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"Am kürzeren Ende der Sonnenallee" am tjg

"Am kürzeren Ende der Sonnenallee" am tjg

Wessis noch Bundis und Ossis schlicht und passend Zonis genannt wurden. Das ist 25 Jahre her. Nun, am Datum der terminlich umstrittenen Hochzeit zeigt das Theater Junge Generation (tjg) just am Einheitstag eine neue Bühnenversion von Thomas Brussigs Roman "Am kürzeren Ende der Sonnenallee".

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Ein DDR-Existenzialistenkuss in pappiger Mangeloptik: Babette Kuschel bezirzt Moritz Stephan, Daniel Langbein, Marc Simon Delfs und Hanif Idris schauen zu.

Quelle: Dorit Günter

nächste Vorstellungen: 5. Wessis noch Bundis und Ossis schlicht und passend Zonis genannt wurden. Das ist 25 Jahre her. Nun, am Datum der terminlich umstrittenen Hochzeit zwischen den beiden deutschen Nachkriegsrepubliken - es war schlicht der außenpolitisch frühest mögliche Termin des Beitritts der neuen zu den alten Bundesländern - zeigt das Theater Junge Generation (tjg) just am Einheitstag eine neue Bühnenversion von Thomas Brussigs Roman "Am kürzeren Ende der Sonnenallee". Dabei geht es um die Eroberung der schulschönsten Miriam (Charlotte Mednansky) durch den eher schüchternen und recht normalen Michael Kuppisch (Marc Simon Delfs) im Schatten des doppelten Grenzstreifens, die am südöstlichen Ende ein seltsames Biotop gebar.

Das ist insofern ein ungewöhnliches Unterfangen, weil einem Jugendtheater der Jetztzeit die passende Zielgruppe fehlt: Denn die üblichen Großeltern, Eltern, Kinder sind allesamt etwas zu jung, um der Geschichte - spielend auf der Ostseite der noch jungen Berliner Mauer in den Siebzigern und ohne Kenntnis der Wendeeuphorie und -verklärung recht einfach misszuverstehen - als ihrer eigenen zu folgen. Außerdem ist die Verfilmung von Leander Haußmann einerseits als lustige Klamotte schwer zu toppen, andererseits eine vergängliche Bestandsaufnahme, die naturgemäß recht wenig zeitloser Tiefgang innewohnt.

So hat sich Regisseurin Mareike Mikat, geboren in Oderfrankfurt im Jahre 1978, bei ihrem Dresden-Debüt am tjg für eine Verlagerung entschieden: Ab in die Achtziger, hier gibt es Kassette statt Schallplatte und Beat-Street-Musik statt Stones-Rock - und keine Schüsse auf aufmüpfige Jugendliche (obwohl der letzte Mauertote just hier in Sichtweite fiel), die sich als Clique in ihrer Freizeit zum Tanzen treffen und das jeweils zu Beginn beider Halbzeiten der Inszenierung als Quartett durchaus passabel vorführen, während sie ab und an von grellen Bundis von der Mauer beobachtet, belästigt oder gefüttert werden.

Eine weitere Entscheidung gibt der neuen Sonnenallee in einer Fassung von Ulrich Radoy Gepräge: Alle Erwachsenen jenseits vom ABV (Bestbesetzung: Roland Florstedt) und den fernen Mauergaffern im Hintergrund werden von Puppen gegeben. Annemie Twardawa, Uwe Steinbach und Christoph Levermann geben in den abstrakten Wohnungsszenen mit lebensgroßen Halbpuppen Mutter und Vater Kuppisch sowie Onkel Heinz - und (alle drei gemeinsam und natürlich im FDJ-Hemd) in der Schule die systemtreue Schuldirektorin. Dafür baute Katharina Lorenz, die sowohl für Ausstattung als auch für die Puppen verantwortlich zeichnet, eine Mauer in holzfarbener Wellblechoptik, die darüber in die durchlässige Wabenform der DDR-Moderne übergeht.

In dieser Fokussierung geht einiges verloren: Neben dem bekannten Fluss der Geschichte werden Filmfreunde neben dem Humor der großen Mimen vor allem die Stimmung der seltenen tragischen Szenen vermissen, die hier fast komplett ausgespart werden. Das Grundproblem ist jedoch ein anderes: Wenn man die Wirkung der Breakdance-Welle auf die DDR-Jugend erzählen mag, kann man das durchaus tun, aber braucht dafür nicht Brussig, Haußmann oder gar Verweise auf die Volksbühne oder den alten Besson.

Auch anfangs gelegte Ideeneier - neben den Tanznummern betrifft das die später recht willkürliche Musikauswahl (Thomas Friese) und die anfängliche Papprequisitenshow (laut Programmheft als Mangelverweis im Konsumgüterhandel zu verstehen) - werden nicht konsequent ausgebrütet. Dafür langweilen die eingebauten Hinweise auf das Baumanko des ehrwürdigen Hauses (kein Orchestergraben, kein Portal, kein Schnürboden, nicht einmal ein Vorhang). Schließlich wird wöchentlich der Baufortschritt am neuen Theaterkraftwerk öffentlich vorgeführt, währenddessen seitens der Stadt immer noch genaue Rahmenzahlen für die schöne neue Zeit ab 2017 fehlen.

Doch sobald Mareike Mikat ihre Schauspieler in pures Spielen verfallen lässt, funktioniert der Abend, wobei vor allem die Altkader überzeugen: Vorneweg Ulrich Wenzke als Miriams Rockerwessi sowie alle drei aktuellen Liebhaber von Michas recht einfältigem Schwesterlein namens Sabine (Sara Klapp), und Babette Kuschel, die sich als schräge Existenzialistin den Besttänzer Mario (Moritz Stephan) schnappt und tiefenphilosophisch in die Männlichkeit überführt. Aber auch Roland Florstedt, der hier - neben der überdrehten Schuldirektorin Löffeling - als VP-Obermeister den gesamten DDR-Staats- und Repressionsapparat verkörpern muss, auch wenn die Pickelzahl auf seinen Schulterstücken nicht stimmt.

Dieses schlichte Schauspiel, zunehmend auch miteinander, anstatt ins Publikum zu sprechen, passiert nach der Pause häufiger und hat zur Folge, dass die Film- und Buchpointe zur Bilanz einer verschwundenen Heimat recht versöhnlich funktioniert: "Es war die schönste Zeit meines Lebens. Denn ich war jung und verliebt." Viele Theaterzonis hoffen noch immer vergebens auf eine ähnlich gelungene Schilderung des Geschehens am anderen Ende der eigenartigen Berliner Allee - erst dann würde Zeitgeschichte richtig rund.

nächste Vorstellungen: 5. (19.30 Uhr), 7. (10 Uhr) & 9.10. (19.30 Uhr) www.tjg-dresden.de

Andreas Herrmann

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