alle froh gewesen sein, dass die Musik nicht zu wörtlich aufgefasst und umgesetzt worden ist.

Ja doch, André Rieu hat das Violinspiel gelernt. Und er beherrscht die Kunst der seichten Unterhaltung. Sein beständiges Lächeln trägt gewiss mit dazu bei. Aber jedes wahres Vergnügen ist bekanntlich mit Anstrengung verbunden – und anstrengend ist hier nur, halbwegs höflich den ständigen Blick auf die Uhr zu verbergen. Jede halbe Stunde war immer nur ein Moment vergangen.

Rieu strahlt etwas aus, das früher „Schwiegermuttercharme“ genannt worden ist. Damit übertreibt er bewusst, denn spätestens wenn er zum fünften Mal betont, dass Dresden sein liebster Gastspielort sei, weil Dresden das beste Publikum habe, das auch noch am schönsten singen könne ...; irgendwann hat es jeder kapiert. Nach der Pause trödelt dieses „beste Publikum der Welt“ und nervt den zeitbewussten Impresario. Seine im Januar in Leipzig gestartete Tour – sozusagen an familiärem Ort, denn an der dortigen Oper ist sein Vater einst Musikdirektor gewesen – endete nach 14 Stationen just am Mittwoch in Dresden. Im „charmanten Ambiente“ einer Mehrzweckhalle der Messe; zu schade, dass es hier keine geeignete Spielstätte für solche Herzerwärmung gibt.

Professionell wie Konzert und kaufmännisches Beiwerk war auch die Dekoration mit großflächigen Aufnahmen vom Canal Grande über Tulpenfelder und holländische Windmühlen, ausgewählt nach der Musik. Und die wurde von Rieu & Orchester in guter Laune bestritten, wechselte zwischen Oper, Operette und Musical frisch hin und her, war mit drei Tenören, einem Wettlauf zwischen Carillon und Xylophon, viel Walzer sowie einem deutschtümelnden Schlagermedley und dem unverzichtbaren Versuch, das Publikum mitsingen zu lassen, süßsauer gewürzt. Tschaikowskis „Capriccio Italien“ und „Lustig ist das Zigeunerleben“ (!) in einem Programm, dass muss man erst mal schaffen. Heiß und kalt eben.

Aber nie leise. Denn mächtige Boxen sorgten für eine Lautstärke, die den Naturklang von Instrumenten und Stimmen durchweg übertönte. Hallenakustik halt. In der es letztlich egal war, ob der Showmaster eine Stradivari oder jüngere Hölzer zur Hand nahm, denn als nachgeborener Paganini erwies sich der selbsternannte Walzer-König ohnehin nicht. Als Dirigent allerdings auch nicht, denn mehr als bloßen Taktschlag mit Bogen oder freier Hand setzte er nicht ein. Seine Kapelle war auch so blendend aufgelegt.

Von Michael Ernst

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