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An Dresdens Staatsoper gehören Konflikte zur Tagesordnung - der Versuch einer Zusammenfassung

An Dresdens Staatsoper gehören Konflikte zur Tagesordnung - der Versuch einer Zusammenfassung

Sachsens Kunstminister haben es in den vergangenen Jahren nicht leicht gehabt mit ihrem Flaggschiff Semperoper und der an das Haus gebundenen Sächsischen Staatskapelle Dresden.

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Christian Thielemann, Chefdirigent der Staatskapelle seit 2012

Quelle: Matthias Hiekel

Personalquerelen, Finanzprobleme, Erklärungsnöte, Sachzwänge, mehr oder weniger glückliches Agieren. Man könnte vermuten, auch in diesem Bereich kreise die Elbresidenz Dresden wie so oft um sich selbst, aber es gab viele Handlungsträger in diesen Theaterdramen.

In die Amtszeit Hans Joachim Meyers (CDU) von 1990 bis 2002 fiel die Causa Christoph Albrecht versus Giuseppe Sinopoli. Albrecht, dem aus Hamburg gekommenen Nachwendeintendanten, der auf den stasibelasteten und 1990 geschassten Gerd Schönfelder folgte, gelang es ab 1991, die Staatsoper durch die politischen und wirtschaftlichen sowie strukturellen Veränderungen in ruhiges und künstlerisch anspruchsvolles Fahrwasser zu manövrieren. Ohne das Dresdner Stammpublikum zu verprellen, schaffte er es, die auch immer zahlreicher nach Dresden strömenden Touristen in sein Haus zu holen. Natürlich waren nicht alle Aufführungen und Inszenierungen Sternstunden seines Hauses - wo gibt es solches schon. Aber bereits Albrechts Intendanz hatte darunter zu leiden, dass die finanzielle Ausstattung der Oper durch den Freistaat immer deutlicher den Etats vergleichbarer Institutionen anderer Bundesländer und den Notwendigkeiten hinterher hinkte. Auch Albrecht hatte - und da sind Parallelen zum aktuellen Fall des vor vier Tagen durch den Freistaat Sachsen gekündigten designierten Opernintendanten Serge Dorny zu entdecken - so manches Scharmützel mit der Staatskapelle und deren damaligem Chefdirigenten Giuseppe Sinopoli auszufechten. Der Italiener, seit 1992 bei der Kapelle in Dresden, wusste seine Ansprüche dezidiert durchzusetzen, vermutlich auch gegen Vorstellungen Albrechts von Zusammenarbeit. Damals wie auch jetzt im Fall Thielemann - Dorny war aber zu konstatieren, dass der künstlerische, sprich musikalische "Ertrag" der Arbeit des Chefdirigenten qualitativ hochrangig war und der Staatsoper auf der orchestralen Seite das geben konnte, was ihr internationales Renommee verlieh und wofür ihr zum Beispiel im Bereich teurer Gastsänger durch den gedeckelten Etat zunehmend die pekuniären Voraussetzungen fehlten.

Intensivere Bindung: Sinopoli

Albrecht auch holte Semyon Bychkov ans Haus. 1999 begann der als Chefdirigent der Staatsoper, also neben Sinopoli, der als Chef der Kapelle vorstand. Man musste nicht Prophet sein, um zu wissen, dass das auf Dauer nicht funktionieren konnte. Spätestens seit der Bekanntgabe Sinopolis im Jahr 2000, dass er ab 2003/04 zudem Generalmusikdirektor der Oper werden würde, waren die Tage Bychkovs gezählt. 2003 ging dieser noch vor Ablauf seines Vertrages aus Dresden weg und hinterließ hier nur wenige künstlerische Spuren, sein Wirken blieb eher eine Marginalie in der langen Geschichte der Dresdner Oper.

Der intensiveren Bindung des charismatischen Sinopoli an Dresden vorausgegangen waren immer wieder ostentative Statements des Orchesters, das ihn in umfangreicherer Verantwortung sehen wollte. Was nicht ohne Wirkung blieb. Christoph Albrecht wechselte 2003 nach München, und auf seine Dresdner Position kam im selben Jahr mit Gerd Uecker ein absoluter Wunschkandidat Sinopolis.

Das Glück schien vollkommen. Doch mancher Schicksalsschlag ist auch nicht von Menschenhand gemacht. Im April 2001 reagierte die Musikwelt geschockt: Giuseppe Sinopoli war im Alter von nur 54 Jahren in Berlin in Folge eines Herzinfarktes gestorben. Gerd Uecker sah sich in der Vorbereitung seiner Amtszeit plötzlich mit völlig neuen Problemen konfrontiert. Insofern war es als glückliche Fügung zu betrachten, dass mit dem Niederländer Bernard Haitink schon recht bald ein renommierter Künstler zum Chef berufen werden konnte. Im Juni 2001 setzten Uecker als Opernintendant ab 2003 und Haitink als Chefdirigent der Staatskapelle ab 2002 ihre Unterschriften unter die Verträge, Kunstminister Meyer sprach von einem geschichtsträchtigen Moment.

