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Anarchisch: das Dresdner Wendebuch „89/90“ wird zum Theaterstück

Uraufführung Anarchisch: das Dresdner Wendebuch „89/90“ wird zum Theaterstück

Es war 2015 ein vielbeachtetes Buch: Peter Richters „89/90“, die titelgebende Wendezeit aus der Sicht eines Dresdner Abiturienten schildernd, mit allen anarchischen Zügen jener Tage. Nun kommt der Stoff erstmals auf eine Theaterbühne, erlebt im Dresdner Kleinen Haus seine Uraufführung, unter anderem mit Live-Musik der Band Dÿse. Ein Interview mit der Regisseurin Christina Rast, Schauspieler Marius Ahrendt und Musiker Jarii van Gohl.

Ein Fingerzeig auf die lichte Zukunft? Wohl eher zum Ort der nächsten Straßenschlacht.

Quelle: David Baltzer

Dresden. Peter Richter erscheint zur Premiere des Theaterstücks „89/90“ nach seinem Roman über das letzte Jahr der DDR. Zu sehen bekommt er seine Fragmentesammlung einer Dresdner Jugend aus der Sicht einer Schweizerin. Mit beweglichen Bühnenelementen, mit Schauspielern, die Nazis, Punks, Mädchen oder Lehrerinnen spielen und mit einer Rockband, die den Geist des anarchischen Zwischenmoments feiert.

Frage: Wie viel Gegenwart sehen Sie in 89/90?“

Christina Rast: Sehr viel. Geflügelte Worte wie „Wir sind das Volk!“ wurden ja in dieser Zeit geprägt. Man ist heute ganz anders konfrontiert mit den Utopien von damals, als Helmut Kohl zum Beispiel vom „gemeinsamen Haus Europa“ sprach. Ich finde spannend, wohin sich diese Sehnsüchte entwickelt haben. Sich zu erinnern ist grundsätzlich sehr wichtig, auch für mich als jemand, der damals nicht in Dresden war.

Sie sind Schweizerin. Haben Sie sich vorher schon mal mit dem Zerfall der DDR auseinandergesetzt?

Rast: Damals war das schon ein großes Thema. Für meine politische Haltung, wir waren sehr skeptisch dem Westen gegenüber, wie der den Osten so schnell eingesackt hat. Ich hatte, genau wie Richter, das Gefühl, dass da eine Chance vertan wurde.

Schlagen Sie nun einen Haken von der Vergangenheit in die Gegenwart?

Rast: Das macht der Zuschauer von ganz allein. Dazu kommt, dass Peter Richter selber aus der Jetzt-Zeit auf seine Jugend zurückschaut, er hat ja eine Anekdotensammlung geschrieben, und das verbindet ihn mit uns allen, die wir auch zurückschauen. Die Neunziger Jahre, das war ein kurzer, rechtsfreier Raum. Dieses Fenster ging mit der sogenannten Wiedervereinigung dann schnell wieder zu.

Von den Schauspielern ist niemand aus dem Osten, fünf von ihnen waren im Wendejahr noch gar nicht geboren. Ist diese emotionale Distanz unpraktisch oder hilfreich?

Rast: Distanz ist bei gewissen Dingen hilfreich, weil man sich annähern kann. Gerade die Sache mit der emotionalen Distanz, die empfinde ich bei Richters Buch auch. Es hat einen leicht zynischen, distanzierten Ton. Mich interessiert der aber nicht so sehr, ich möchte mir nicht anmaßen zu werten. Ich bringe im besten Fall mit, was im schlimmsten Fall auch kritisiert werden kann: einen naiven Blick.

Wie haben Sie Ihr Team auf die zu spielenden Umstände vorbereitet?

Rast: Leider zu wenig. Das Team hat sich ja neu gegründet. Wir haben in den Proben versucht, über die Zeit zu reden. Authentizität ist ein anderer Ansatz; wir versuchen eher ein Kaleidoskop, eine Beschreibung aus einer Perspektive und einer bestimmten Gesellschaftschicht heraus. Das hilft uns als Sprungbrett, denn es ist nicht ganz leicht, sich das anzueignen, aber dazu kann Marius vielleicht was sagen.

Welche Person spielen Sie, Herr Ahrend?

Marius Ahrendt: Mehrere. Wir alle spielen die erwachsene Erzählerfigur, ich bin auch noch die Lehrerin Frau K. und ein Wehrlagerunteroffiziersschüler.

Rast: Da muss ich mal kurz unterbrechen. Das sind ja keine ausformulierten Figuren, auch bei Peter Richter sind das Anfangsbuchstaben, die für etwas stehen. Wir erzählen diese Figuren und Marius ist einer von den sechs Leuten auf der Bühne, die diesen Kosmos bevölkern.

