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AnNa R. gastierte mit Gleis 8 im Alten Schlachthof

AnNa R. gastierte mit Gleis 8 im Alten Schlachthof

Die Tickets sind gelöst, das Publikum steht bereit, direkt am Gleis 8 soll er einfahren, der Zug mit unbekannter Richtung. Vorn dran sitzt eine alte Bekannte, eine Freundin, eine charismatische Sängerin, nebst engagierter Begleitung.

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AnNa R. war über 20 Jahre lang als Sängerin von Rosenstolz bekannt. Seit einem Jahr singt sie in ihrer neuen Band Gleis 8, die seit Ende November durch ganz Deutschland tourt.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Kraftvoll, zugkräftig und nahbar möchte sich AnNa R. ihren Fans präsentieren. Ohne Verspätung, gut gelaunt, vielleicht etwas aufgeregt und entschlossen betritt sie die Bühne. Sie fragt "Wer ich bin", verschenkt "Eine Sekunde" und gibt für Liebe keine Gewähr. Das alles animiert ausdrücklich dazu, die Parallelen zu Rosenstolz zu suchen, der Formation, der sie jahrelang ihre Stimme gab und damit einen wesentlichen Anteil am Erfolg hatte.

Am Gleis 8 sucht man vergeblich Peter Plate, dafür findet man dort drei neue Musiker, die neben der Sängerin auftreten und den Ideen von Andrea Natalie Neuenhofen folgen wollen. Kein leichtes Unterfangen, denn es ist schwer, einen eigenen neuen Stil zu etablieren, der weit genug von Rosenstolz entfernt ist, die alten Fans nicht verschreckt und trotzdem in Wort und Ton unverkennbar ist. Dieses Ansinnen könnte die Begründung dafür sein, dass man versucht, die Band in den Fokus zu rücken. Die drei Stammmusiker nebst der vier Gäste, die die erste Tour unterstützen, pressen sich gern in den Vordergrund, das hat allerdings zur Folge, dass Frau Neuenhofen sich unter Druck setzen lässt. So entsteht ein permanenter Kampf um die Hörbarkeit und die Aufmerksamkeit. Immer dann, wenn die Sängerin den Anschluss verliert, fährt der Zug ab, und es gelingt ihr kaum aufzuspringen.

Auf diese Weise fällt es schwer, den einzelnen Texten zu folgen. Was AnNa R. der Musik draufzusetzen hat, ist mehr als nur der Einheitsbrei von Liebe und Glück, Trennung und Schmerz, die Songs erzählen schöne kleine Geschichten, ähnlich wie das bereits bei Rosenstolz der Fall war. Aber sie treten in den Hintergrund. Möglicherweise hat Gleis 8 zu viel gewollt, die ganz große Rockbühne, das Knaller-Konzert, laut und unüberhörbar. Dem großen Bahnhof, den die Fans im Alten Schlachthof bereiteten, hätte es gut getan, wenn der Fahrplan nicht ganz so vollgestopft worden wäre, wenn sich die neue Band etwas Zeit genommen, nicht den Drums so leichtfertig die Bühne überlassen und sich stattdessen mehr den leisen Tönen zugewandt hätte. Das hätte einerseits die Inhalte in den Vordergrund treten lassen, andererseits die Stimmung in ein anderes Licht getaucht.

Allein fällt es AnNa R. schwer, gegen eine siebenköpfige Band anzurennen und dabei nicht unterzugehen. Das ist auch ein deutlicher Unterschied zum Vorgängerprojekt Rosenstolz, das zugegebenermaßen ein eigenes Genre etablieren konnte und eine Fangemeinde ansprach, die bis dato selten die passende Musik gefunden hatte, eine textlastige und moderne Musik, die zur Zigarette danach genauso passte wie zum Tanz durch die Nacht. Wenn Gleis 8 auf diesen Schienen weiterfahren will, dann wird das sehr schwer.

Immer dann, wenn es darum ging, etwas zu spielen, mit Worten zu experimentieren, während der Zugabe den "Teufel" etwas ruhiger tanzen zu lassen, das Saxophon mal pointiert einzubauen, die Percussion die Spots setzen durfte, dann war man gern dabei. Gleiches gilt für die beiden Fremdvertonungen. "Ich dreh mich um dich" von Herbert Grönemeyer zeigte ebenso eine bemerkenswerte Facette wie die Silly-Frage "Wo bist Du"? Was mit Gleis 8 daraus entstand, das war keine billige Kopie, kein herzloses Nachspiel oder ein zweiter Aufguss, Gleis 8 gab der Musik einen neuen Ansatz, den Texten eine eigene Sprache und punktete ganz gewaltig. Die Fans honorierten die Konzertbemühungen brav, klatschten so weit möglich mit, waren aber auch damit beschäftigt, die neue AnNa R. und ihre Musik kennenzulernen.

Am Ende des zweistündigen Aufenthalts blieben wenige am Bahnsteig stehen, bis der letzte Zugabeton verklungen war, hatten sich manche bereits zurückgezogen, auch ein Zeichen, dass man möglicherweise etwas anderes erwartet hatte. Aber was bleibt, ist die Idee, weiter für all diejenigen zu spielen, die sich gern an emotionalen Texten erfreuen, die genussvoll ihre eigene Welt in den Stücken finden und sich dem Charme einer AnNa R. ergeben wollen. All die, die sich trauen zu sagen "Ich liebe dich nicht", die ihre "Zeit" gern für andere verschwenden, die "Eine Chance" suchen, finden weiterhin in der Sängerin eine streitbare Freundin.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.12.2013

Stephan Wiegand

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