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Amsterdam zeigt eine Oper über Marilyn Monroe und einen neuen "Parsifal"

Amsterdam zeigt eine Oper über Marilyn Monroe und einen neuen "Parsifal"

Die von den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilder forcierten Kürzungs-Einschläge treffen die Kulturszene in unserem Nachbarland zwar erst in der Peripherie voll, aber zu spüren sind die Erschütterungen auch in den Leuchttürmen.

Weil sich die bürgerliche Minderheits-Regierung in Den Haag auf die Duldung durch den blondgefärbten Islamkritiker einließ, konnte der als erstes in der als zu liberal verdächtigen Kulturszene aufräumen. Da wird dann die Oper zum Privatvergnügen für Linksliberale, die dann auch dafür auch (voll) bezahlen sollten. Eine Brechstangenlogik in der Argumentation, die durchaus auch in Deutschland die Sinne in einer Debatte schärfen sollte, bei der Autoren damit Kasse machen, dass sie eine notwendige Debatte über Finanzierungsstrukturen mit einem neoliberalen Sinn-Kurzschluss aufmöbeln wollen und das ganze Kulturinfarkt nennen.

Sei's drum. Noch sind die großen Orchester und die Oper in Amsterdam arbeitsfähig. Doch in dem politischen Kontext wird es zu einem Akt trotziger Selbstbehauptung, wenn die Nederlandse Opera zum Holland-Festival in der historischen Stadsschouwburg die Uraufführung einer Marilyn-Monroe-Oper riskiert und gleich zwei Tage später im Het Muziktheater einen neuen "Parsifal" folgen lässt.

Pierre Audi, der mit seinen bislang 24 Intendanten-Dienstjahren zu den europäischen Rekordhaltern gehört, ist seit 2005 künstlerisch auch für dieses Festival zuständig. Im Falle der notorisch zu spät gekommenen, zwar schon fünfzig Jahren toten, aber immer noch höchst lebendig stilprägenden Marilyn Monroe (1926-1962) bilden der holländische Komponist Robin de Raff und seine Librettistin Janine Brogt, das Nederlands Kamerorkest mit Steven Sloane am Pult und Regisseurin Lotte de Beer die Wartegemeinschaft, die für ihr Ausharren von einer erstaunlich Marilyn-like auftretenden und höchst überzeugend singenden Laura Aikin belohnt wird. Nun ist der Titel "Waiting for Miss Monroe" über dieser Mythos-Einkreisung ungefähr so weit vom Klischee entfernt, wie es ein Stück mit dem Titel "Trinken mit Herrn Juhnke" wäre. Dauer-Knatsch am Hollywood Set, der berühmte Happy-Birthday-Mister-President-Auftritt und der Todestag reichen für den Plot. Alles bewegt sich emotional aufgeputscht zwischen ständigem Absturz und dem Wiederaufrichten der Diva. Am besten in den grotesken Traumbildern mit den hier etwas denunzierten Kennedybrüdern, dem Ex Ehemann und Clarke Gable. Das ist nicht übermäßig originell, aber theatertauglich ohne avantgardistischen Ehrgeiz komponiert und von Lotte de Beer (die in Leipzig gerade ein hintersinnig opulentes Schlaues Füchslein inszeniert hat) mit flott verschobenen Kulissen für Filmset oder Garderobe angemessen szenisch umgesetzt. Auch auf die berühmtesten Marilyn-Kleider muss niemand verzichten. Das hochwehende weiße Kleid überm U-Bahn Schacht gibt's und das hautfarbene, lange Glitzerschmuckstück für den Auftritt im Madison Square Garden zum Präsidentengeburtstag auch. Aber nicht nur deswegen ist der legendäre weibliche Bühnenblondschopf aus Amerika als Opernfigur allemal sympathischer, als der männliche Blondi, der in der niederländischen (Kultur-)Politik momentan ganz real immer wieder querschießt.

In der Oper hat Pierre Audi einen selbstinszenierten "Nibelungen-Ring" (mit Hartmut Haenchen am Pult) schon hinter sich. Und auch "Parsifal", den man sich in Holland übrigens schon 1902 am Bayreuther Verbot vorbei leistete, gab es am Beginn seiner Ära schon einmal. Klaus Michael Grübers bildstarke Inszenierung tourte noch Jahre danach durch Europa. Das wird der Neufassung wohl nicht passieren. Das Schmankerl für den neuen "Parsifal" sollte die Bühne werden, die der Raumexperte und Großmeister blankpolierter Flächen Anish Kapoor beisteuert. Vor vier Jahren hatte der mit Parsifal'scher Langsamkeit seinen roten Malschleimblock durch die Türen im Münchner Haus der Kunst gequetscht. Doch an diese irritierende Radikalität erinnert nur noch die Farbe der Felsblöcke, die im ersten Akt auf der Bühne stehen. Eine archaische Pappmaché-Kulisse für einen Amfortas, der wie Jesus im Passionsspiel auftritt und zur Gralsenthüllung ein Tuch mit seinem Blut durchtränkt, dessen bloßer Anblick den Arbeitern in diesem Steinbruch des Herrn genügt.

Dass zum Raum wird hier die Zeit, findet hinter geschlossenem Vorhang statt, ein nachvollziehbarer Verführungsversuch durch die Blumenmädchen kaum, der Karfreitagszauber gar nicht. Wiedererkennbar zu sich selbst kommt Kapoor ohnehin erst im zweiten Akt mit einem riesigen Hohlspiegel auf leerer Bühne und danach mit einer den Raum diagonal teilenden Wand mit ebenso großem Loch. Faszinierend immerhin die Spiegeleffekte und auch der düster implodierende Schluss, bei dem wenig Trost und nur Gurnemanz übrig bleiben. Szenisch gibt es so vor allem Effekte, eine Personenführung ohne Ehrgeiz, Raum für Assoziationen und offene Fragen.

Der vokale Standard hingegen kontert jede Krisendiagnose in Sachen Wagnergesang überzeugend. Vom strahlenden Parsifal Christopher Ventris über die dramatische Kundry Petra Lang, den Amfortas Alejandro Marco-Buhrmester bis Klingsor (und Titurel) Mikhail Petrenko und - trotz kleiner (Manieriertheits-)Abstriche - dem Gurnemanz Falk Struckmann. Geradezu sensationell freilich das Concertgebouw Orchester, mit dem Iván (nicht Adam) Fischer für einen wahren Wagner-Rausch sorgt. Fischer gehört zu den flotteren beim Parsifal-Marathon, setzt auf eine wunderbare Leichtigkeit und flutet den Saal geradezu mit einem betörenden Sound. Der Jubel war - wie in Amsterdam üblich - in beiden Fällen kurz, aber heftig. Und einhellig für alle.

Parsifal: wieder am 5. und 8. Juli

www.dno.nl

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.07.2012

Joachim Lange

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