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Anatomie des Krieges: Die Uraufführung "Fast ganz nah" im Kleinen Haus in Dresden

Anatomie des Krieges: Die Uraufführung "Fast ganz nah" im Kleinen Haus in Dresden

Dank Fernsehen, Rundfunk und Printmedien gehören Bilder und Meldungen über den Krieg in Afghanistan längst zu unserem Alltag - als prall gefüllte Informationsblase, während der Krieg selbst schön weit weg von uns bleibt.

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Kein Frieden, nirgends: Louise (Anna-Katharina Muck), Simon (Andreas Hammer) und Kevin (André Kaczmarczyk).

Quelle: David Baltzer

Nur wenn deutsche Soldaten verletzt oder getötet werden, rückt die endlose kriegerische "Befriedung" dieser wohl vor allem strategisch wichtigen Region ein Stückchen näher. Identifikationsreflexe lassen die Vorstellung zu, es wären die eigenen Söhne, Brüder, Väter. Ein paar Mitleidsminuten später geht unser Leben weiter - in sicherer Entfernung zu Afghanistan. Und man lächelt sanft, wenn wieder mal Peter Strucks berühmter Satz fällt: "Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt." Na klar, wo sonst - in Zypern?

Auch britische Soldaten sterben in Afghanistan. Vier scheintote britische Soldaten kommen im neuen Stück der britischen Autorin, Regisseurin und Dramaturgin Pamela Carter zu Wort: "Fast ganz nah (euer Krieg ist unser Krieg)", so sein Titel. Das Stück ist ein Werkauftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, den die Autorin im Rahmen des Berliner Stückemarkts 2012 gewann. Das Dresdner Staatsschauspiel ist Kooperationspartner, im Kleinen Haus war am Samstagabend die Uraufführung in der Regie von Elias Perrig zu sehen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt es seit nunmehr 60 Jahren. Ihr Auftrag ist es nach eigener Darstellung, "Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken". Der Afghanistan-Konflikt ist zweifellos ein geeignetes Thema für politische Bildung. Doch wie macht man daraus gutes Theater, ohne simplen Betroffenheitsmustern zu verfallen? Pamela Carter mischt in ihrem Stück jene Muster mit Zynismus. Außerdem fügt sie der Erzählebene der toten Soldaten (André Kaczmarczyk und die Schauspielstudenten Andreas Hammer, Robert Höller und Julia Keiling) den kleineren Beziehungskrieg von Ed (Torsten Ranft) und Louise (Anna-Katharina Muck) um ihren gemeinsamen Sohn Jeff (Anton Petzold, Jahrgang 2003) hinzu. Das Land Afghanistan ist vertreten durch das Mädchen Budur - zornig, traurig, offenbar heroinabhängig, das auch Jeffs Fantasiefreundin Buddy verkörpert (Tanya Erartsin).

Auf den ersten Blick könnte man das Stück eine Groteske nennen - jedenfalls wurde während der Premiere durchweg gelacht. Doch eine überzeugende Mischung aus absurd und schaurig erreichen weder der Text (in der deutschen Übersetzung von Hannes Becker) noch seine Umsetzung auf der Bühne. Das Bemühen, schlechtes Gewissen beim Zuschauer zu erzeugen, ist zu offensichtlich - dort die sich mehr oder weniger freiwillig opfernden Soldaten, hier die gleichgültigen Durchschnittsbürger Ed und Louise. Der Text ist außerdem vollgestopft mit Klischees, was dem Stück eine gewisse politische Korrektheit sichert, künstlerisch aber kaum überzeugt. Und die Personen, die den Konflikt auf eine eigenwillige Art reflektieren sollen - Ed, Louise und ihr Model (Louise ist Bildhauerin) und späterer toter Soldat Kevin (André Kaczmarczyk) -, sind zu eindimensional und bieten den Schauspielern kaum Möglichkeiten für eine überzeugende Darstellung. Am ehesten gelingt es André Kaczmarczyk als Schönling im Opferkostüm, eine Figur zu zeichnen: ein unsicherer Charmeur, der als Soldat Männlichkeit beweisen will. Torsten Ranft und Anna-Katharina Muck dagegen liefern sich meist zänkische Duelle, wobei sie ins Publikum starren - das klingt wie abgelesen. Auch die gelegentliche Unsicherheit ihrer Figuren wirkt konstruiert.

Ein paar wahrlich groteske Momente bei den Gesprächen der Soldaten bleiben in Erinnerung, wenn sich etwa die scheintoten Soldaten mit Blick über die vermeintliche afghanische Landschaft unterhalten, indem ihre Sätze ineinander greifen. Sie staunen über die Typen, die AC/DC hören und dabei Tee trinken, der Aprikosenduft erinnert sie an die geliebte Aprikosenmarmelade zu Hause. Und sie wünschen sich höflich "Gute Nacht", wenn sie in Leichensäcke hineinkriechen. Dann hört man aber schon über die Tonanlage ohrenbetäubende Flugzeug- und Gefechtsgeräusche - wohl um sicher zu gehen, dass das Publikum den Ernst der Lage kapiert hat. Dafür sorgt auch eine Menge Theaterblut, mit dem eifrig herumgespritzt wird - dafür bietet das Bühnenbild von Maren Greinke ein weißes Partyzelt mit Boden an, garantiert abwaschbar. Das Zelt ist multifunktional - es eignet sich nicht nur fürs Herumspritzen, sondern auch für Ausstellungen, eine Scheinexekution oder als Schutzbunker. Schaurig sind die Toten-Kostüme von Sara Kittelmann, die an gehäutetes Schlachtvieh erinnern. Man könnte dabei aber auch an den Anatomie-Unterricht denken - das wäre ein schlüssiges Sinnbild für das Gesamtkonzept: die blanke Anatomie des Krieges zu zeigen (zumal auch noch die "Innereien" einer Katze bei einer Bestattungszeremonie präsentiert werden).

Am Ende gab es höflichen Applaus für die Darsteller und das Inszenierungsteam, auch für die Autorin.

nächste Aufführungen: 12. &. 16.4.; 3., 10. & 17.5.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.04.2013

Bistra Klunker

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