Das war er auch, aber es sollte nicht bei reiner Harmonie bleiben. Anfang 2004 hatte sich die Staatskapelle nach interner Orchesterversammlung mit überzeugender Mehrheit für Fabio Luisi und damit gegen die Mitkandidaten Christian Thielemann, Daniele Gatti und Myung-Whun Chung als Nachfolger Haitinks ausgesprochen. Eine Entscheidung, über die sich Haitink damals not amused zeigte. Er kritisierte das Votum, sprach gar davon, dass es nicht sauber entstanden sei, attackierte Sachsens Kunstminister und Meyer-Nachfolger Matthias Rößler (CDU, 2002-2004) und forderte eine neue Abstimmung. Sein Einspruch blieb zumindest für das Verfahren ohne Wirkung. Haitink ging - ein Jahr vor Vertragsablauf - und hinterließ ein erneut führungsloses Orchester und etlichen Unfrieden.

Bald Ernüchterung: Luisi

Luisi kam schließlich 2007 nach chefloser Zeit zum Orchester und zudem auch als Generalmusikdirektor an die Oper. Angesichts dessen, dass sich die Staatskapelle überraschend schnell für ihn als Chef entschieden hatte, war es doch verwunderlich, wie rasch anfänglicher Euphorie Ernüchterung über die künstlerische Zusammenarbeit zwischen Staatskapelle und Chef folgte. Luisi war zwar wie Sinopoli auch Italiener, aber wohl mit weniger Durchsetzungskraft und künstlerischer Ausstrahlung ausgestattet. Es gab Auseinandersetzungen um unterschiedliche Auffassungen zu Kompetenzen. Gleichzeitig tauchte immer häufiger der Name des 2004 in der Abstimmung noch unterlegenen Thielemann als Wunschkandidat der Staatskapelle auf. Luisi wählte Angriff als Verteidigung und kündigte bereits 2009 an, seinen Vertrag nicht über 2012 hinaus verlängern zu wollen. Kurze Zeit darauf, nach sensationell kurzer Verhandlungszeit, wurde Thielemann vom Kunstministerium als Chefdirigent der Staatskapelle ab 2012 präsentiert.

Ein Affront für Luisi, dem noch etliche weitere folgen sollten. Er zog im Februar 2010 die Reißleine, verkündete seinen sofortigen Abgang aus Dresden und gab unter anderem familiäre Gründe an. Er erhielt keine Unterstützung aus dem Hause der für ihn zuständigen Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos). Fabio Luisi muss dieser Vorgang - Thielemann und das Handeln von Politikern betreffend - als Déjà-vu erschienen sein, denn Ende 2000 war er gegen den Willen des damaligen Intendanten Udo Zimmermann aus dem Rennen um den Chefposten an der Deutschen Oper geworfen worden: Berlin setzte Luisi den Stuhl wieder vor die Tür, und der spätere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, damals Fraktionsvorsitzender der Berliner SPD, schwang sich zu den Worten auf: "Was sollen wir mit einem Herrn Luisi, wenn wir Christian Thielemann haben."

Jetzt hat Dresden Christian Thielemann. Sein Antrittskonzert als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Ende August 2012 widmete er dem Andenken der Intendantin Ulrike Hessler, der bis zu ihrem Tod nur eine kurze Zeit an der Spitze der Oper vergönnt war.

Thielemann, der gefeierte Chefdirigent, für manchen musikalischer Heilsbringer, verhandelt und fixiert knallhart seine Ansprüche. Das ist hinlänglich bekannt, und das wussten aus eigener Erfahrung auch das sächsische Staatsministerium und seine Ministerin. Wer nach eigener Bekundung von den Privilegien des Chefdirigenten und der Staatskapelle nicht in vollem Umfange gewusst zu haben scheint, ist ein anderer, von der Politik mit Vorschusslorbeeren begrüßter Funktionsträger: Serge Dorny. Auch hier, so drängt sich nach jetzigem Kenntnisstand immer deutlicher der Eindruck auf, hat das Ministerium alles andere als weitblickend agiert. Dornys für Herbst 2014 anberaumter Arbeitsbeginn als Intendant war in Dresden mit hohen Erwartungen verknüpft worden - und das zu Recht. Denn das künstlerische Niveau, das die Staatskapelle unter Thielemann als Maß der Dinge anstrebt, kann die Staatsoper bisher aufgrund ihrer finanziellen Situation und wegen mangelnder künstlerischer Qualität bei internen Personalbesetzungen nicht bieten.

Falsche Voraussetzungen?

Hier sollte Dorny zukunftsträchtig wirken, und seine Ankündigungen ließen Hoffnung aufkeimen. Ob diese aufgrund der per Dienstregelung für die Staatskapelle und Vertrag für Thielemann festgelegten komplizierten Verhältnisse überhaupt hätten gedeihen können, bleibt eine noch zu beantwortende Frage. Und die, ob der Belgier Dorny unter völlig falschen Voraussetzungen nach Dresden gelockt wurde, auch.

Wer hier letztlich den Kürzeren ziehen wird, scheint klar. Wie viel das den Freistaat angesichts eines Fünfjahresvertrages von Dorny kosten wird, ist hingegen offen. Sowohl das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst als auch Thielemann wollten sich auch gestern nicht äußern und verwiesen auf eine für heute anberaumte Pressekonferenz mit vielen Beteiligten, aber ohne Dorny.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.02.2014

Kerstin Leiße

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