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Am 19. Juni wäre Vinzenz Wanitschke 80 geworden - Betrachtungen zu seinem Lebenswerk

Am 19. Juni wäre Vinzenz Wanitschke 80 geworden - Betrachtungen zu seinem Lebenswerk

Februar dieses Jahres bei der Vernissage einer Ausstellung des Künstlerbundes Dresden Vinzenz Wanitschke traf - er wie immer freundschaftlich und voll Tatendrang -, fragte ich ihn im Hinblick auf seinen in Sichtweite geratenden 80. Geburtstag, ob man nicht nach der großen Retrospektive 2011 in der JohannStadthalle heuer wenigstens noch mit einer kleineren Unternehmung spezifizierteren Charakters - beispielsweise der Zeichnungen - nachlegen sollte.

Als ich am 7.

Von Jürgen Schieferdecker

Er war überrascht und unschlüssig zugleich und erbat sich Bedenkzeit. Einiges später rief er mich an und teilte mir mit, doch lieber von solchem Vorhaben Abstand nehmen zu wollen. Da hatte ihn aber noch kein Anhauch dessen getroffen, was seinem Leben in radikaler Kürze am 14. März ein Ende setzen sollte.

Die Nachricht war für alle, die ihn kannten und seine Kunst liebten, in höchstem Maße verstörend. Da half auch nicht das Bewusstsein, dass der zu früh Verstorbene kein "Frühvollendeter" war, sondern ein riesiges Lebenswerk hinterlässt, das in aller Öffentlichkeit weiterleben wird.

Wer Wanitschkes optimistisches Naturell kannte und dabei an die "Drei Grazien" vor dem Hotel Bellevue, den "Zirkusbrunnen" am alten Sarrasani-Standort, seine Frauenplastiken von barocker Fülle oder an "Sonne und Mond" am Dr.-Külz-Ring denkt, mag frohe Lebensfeier als künstlerischen Treibensgrund des Künstlers annehmen. Das stimmt zwar für diese und viele andere seiner Skulpturen, die dadurch für den Betrachter zu Elementen des Begriffes "Heimat" im philosophischen Sinne als "Ort, wo gut sein ist" (Ernst Bloch) geworden sind.

Aber schon die Ausformung des Planeten "Erde" als Zentrum seiner den Bastionen der Festung Dresden gewidmeten Gestaltung auf der Brühlschen Terrasse zerstört die Idylle: Was da inmitten von Touristenströmen aus dem schrundigen Krater einer polierten Kugel ausbricht, ist eher eine Antizipation jüngster Katastrophen und hat, in DDR-Zeiten entstanden, alles andere als den Siegeslauf des Sozialismus illustriert. Solche Extreme an Formkraft und Absicht werfen die Frage nach der Entwicklung des Œuvres von Vinzenz Wanitschke jenseits klischeehafter Einengungen auf, die ihn zu einem der bedeutendsten Dresdner Bildhauer seiner Zeit gemacht hat. Sie zeichnen einen Künstler aus, der seit über einem halben Jahrhundert den Kunst-Topos Dresden mitprägte und, was seltener vorkommt, mit seinem Werk im besten Sinne volkstümlich geworden ist.

Vinzenz Wanitschke, am 19. Juni 1932 im böhmischen Deschnei geboren, hat sein Fach wahrlich von der Pike auf gelernt. Erste Grundlagen brachte eine Lehre als Holzbildhauer von 1948 bis 1950 in Neubrandenburg, der sich ein dreijähriges Studium an der Fachschule für Angewandte Kunst in Wismar anschloss. Die "Höheren Weihen" errang er dann von 1953 bis 1958 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Lehrern wie Walter Arnold und dem nie genug zu würdigenden Hans Steger, einem Meister strenger, verinnerlichter Naturform.

Dieses Hineinwachsen in eine große Tradition, aus der neben ihm mit Wieland Förster, Werner Stötzer, Gerd Jaeger, Helmut Heinze und anderen einige der wichtigsten ostdeutschen Plastiker der zweiten Jahrhunderthälfte hervorgingen, prägte Wanitschkes Werk in seinen frühen Jahren als freischaffender Künstler, ab 1960 auch Mitglied der legendären PGH Kunst am Bau, nicht unwesentlich. In den Kleinplastiken und Aktskulpturen der 60er und beginnenden 70er Jahre "realisiert sich im Dialog von Idee und bildnerischer Sprache die Vorstellung von Glück, Harmonie und Schönheit mit dem Anspruche des Bleibenden", wie dies Gerlint Söder 1997 gültig formuliert hat.

Es sei dahingestellt, ob das Drängen der Künstler nach Befreiung der bildnerischen Mittel eine Liberalisierung der Kulturszene im Osten eingangs der 70er Jahre erstritten hat oder durch diese ausgelöst worden ist. Jedenfalls bricht aller Orten in die Schönheit der Zweifel ein wie nach Evas Biss in den Apfel der Erkenntnis. Die geheiligte "reine Form" wie die "Einheit der Technik" werden zerbrochen, objets trouvés, Montagen, Materialcollagen werden gegen anfängliche Widerstände der Staatsräson als legitime Bildmittel angeeignet. Selbst Lea Grundig ergänzt plötzlich ihre Zeichnungen durch rührend unbeholfene Einklebungen.

