Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Google+
Am Sonnabend öffnet Dresdens jüngste Galerie am Wallgässchen

"Berlin wird überschätzt" Am Sonnabend öffnet Dresdens jüngste Galerie am Wallgässchen

Am Sonnabend öffnet Dresdens jüngste Galerie am Wallgässchen: Zehn hiesige Künstler sind darin vereint - und Oliver Kratz vertritt sie. Der Mann trägt schwarzen Zwirn, was ihn noch hochaufgeschossener erscheinen lässt, als er eh schon ist.

Die Künstler und ihr Galerist offenbar noch in vorwinterlichen Zeiten (v.r.): Lucas Oertel, Antje Guske, Heinz Schmöller, Thorsten Groetschel, Simon Rosenthal, Matthias Bausch, Kerstin Junker, Constanze Deutsch, Nadine Wölk, Lars Kohl, Oliver Kratz.

Quelle: Robert Vanis

Dresden. Der Unterschied könnte kaum größer sein. Der Mann trägt schwarzen Zwirn, was ihn noch hochaufgeschossener erscheinen lässt, als er eh schon ist. Vor einigen Tagen steckte er noch in Arbeitskluft und rieb sich mit einem Lappen Farbe von den Händen. Und auch der Raum hat sich verändert. Waren die Wände noch völlig nackt, stehen nun schon überall Bilder, die gehängt werden müssen. Dazu kommen zwei Werke, Installationen, die das Gravitationszentrum bilden für die Gruppierung ebenjener Bilder.

Der Mann in Schwarz ist der Kopf der jüngsten Galerie Dresdens. Eine gewisse Ruhe macht ihn aus. Oliver Kratz, 38, ist kein Zampano. Er steht inmitten des Gewusels aus Künstlern, die er nun vertreten wird. Zehn Dresdner Künstler, die schon Anfang 2014 aus ihrer Mitte heraus die Initiative ergriffen, die schließlich wiederum zur Gründung der "Produzenten" benannten Galerie Oliver Kratz führen sollte.

Dahinter steht tatsächlich das Konzept einer sogenannten Produzentengalerie, das sicher einer Erklärung bedarf. Dabei schließt sich eine Gruppe von Künstlern zu einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts zusammen (das ist hier zumindest der Fall). Jeder Künstler zahlt wiederum eine festgelegte Einlage, mit der Summe werden unter anderem die Fixkosten bestritten. Die Laufzeit des ganzen Projekts ist begrenzt, Kratz und seine Mitstreiter denken erst einmal an zwei Jahre.

Ausgangspunkt der Neugründung war, nicht ganz überraschend, die Ausdünnung der hiesigen Galerielandschaft, nicht zuletzt die Schließung der Galerie Baer in der Neustadt, einem wichtigen Spot für zeitgenössische Kunst in der Stadt. Gegen diese Negativentwicklung war anzugehen. Eine "professionelle Präsentation", sprich einen örtlichen Ankerplatz in der Stadt, in der die Künstler zu Hause sind - das ist der gemeinsame Nenner, der zur Schaffung der Galerie "Produzenten" führte. Das wird unisono betont. Und ist angesichts der weiterhin als sehr übersichtlich geltenden Anzahl Dresdner Galerien, die sich der zeitgenössischen Kunst widmen, kaum verwunderlich. Auch wenn vor wenigen Wochen die Galerie Stephanie Kelly im Frieseneck zwischen Stadtmuseum und Frauenkirche ihrerseits einen recht beachtlichen Start hinlegte (DNN berichteten).

Kratz jedenfalls hat sich Zeit gelassen und genommen, dabei Erfahrungen gesammelt. Zwei Jahre lang habe er bei der Galerie Gebrüder Lehmann gearbeitet, erzählt er. "Die Lehmänner probieren etwas aus, werfen dich ins Wasser und schauen, ob du schwimmst. Dort habe ich mein 'Seepferdchen' gemacht, das war meine Schule", erzählt er. In den zurückliegenden Monaten hat Kratz außerdem ein dichtes Kontaktnetz in Dresdens Künstlergemeinschaft hinein geknüpft, hunderte Ateliers besucht. Es dürfte zur Zeit kaum jemanden geben, der einen besseren Einblick in die aktuellen Arbeiten hier ansässiger Künstler hat. Kratz hat Kunstgeschichte in Dresden studiert. Genannt wissen will er das aber eigentlich nicht, "weil man dann gleich in einer Schublade steckt". Er sieht sich in seiner Rolle als Galerist offenbar viel stärker als Ermöglicher.

