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Am Donnerstag in der Schauburg Dresden: Interview mit dem österreichischen Kabarettisten Alfred Dorfer

Am Donnerstag in der Schauburg Dresden: Interview mit dem österreichischen Kabarettisten Alfred Dorfer

nach spärlichen Dresden-Auftritten in kleinerem Rahmen - in den großen Saal der Schauburg kommt, hat vor allem mit einem Kollegen zu tun.

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Montage macht's möglich: Alfred Dorfer legt sich selbst (im zarten Alter von fünf Jahren) die Hände auf die Schulter. Sein Programm "bisjetzt" ist wohl kein Blick zurück im Zorn.Montage: Robert Peres

Dass Alfred Dorfer jetzt. Josef Hader, selbst österreichischer Kabarettist und Schauspieler, trat mehrmals vor ausverkauftem Haus hier auf. 1991 schrieben Dorfer und Hader zusammen erst das Theaterstück "Indien", zwei Jahre später spielten beide die Hauptrollen im gleichnamigen Film. Und der wirkt noch immer nach. Andreas Körner traf den 50-jährigen Alfred Dorfer im Café Ringelnatz in München-Schwabing.

Frage: Herr Dorfer, was ist für Sie von "Indien" geblieben?

Alfred Dorfer: In erster Linie die feine Freundschaft mit Josef Hader, was in der Branche gar nicht mal so üblich ist. Dann war "Indien" auch mein Startschuss, was Filme betrifft. Und es ist noch immer eine Referenz, wenn ich irgendwo das erste Mal auftrete. Rein künstlerisch war es für mich zudem der Beginn, aus der Anonymität eines Ensembles herauszutreten.

Im Gegensatz zu Hader arbeiten Sie offensiver mit Musik und Musikern. Ist es die Sozialisierungsmaßnahme eines Solisten, um der Einsamkeit des Schreibens etwas entgegenzusetzen?

Das wäre die eine Sache. Die andere ist pures Interesse daran, wie man Musik einbinden kann, ohne dass sie rein begleitende, also eher unterstützende und konterkarierende Funktion hat. Bei kleineren Räumen mit weniger Publikum ist es oft allerdings ohne Musik dichter.

Ist Schreiben für Sie noch Genuss?

Ich schreibe eigentlich im Alltag, sehe etwas, höre etwas, notiere es. Aber ich habe auch eine wöchentliche Kolumne in der Österreich-Ausgabe der Zeit. Da sitze ich dann vor dem Bildschirm und vereinsame. Das muss ich Ihnen ja nicht erzählen.

Ist es für einen österreichischen Kabarettisten eigentlich ein Segen, dass es Deutschland gibt?

Ja. Hätten Sie mich das vor sieben Jahren gefragt, hätte ich verneint. Das Netz an Veranstaltern ist in Österreich dichter. Es hätte also keinen Grund gegeben, aus diesem Biotop herauszugehen. Dann habe ich ein Stück für Deutschland gemacht, das hieß "fremd". Darin ging es um die Macht der Bilder und die politische Einflussnahme auf Bilder. Ich war gezwungen, etwas ohne Lokalkolorit zu schreiben. Das war sehr reizvoll. In Deutschland gibt es sehr viele lokale Helden des Kabaretts. Mich hat das nie interessiert. Ich wollte, dass man mich versteht, so weit die deutsche Sprache reicht.

Wie ergeht es Koryphäen des deutschen Kabaretts wie Volker Pispers oder Georg Schramm in Österreich?

Die Akzeptanz des deutschen Publikums uns gegenüber ist generell höher als umgekehrt. Offenheit ist hier ein Qualitätsmerkmal. Bei uns herrscht, wie ich finde fälschlicherweise, die Meinung vor, dass man uns aus dem Entwicklungsland Deutschland in Sachen Humor nichts zu erzählen habe.

Wie ergeht es Ihnen daheim?

Es stellt sich nach einiger Zeit das, wie ich es nenne, Qualtinger-Syndrom ein. Du wirst als öffentliche Person vereinnahmt und es ist egal, was du sagst. Du wirst gemocht und gedrückt, bis dir die Luft weg bleibt. Deshalb ist Helmut Qualtinger nach Hamburg gegangen.