Ahrendt: Genau, ich stehe für eine Orientierung, für die rechte Szene zum Beispiel und im zweiten Teil dann für den Aufbruch und dafür, wie man das neue System für sich nutzen kann.

Diese Anarchie, von der Richter spricht, was hat die mit Ihrer Jugend Ende der 2000er Jahre gemein?

Ahrendt: Die politischen Umstände sind natürlich nicht zu vergleichen, aber ich kann mich der Rolle nähern, weil ich mit 15 ähnliche Sachen gemacht habe: Mädchen wurden interessant, ich bin rausgegangen, hab mich betrunken.

Wie haben Sie sich aufs Nazi-Sein vorbereitet?

Ahrendt: Ich bin groß und blond, das reicht schon aus. Nein, das Thema ist einfach immer präsent.

Rast: Es geht doch um die Suche nach einer Identität. Das trifft auf den pubertierenden 16-Jährigen zu wie auf eine zusammenbrechende Gesellschaft.

War das eine neue Seite der Wendezeit für Sie? Haben Sie etwas über die Umbruchszeit dazugelernt?

Ahrendt: Viel. Ich kannte bisher eher die Fakten. Die Radikalität, vor allem im zweiten Teil, die finde ich spannend. Von wegen nach der Wende war es ein Land und Friede, Freude Eierkuchen. Es ist eskaliert und viele Leute sind in ein Loch gefallen, waren orientierungslos.

Wie war das für Sie, Herr van Gohl, sie sind in Thüringen groß geworden, haben die Wende als Jugendlicher miterlebt. Sind das auch Ihre Erfahrungen?

Jarii van Gohl: Ich war nicht so orientierungslos, eher frei. Aber musikalisch hat mich die Zeit geprägt. Ich bin ja in einer Kleinstadt aufgewachsen, da hat der Punkrock eingeschlagen wie eine Bombe. Nachts auf Konzerte und tagsüber in den PA-Unterricht, der Nachhall der DDR, der fast schon theatermäßig durchgezogen wurde. Dazu das Spalten in rechtes oder linkes Lager. Das beschreibt das Buch ganz schön. Ich kann mich auch ans Schnüffeln des Fleckenreinigers „Nuth“ erinnern, das haben natürlich nur Freunde gemacht.

Richters Theorie, nach der man es in der Jugend ein bisschen langweilig haben muss, um eine wirklich gute Band zu werden, teilen Sie die?

Gohl: Das ist ja jetzt noch ähnlich. In einer Großstadt wirst du die ganze Zeit bespielt. Bei uns gab es nicht mal einen Jugendclub. Wir hatten nichts zu tun außer kiffen, saufen, nuthen – schöne Textzeile übrigens – also trieb es uns in den Proberaum.

Und jetzt haben Sie einen Retro-Soundtrack zum Stück komponiert?

Gohl: Der Geist des damaligen Punkrocks ist in der Musik zwar präsent, aber wir covern keine DDR-Punksongs. Wir haben mit neuem Equipment in Gedanken an damals komponiert. Wer meine Band kennt, bekommt ein entsprechendes Stück serviert, aber es wird auch kein Dÿse-Konzert.

Rast: Punkrock war damals eine wichtige Untergrundbewegung. Was sollen wir Anarchie auf der Bühne darstellen, ohne sie je erlebt zu haben? Für dokumentarisches Theater bin ich die falsche, deshalb ist Dÿse eine wichtige Farbe im Stück. Außerdem ist die Musik auch der rote Faden durchs Buch.

Wie nah inszenieren Sie eigentlich am Buch?

Rast: Wir arbeiten fast ausschließlich mit Texten aus dem Buch und über die Komprimierung von 400 Seiten auf ein zweieinhalbstündiges Stück geschieht automatisch eine Interpretation.

Sie interpretieren gemeinsam, mit Ihrer Schwester Franziska Rast, die die Bühne gestalten wird. Womit haben Sie angefangen?

Rast: Das Thema des Gesellschaftszerfalls hat uns interessiert. Wir brauchten eine Übersetzung für die Bühne, suchten etwas Fragmentarisches, mit beweglichen Elementen; Symbole wie Helmut Kohl oder die DDR-Fahne.

Es könnte also ein beweglicher Helmut Kohl über die Bühne laufen?

Rast: Könnte passieren.

Das Theaterstück „89/90“ nach dem Roman von Peter Richter und mit der Band Dÿse feiert am Sonnabend im Kleinen Haus seine Uraufführung. Die nächsten Aufführungen sind am 1., 10., 16. und 24.9, jeweils um 19.30 Uhr. Karten kosten 18 bis 20 Euro.

Von Juliane Hanka

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