Thorsten Groetschel, einer der Beteiligten, erinnert sich an die Anfänge, die etwa zwei Jahre zurückliegen. "Wir hatten schnell fünf Künstler beisammen, dann tauchte die Frage nach dem Galeristen auf." Auf der Dresdner Künstlermesse kam man bei einem Kaffee mit Oliver Kratz ins Gespräch - und rasch überein, es versuchen zu wollen. Und doch war es zumindest im Stadium der Idee wohl noch nicht ganz klar, dass die Galerie in Dresden ihren Ort haben würde. "Sie hätte auch in Berlin ihren Platz finden können", meint Groetschel. "Dort wären wir aber eine von zahllosen Galerien", hält Nadine Wölk dagegen, ebenfalls eine Künstlerin aus der Kratz-Mannschaft. In Dresden habe man zum Beispiel viel bessere Kontakte. Und außerdem: "Berlin wird überschätzt." Das musste wohl mal gesagt werden.

Der Platz, den sie gefunden haben, hat jedenfalls seine Reize. Es ist die letzte verbliebene Schmuddelecke am Wallgässchen, wenn man so will. Der Vorplatz der Galerie, ein holpriger Parkplatz, atmet so etwas wie Work-in-progress-Atmosphäre und könnte für das gesamte Projekt damit kaum passender sein. Der Vermieter wird von allen Seiten gelobt - auch dafür, das Fahren auf Sicht, das als Basisidee des Ganzen gelten kann, uneingeschränkt zu akzeptieren.

Auf den gut 100 Quadratmetern Ausstellungsfläche wird dabei schon der Auftakt zur Herausforderung. Jeder Künstler ist mit starken Statements in Werknatur vertreten, das will gehandhabt sein zur Zufriedenheit aller. "Mauer" von Antje Guske und "Atlas" von Heinz Schmöller bilden besagte räumliche Pole, um welche die Bilder an den weißen Wänden angeordnet werden. Beide sind dabei ihrerseits auch wieder starke Gegenstücke. Guskes schwarze Mauer mit den hellen Fugen steht gegen Schmöllers Figur eines lächelnden, in Purpur gekleideten Mädchens, das aber nicht die Welt, sondern einen Planeten aus Plüschtieren auf seinen schmalen Schultern trägt. Während also die Installationen mehr oder minder gesetzt sind in der Raumaufteilung, wechseln die Bilder nochmals ihre Plätze. Am Ende wird ein Kompromiss stehen, wie so oft im Leben.

Das Barockviertel hat mit der neuen Galerie sicher einen weiteren Anlaufpunkt in Sachen Kunstmarkt hinzugewonnen. Kratz sieht dort auch Entwicklungsmöglichkeiten. So soll es künftig in Absprache mit anderen benachbarten Galerien dazu kommen, häufiger als nur zum Termin des alljährlichen Galerienrundgangs interessiertes Publikum durch die Konvolute der Kunstwerke zu führen.

Für "seine" Künstler hat der Neu-Galerist ebenfalls schon Pläne. Unter anderem soll ein Gruppenkatalog gefertigt werden, auch eine Wanderausstellung mit den Werken aller soll entstehen. Ein Antrag auf Förderung, vor allem für die Dokumentation, ist beim Dresdner Amt für Kultur und Denkmalschutz gestellt. Bis zum Februar hofft Kratz auf eine Antwort, eine Zusage - über welche Summe auch immer.

Ganz im Gruppengeist steht gleichfalls die offizielle Galerie-Eröffnung am Sonnabend. "All in" ist die erste Ausstellung mit Werken aller zehn Künstler betitelt. Danach ist vom 24. Januar bis 2. Februar täglich von 16 bis 19 Uhr jeweils einer der beteiligten Künstler für Gespräche in der Galerie zu finden. Und am 5. Februar startet schließlich die erste Einzelausstellung mit Werken von Constanze Deutsch. Nicht gar so kleiner Coup dann zur Eröffnung: René Pape soll singen. Sage keiner, man habe kein Händchen.

"Produzenten" Galerie Oliver Kratz, Wallgässchen 1, Vernissage "All in" am Sonnabend, 18 Uhr

www.produzenten.net

von Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr