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Am Dienstag ist der großartige Kabarettist und Komponist Georg Kreisler im Alter von 89 Jahren in Salzburg gestorben

Am Dienstag ist der großartige Kabarettist und Komponist Georg Kreisler im Alter von 89 Jahren in Salzburg gestorben

"Ich glaube nicht, dass ich mir sympathisch wäre, wenn ich mich auf einer Cocktailparty träfe", hat er selbst gesagt. Nein, einfach war es nie mit ihm. Gern und immer wieder hat sich Georg Kreisler zu seiner großen Unzufriedenheit bekannt.

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Georg Kreisler im Mai dieses Jahres vor einem Auftritt ín der Comödie in Fürth.

Quelle: dpa

"Ich glaube, wir leben in einer Kunstpause", schrieb er in seiner Autobiographie "Letzte Lieder" (2009). Darin rechnet er ab mit dem Kulturbetrieb, Kollegen, Wien. Mit bürgerlichem Kleingeist, nationalistischem Größenwahn, mit Amerika, Österreich und dem ganzen vergangenem Jahrhundert dazu. Achtung und Liebe galten der Kunst, seine Verwunderung dem Umgang damit. "Die Entdeckung, dass die Kunst versucht, uns die Wirklichkeit plausibel zu machen, ist etwas Grandioses. Damit ist mein Leben eigentlich schon erzählt."

Provoziert hat er immer. Mit bösen Liedern wie mit Theaterstücken. "Unübersehbar ist, dass die makabren Lieder Erfolg hatten, weil man sie komisch fand. Man lachte, weil sie eine Wirklichkeit beschrieben, die noch nicht die Realität war." Seine subtile Satire öffnete eine Tür zur Hölle, aus der das Kichern des Teufels hallt, der das dicke Ende kennt. Über die Wirklichkeit, wusste Kreisler, lässt sich immer reden. Von der Wahrheit sollte man schweigen. Oft wurde er, vor allem in Österreich, boykottiert, zensiert. Die heutigen Intendanten, er nennt sie Wirtschaftsdiktatoren, seien klüger, "denn sie verbieten nicht, sie lassen verharmlosen".

Auch so lässt sich erklären, dass es einerseits Generationen gibt, die ihn zutiefst verehren, die in ihm einen wahren Volkskünstler sehen, sein lyrisches Temperament lieben und seine klaren Worte schätzen. Die beeindruckt sind von seiner kraftvollen Sprache, seine Musikalität und auch nachdenklich angesichts der Zeitlosigkeit seiner sozialkritischen Texte. Und dass andererseits eine andere Generation ihn kaum kennt.

Es liegt nicht an ihm, dass er in den vergangenen Jahren kein Aufsehen mehr erregt hat. "Im Kontext der Zeit sind Tabubrüche Standard geworden, viele suchen förmlich danach", sagte gestern der Kabarettist Horst Schroth. Doch während im Mainstream kaum ein Impetus dahinterstehe, es vor allem darum gehe, Krach zu machen und zu beleidigen, "war bei Kreisler hingegen alles unterfüttert durch seine Biographie und seine persönliche Geschichte".

Vielleicht noch sein Lied "Gehen wir Tauben vergiften im Park", das ihn 1956 schlagartig berühmt machte, obwohl oder weil die Rundfunkstationen sich dem Song verweigern, der mit vorgetäuschter Idylle in die Irre führt, ins Herz verlogener Gemütlichkeit zielt. Diese Popularität hat ihn genauso genervt hat wie die Streit mit seinem österreichischen Kollegen Gerhard Bronner, der Urheber der "Tauben" sei.

Mit Bronner, Hans Weigel, Peter Wehle und Helmut Qualtinger ist Kreisler, nach seiner Rückkehr aus Amerika, 1955 in der Wiener Marietta-Bar aufgetreten - erstmals mit deutschsprachigen Chansons. Er musste erfahren, dass ein Einwanderer ein Fremder bleibt, auch wenn er in sein Geburtsland zurückkehrt. "Wie schön wäre Wien ohne Wiener", heißt eins seiner Lieder.