Haben Sie noch Luft?

Jetzt wieder, ja.

Wie verschafft man sich Luft?

Ich fange sehr gern bei null an. Nullpunkte faszinieren mich.

Wie haben Sie die ausgeprägte Kabarett-Tradition Österreichs am Beginn Ihrer Karriere wahrgenommen? Die kann ja durchaus etwas Lähmendes oder zumindest Einschüchterndes verströmen -

-und jugendliche Arroganz kann sehr befreiend sein. Wir fanden alle scheiße, bis auf Qualtinger, der war da aber weg. Wir hatten also nie die Last der Vorgänger. Erst mit zunehmender Intelligenz haben wir, unter Vermeidung epigonaler Tendenzen, versucht, die Kollegen schätzen zu lernen.

Sie agieren auf der Bühne sehr körperbetont. Kommt da der gelernte Pantomime mit dem Schauspieler im Kabarettisten zusammen?

Ich habe drei Jahre Körperarbeit studiert, erst Pantomime, dann Techniken wie Commedia und Maskenspiel. Ich hatte immer eine Aversion dagegen, sich beim Kabarett darauf zu verlassen, dass man etwas Gescheites zu sagen hat.

Geht es auch darum, eine Brücke zum Publikum zu bauen, das Programm nicht mit reinem Wort zu überladen?

Für mich ist Kabarett eine Form des Theaters und funktioniert deshalb über mehrere Ebenen. Ich glaube, dass man sehr viel darüber verstehen kann, wie der Künstler sich bewegt, wie er moduliert oder Musik und Rhythmus einsetzt. Bei einem rein intellektuellen Kabarettisten stellt sich der Effekt der Überbeanspruchung des Zuhörers schneller ein.

Umgehen Sie damit das Klagen einiger Kabarettisten, der Zuhörer sei Bestandteil des inneren Zirkels, der eh nur komme, weil er weiß, was ihn erwartet?

Nun, mir wird es auch zum Nachteil ausgelegt, dass ich stilistisch zu wenig konkret bin. In einer Schweizer Zeitung stand mal, ich sei zu mimisch. Oder ich sei zu unpolitisch. Ich habe mich aber immer am Theater des Mittelalters orientiert. Dort war ganz normal, dass du etwas Heiliges und Erhabenes neben etwas Banales gestellt hast. Das macht es für mich spannend, und es hat mir sehr viele junge Leute ins Publikum gebracht. Die rhythmische Sprache entspricht wohl in der Dramaturgie dem heutigen Zeitgefühl. Ich muss allerdings gestehen, dass ich das Publikum ab und zu auch zurückstoßen muss. Gerade in Deutschland herrscht die Meinung vor, ein Satiriker müsse sehr anständig im Sinne von politisch korrekt sein. Das kenne ich nicht, in Wien würde sich das nie durchsetzen. Wir müssten uns sehr verstellen, um so zu sein.

Wie brechen Sie die berüchtigten leicht verdienten Lach-Wellen?

Sie meinen das Publikum, das schon vor dem Ausgehen beschließt, Spaß zu haben? Da muss man gegensteuern.

Mit Bösartigkeit?

Ja. Und Rhythmus. Die träge Erwartungshaltung bekommt man mit schnellen Wechseln weg. Es funktioniert aber nicht an jedem Abend.

Lieben Sie auch den schlichten Kalauer als Mittel?

Ja, sehr. Das ist fast egoistisch. Ich hab überhaupt keine Angst vorm Blödeln.

Man schließt im Kabarett sehr schnell von der Künstlerfigur auf den Menschen. Ist es ein Ringen, nicht zu viel von sich preiszugeben?

Würde ich gar nichts preisgeben wollen, hätte ich konsequent Schauspieler werden müssen. Man muss aber aufpassen, die Menschen mit all zu persönlichen Dingen nicht zu belästigen. Die Gefahr in der Satire liegt nicht so sehr im Emotionalen, eher im Anspruch des Rechthabens.