Erschütternde Sinnbilder

Vinzenz Wanitschke reagiert auf seine Weise. Die Weltsicht wird kritischer, sein Formvokabular weitet sich aus, ohne sich je in modischen Attitüden zu verlieren. Die Makellosigkeit seiner weiblichen Akte erfährt in Gebärde und Oberfläche Übersteigerungen und Verletzungen, wie in der Werkgruppe "Erinnerung an Leben". Der "Gestürzte" von 1978 wehrt sich nicht gegen sein Schicksal und liegt konträr zu den seinerzeitigen Gesellschaftsutopien. "Das Mädchen und der Tod" in zwei Gipsen von 1981 zeigt erschütternde Sinnbilder für die Bedrohung jungen Lebens. Obwohl in den 80er Jahren mit den schon erwähnten "Drei Grazien" eine Huldigung an das Leben und in der Monumentalplastik "Solidarität" - die uns heute inhaltlich stärker berühren würde, wenn sie ein adäquates architektonisches Umfeld besäße - der Internationalismus eine affirmative plastische Ausprägung erfährt, reflektiert der Künstler die Endzeit der DDR in einem Maße von Betroffenheit, für die mir in seinem Metier kaum Vergleichbares einfällt. Schon in den späten 70er Jahren hat Wanitschke die Montage, zumeist von Bronze und Beton, als eine Möglichkeit des In-den-Raum-Setzens der Plastik für sich entdeckt, die gleichsam Dialektik impliziert. Der "Sturz" von 1978 mag individuelle Tragik meinen, drückt aber heute mehr aus.

Für ein uns seit der Jahrtausendwende ängstigendes Zeitphänomen findet der Künstler in "Terror" schon 1984 ein expressives Bild. Im Wendejahr 1989 entsteht eine Fülle von Plastiken, die kein Staatsauftrag mehr deckt und Wanitschkes kathartische Erschütterung durch die Zeitereignisse offenbaren. Da reflektieren "Gezählte Tage" sicher nicht die Entlassungshoffnung eines Wehrpflichtigen. "Die Gummiwand" hat zwar auch heute ihre Relevanz nicht verloren, ist aber wohl damals ein Erlebnishintergrund für "Die Flucht" und "Unerwarteter Aufbruch" gewesen, der im Grenzbereich zwischen Realistik und Abstraktion oszilliert.

Dass damit und damals nicht alle Probleme gelöst waren, wissen wir heute. Vinzenz Wanitschke ahnte das 1990, als er in eine männliche Gipsfigur einen Stahlkeil schlagen lässt: "Gespaltener"-

In den 90er Jahren bis ins neue Jahrtausend hinein verschieben sich dann die Aufgabenfelder des Künstlers deutlich. Große Restaurierungsvorhaben, die auch anderen Dresdner Kunstschaffenden Brot geben und sie in der krass veränderten Marktsituation etwas abfedern, brauchen Allrounder wie Wanitschke besonders dringend. Bei der Rekonstruktion des Großen Schloss-Hofes wird der Meister mit den 1:1-Vorlagen für die Werksteinarbeiten von 1991 bis 1996 ständig gefordert.

Viele Details am Großen Wendelstein und die Karyatiden am Erker an der Schlossstraße sind danach gefertigt. Fast nahtlos schließt sich von 1998 bis 2004 mit dem Innenausbau der wiedererrichteten Frauenkirche das anspruchsvollste Restaurierungsprojekt an: die Gestaltung des Altares in einer Ganzheitlichkeit, die gleichwohl die Wunden nicht verleugnet. In der Höhe bekrönt Wanitschkes neugeschaffene Gloriole wie ein Wunder.

Ein Wunder anderer Art ist, dass der Künstler in der Zeit, als Restaurator in ihm derart gefordert wurde, also zwischen 1991 und 2004, u.a. auch noch fünf seiner zahlreichen Brunnen schuf. Das sind notabene keine Postament mit Männeken und Wasserstrahl, sondern vielfigurige Anlagen, die Vinzenz auch als Meister der Tierplastik ausweisen und in die Skulptur-Collage als Stilmittel nutzen. Sie zieren den Eingangsbereich einer Klinik in Rodewisch (Quelle des Lebens, 1992), beherrschen Marktplätze in Hartha (Froschbrunnen, 1995), Annaburg (Pfarrer Stifel-Brunnen, 1996), Neustadt (Viehmarktbrunnen, 1997) und Döbeln (Stiefelbrunnen, 2000) und schaffen damit Orte urbaner Unverwechselbarkeit.

Nach der Vollendung der Frauenkirche läuft das Werk, dem seine Frau Anita immer die Wege ebnete, natürlich in allen Spuren weiter. Schon immer ein sensibler Zeichner, der die Volumina seiner Modelle mit leichter Hand aufs Blatt setzt, probiert sich Wanitschke auch noch in farbigen Assemblagen aus, die zwischen Malerei und Plastik eigenwillige Kompositionen bilden, denen bisweilen das plötzliche Lebensende wohl die letzte Vollendung versagt hat.

Die letzten Akzente schafft er in der Plastik: 2007 entsteht am alten Standort des Zirkus Sarrasani der "Zirkusbrunnen", auf dessen Rand ausgerechnet Elefanten ein Tänzchen von Mozartscher Anmut vollführen!

Im Kopf noch Projekte für Jahre, schlägt dem Workaholic Gevatter Hein Modellierholz und Fäustel aus der Hand, nachdem er gerade noch die Gipse für einen weiteren Brunnen in Görlitz vollendet hatte, den gegenwärtig seine Söhne Thomas und Rayko vor Ort fertigstellen.

Wer die große Ausstellung "Einblicke in sechs Jahrzehnte" in der JohannStadthalle vor Jahresfrist verpasst hat, wird in Zeiten der Eventkultur sein Leben vor allem im Öffentlichen Raum finden. Diese Brunnen, Akte, Figurengruppen und metaphorischer Artefakte werden Kunstfreunde und Normalbürger noch in Generationen erfreuen. Das ist allemal genug für die Unsterblichkeit-

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2012

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