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André Previns Oper „A Streetcar Named Desire“ an den Landesbühnen Sachsen

Düsternis mit Traumpotenzial André Previns Oper „A Streetcar Named Desire“ an den Landesbühnen Sachsen

Illusion und Wirklichkeit prallen in wenigen Theaterstücken so hart aufeinander wie in Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“. Die Geschichte ist vielen bekannt. Die gleichnamige Oper von André Previn aus dem Jahre 1998 kennen dagegen nur wenige.

Miriam Sabba (.) als Stella, Kerrie Sheppard-Klein als Blanche

Quelle: Hagen König

Radebeul. Illusion und Wirklichkeit prallen in wenigen Theaterstücken so hart aufeinander wie in Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“. Die Geschichte von der eleganten Südstaaten-Lady Blanche, die aus reichem Hause kommt, aber doch mittellos in der schäbigen Zweizimmerwohnung ihrer Schwester Stella und deren Mann Stanley Kowalski einzieht, bis sie im Schnotter-Milieu wahnsinnig wird, ist vielen bekannt. Die gleichnamige Oper von André Previn aus dem Jahre 1998 kennen dagegen nur wenige. An den Landesbühnen Sachsen feiert „A Streetcar Named Desire – Endstation Sehnsucht“ nun in der Regie des designierten Operndirektors Sebastian Ritschel umjubelte Premiere.

Im Wesentlichen folgt das Libretto von Philip Littell dem Text von Tennessee Williams, bleibt auch als Oper ein Milieustück, eine feingliedrige psychologische Studie, die Figurenverhältnisse diffizil offenlegt: Stella hat mit Stanley einen rüden „Polaken“ geheiratet, der in Pokerrunden mit seinen Freunden den „König“ spielt und auch mal zuschlägt, wenn es ihm geboten erscheint. Als die auf allen Ebenen gescheiterte Schwester Blanche DuBois auftaucht, ist für ihn der Hausfrieden gestört. Stella – mit Stanley glücklich und von ihm schwanger – verbindet jedoch innige Schwesternliebe mit der in Träumen und Sehnsüchten gefangenen Blanche, weshalb sie bei ihrem Mann immer wieder um Verständnis für diese bittet.

Nur müsste die Oper, für die der deutsch-amerikanische Komponist André Previn (*1929) die Partitur mit Anleihen aus Jazz, Blues und Filmmusik schrieb, eher „Blanche“, statt „A Streetcar Named Desire“ heißen. Denn Previn malt die Partie der tragischen Diva Blanche im Vergleich zu den anderen Figuren besonders facettenreich und tragisch aus. In Breite und Intensität wird dies zur Mammutaufgabe für jede Sängerin. Ein Glück, dass zur Premiere an den Landesbühnen äußerst kurzfristig die Sopranistin Kerrie Sheppard-Klein für die erkrankte Stephanie Krone einspringen konnte. Sie sang die Partie im Frühjahr bereits in Koblenz. In Radebeul begeistert Sheppard-Klein nun mit stimmlicher Präsenz und Ausdrucksstärke. Sie schont sich nicht, lässt gehörig Dramatik, auch ein wenig Frust und Angst in der Stimme flammen – und bringt diese verzweifelte Träumerin, die sich stets in Trugbilder und Notlügen flüchtet, bis zu ihrem traurigen Ende mitreißend auf die Bühne.

Sebastian Ritschel hat diesen Seelenkrimi in eine Inszenierung gepackt, die Verwirrung und Düsternis des Milieus gut einfängt. Er überfrachtet nichts, lässt Dialogszenen oft pur, rein psychologisch wirken, schöpft auf der anderen Seite aber alle Mittel der kleinen Bühne aus und überspielt Längen gekonnt mit bildlichen Raffinessen. So bringt etwa die Drehkonstruktion mit den drei fahlen Zimmerchen (Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad) der Kowalskis stets im richtigen Moment Dynamik in die Szene. Blanche träumt und phantasiert zudem anschaulich auf der oberen, hinterleuchteten Ebene der Bühne, was dem Ganzen zusätzliche Tiefe verleiht. Dass der erste Dialog von Blanche und Stella noch ein wenig langatmig erscheint, verzeiht man daher spätestens im dritten Akt, in dem es Schlag auf Schlag geht.

Die Musik treibt die Handlung voran, untermalt Szenen wie im Film. Breite Orchesterpassagen sind selten, Dialogszenen wie im Comic dafür Regel. Previn versteht sich auf die Illustration von Szenen, sein Klanguniversum schöpft jeweils aus der Situation. Wirkt der Ton der Elband Philharmonie Sachsen unter der Leitung von Jan Michael Horstmann zunächst in den lebhafteren Passagen noch grob, das Klangbild verwaschen, so beschwört Horstmann mit dem Orchester dagegen in den ruhigen Partien schnell eine flirrend-spannungsvolle Stimmung herauf. Und wie bei guter Filmmusik trägt die Elbland Philharmonie fast unbemerkt – doch unverzichtbar – bald zur dramatischen bis ergreifenden Wirkung bei, konterkariert auch überraschend mit Blues- und Jazzanleihen. Horstmann kann sich zudem auf ein starkes Sängerensemble verlassen, das zur Premiere nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch brilliert. Der Bariton Paul Gukhoe Song poltert und donnert als Stanley Kowalski im unerbittlichen Duktus. Miriam Sabba obliegen als Stella eher die ruhigeren, zaghaften Töne. Trotz kurzer Probenzeit bilden Sabba und Song mit Kerrie Sheppard-Klein ein passables Dreiergespann, das fast die ganze erste Hälfte der Oper im dialogischen Wechselreigen ausfüllt. Schade, dass der Tenor Christian Salvatore Malchow in der Partie des Harold Mitchell erst im zweiten Akt als Verehrer von Blanche seinen Auftritt hat. Auch er gehört zu den prägenden Stimmen am Premierenabend und entspricht gesanglich so gar nicht dem Deppen, den er ziemlich verloren mit einem Ballon auf der Bühne stehend mimen muss.

Natürlich macht Stanley der zarten Liebschaft zwischen Blanche und Mitchell schon bald den Garaus. Als er seinem Freund erzählt, was seine Recherchen über Blanches Vorgeschichte ergeben haben, ist dessen Interesse zunächst verpufft – und der letzte Stein für das tragische Ende ins Rollen gebracht. André Previn hat den immer stärker aufkeimenden Wahnsinn von Blanche im dritten Akt bildhaft in Klang gegossen, mit nervösen Flötenmotiven und einem betont sachtem (statt wütendem) Kreischen garniert. Bis zum letzten Ton nimmt einen diese tragische Story gefangen – um es mit den Worten von Blanche zu auszudrücken: „Wer möchte die Realität? Ich möchte den Zauber!“ – Das Publikum ist verzaubert und im jubelnden Schlussapplaus einig: Diese Oper ist eine gelungene Entdeckung.

nächste Aufführungen: 16. Oktober, 20. Oktober, 14. November, 19. November, Stammhaus Radebeul

www.landesbuehnen-sachsen.de

Von Nicole Czerwinka

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