In welchem Zustand befindet sich eigentlich das Bildungssystem, wenn uns Kabarettisten die Welt erklären müssen?

Bildung war irgendwann nicht mehr das Ausbreiten von Wissen in alle möglichen Richtungen, also dem Wasser gleich. Sie wurde zur Berufsvorbereitung. Verheerend. Denn das Interesse des Schülers außerhalb von Kerngebieten ließ schwer nach. Politisch gesehen ist das hoch vernünftig, denn nichts ist leichter auseinanderzudividieren als ein Volk von Spezialisten. Separatismus züchtet Dummheit.

Darf Ihre eigene Wut über Zustände künstlerischer Motor sein?

Wut ist für mich eine Möglichkeit, die Verzweiflung wegzublasen. Diese Verzweiflung hat auf der Bühne aber nichts verloren. Zorn oder Wut sind nur ein gutes Umrechnungsmittel. Wenn Sie in einem ungeschützten Moment die Medien konsumieren und immer wieder neu die Schwachsinnigkeiten und Ungeheuerlichkeiten serviert bekommen, dann macht mich das oft verzweifelt. Das will ich nicht verhehlen.

Sie haben nach über 20 Jahren ein begonnenes Studium abgeschlossen und sogar noch eine Doktorarbeit geschrieben. Warum eigentlich?

Weil ich mir einfach nicht erklären konnte, weshalb ich mit 22 knapp vor dem Diplom aufgehört hatte. Mich hat es auch sehr interessiert, wo sich die Universität als solche hin entwickelt hat, ich hatte Lust, wieder in eine Szene einzusteigen, die fremd ist. Außerdem wollte ich noch einmal bestimmte Dinge lesen, ganz profan.

Ihre Dissertation hatte "Satire in nichtdemokratischen Systemen", von Mussolini bis zur DDR, zum Thema. Klingt spannend.

War es auch. Mir ging es aber nicht um die Wertung von Texten, das würde mir als Kollege gar nicht zustehen. Es ging um die Funktion von Satire. Man geht ja gern davon aus, dass Satire ein aufklärendes, im Grunde gegen das System gerichtetes Instrument der Erhellung ist. Das stimmt nicht, wie die Geschichte zeigt.

Wie steht es heute um die Ventilfunktion des Kabaretts, die man zu DDR-Zeiten fast gebetsmühlenartig betonte?

Diese Funktion spielt immer noch mit. Sie können Ventil sein für jemand, der gar nicht versteht, was Sie meinen. Weil er eben beschlossen hat, zwei Stunden lang seinen Alltagsstress wegzulachen.

Alfred Dorfer solo: "bisjetzt", Donnerstag, 20 Uhr, Schauburg.

Geboren 1961 in Wien. Nach der Matura (Abitur) begann er ein Studium der Theaterwissenschaften, Germanistik und Philosophie, das er aber kurz vor Ende aufgab, erst 2005 fortsetzte und 2007 beendete. Im Anschluss schrieb er gleich seine Doktorarbeit.

1982 ließ sich Dorfer zum Schauspieler und Pantomimen ausbilden, spielte im Theater in der Josefstadt, wurde 1984 Mitglied im "Schlabarett". 1989 traf er auf Josef Hader, das Programm "Freizeitmesse" war ihr gemeinsames Debüt. 1993 kam das satirische Theaterstück "Indien" als Film (Regie: Paul Harather) heraus. Seitdem spielte Dorfer in mehreren TV- und Kinorollen (u.a. "Muttertag", "Ravioli", "3faltig") und entwickelte bis heute sechs Solo-Abende. Parallel hat er mit Peter Herrmann, Günther Paal und Lothar Scherpe eine feste Band und mit ihnen ein wechselndes Programm. 2009 bekam Dorfer als erster Nicht-Deutscher den Bayerischen Kabarettpreis.

Fußball-Fan Dorfer hatte von 2004 bis 2011 im Österreichischen Fernsehen die Satire-Kultsendung "Donnerstalk".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.05.2012

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