In Wien wurde Kreisler am 18. Juli 1922 als Sohn eines Rechtsanwalts geboren, 1938 floh die jüdische Familie vor Hitler nach Hollywood. 1943 wurde aus dem Österreicher Kreisler ein Amerikaner. Nach seiner Entlassung aus der US-Army zog er nach New York, 1955 nach Wien, drei Jahre später nach München, 1976 nach Berlin und schließlich nach Basel, wo er 15 Jahre lebte. Dazwischen lagen Aufenthalte in Kalifornien, seit 2007 wohnte er mit seiner Frau Barbara Peters in Salzburg. Ohne den Zugzwang, mutmaßte er später, wäre er vielleicht kein Künstler geworden. Auch wenn immer um Anerkennung kämpfen musste oder zumindest das Gefühl hatte.

Oft sprach er von sich, als sei er nie geliebt, nie verstanden, nie bewundert worden. Das gehört zum großen Unbehagen, das ihn wütend, kreativ und produktiv gemacht hat. Unversöhnlich, wie er war, wurde Kreisler weder von den Österreichern noch den Deutschen besonders innig umarmt. So konnte er auch nicht erdrückt werden. "Freiheit hat mit Deutschland selbstverständlich was zu tun - sofern man wirtschaftlich dazu was beiträgt! Manche müssen unfrei bleiben", heißt es in "Meine Freiheit, Deine Freiheit", das zu den bekannten Liedern gehört, wie auch "Please Shoot Your Husband", "Als der Zirkus in Flammen stand" oder "Der Musikkritiker".

Er war als Komponist, Dirigent, Kabarettist, Schriftsteller, Pianist, Sänger ein Multitalent, hat immer auch Bühnenstücke geschrieben wie das Musical "Heute Abend Lola Blau" oder die Oper "Der Aufstand der Schmetterlinge". All das bleibt, entwickelt ein Eigenleben, wenn andere Künstler es in die Welt tragen. Kreislers Tochter Sandra, Tim Fischer und Georgette Dee singen seine Lieder und auch die Leipziger Kabarettistin Anke Geißler. Sie fühle sich "sehr geehrt, seine unsterblichen Chansons interpretieren zu dürfen", denn "Künstler wie er, die über Jahrzehnte hinweg ein Publikum bewegen und begeistern können, wird es bald nicht mehr geben".

Und es bleiben die Bücher. Zuletzt war Kreisler mit seinem Roman "Ein Prophet ohne Zukunft" auf Tour. In den vergangenen Jahren sind im Verbrecher Verlag und bei Arche Gedichte und die "Anfänge. Eine literarische Vermutung" erschienen. Gewachsen an seinem Denken wird man skeptisch. Geschult in seinem Witz, wird man hellhörig.

"Ich glaube nicht, dass es ein leben nach dem Tod gibt, so ein Pessimist bin ich nicht", hat er mal gesagt,

"Eine Legende ist man erst, wenn man tot ist", hat Georg Kreisler gesagt. Es ist soweit. Janina Fleischer

Ja, der Frühling, der Frühling, der Frühling ist hier,

Geh mer Tauben vergiften im Park!

Kanns geben im Leben ein größres Plaisier

Als das Tauben vergiften im Park?

Da Hansel geht gern mit der Mali,

Denn die Mali, die zahlt's Zyankali,

Die Herzen sind schwach und die Liebe ist stark

Beim Tauben vergiften im Park!

Mein Vater, ein Hotelportier, ging schwimmen einst im Wörtersee.

Ich hab vom Strand gewunken, dabei ist er ertrunken.

Mein Großpapa, ein Gasthauskoch, bestieg einmal das Jungfernjoch

Und fiel, weil er dort schlief, ein paar Kilometer tief.

Mein Bruder war ein Jäger, eine Großwildjagd macht Spaß,

Ich hab einen Bettvorleger von dem Löwen, der ihn fraß.

Mein bester Freund war Taucher, der schläft am Meeresgrund.

Und trotzdem sagen die Ärzte, und trotzdem schreibt die Zeitung,

Und trotzdem hört man überall: Sport ist gesund!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.11.2011

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