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Alter Schwede: Graveyard rockten die Reithalle in Dresden

Alter Schwede: Graveyard rockten die Reithalle in Dresden

Es muss die Zeitmaschine sein. Anders lässt sich nicht erklären, was hier abläuft. Auf der Bühne der Reithalle stehen vier Schweden, die so authentisch retro sind, wie keine andere heutige Band.

Dagegen sind die Black Keys oder jede Beatles-Coverband modern. Diese vier Schweden nennen sich Graveyard - auch das ein ziemlicher Retro-Name - und machen Blues Rock, der alles, was musikalisch seit den Siebzigern passiert ist, ausblendet. Die Frage: Wie kann so eine Band noch existieren? Die Bandmitglieder müssen doch auch mit moderner Kultur und Musik aufgewachsen sein, mit Techno und Hip Hop. Ist das in Schweden nicht angekommen? Oder haben Joakim Nilsson, Jonatan Larocca-Ramm, Rikard Edlund und Axel Sjöberg sich konsequent von der Zivilisation abgeschottet und nur Black Sabbath auf Schallplatte gehört? So klingt die Musik jedenfalls.

Graveyard sind schnörkellos. Hier hört man das, was man sieht: zwei Gitarren, einen Bass und ein aufs Nötigste reduziertes Schlagzeug. Auf Künstliches wird vollkommen verzichtet; ein Hall auf der Gitarre ist bereits die größte Verfremdung des Sounds, mehr gibt es nicht. Und das ist gut so. Graveyard behalten dadurch ihre Natürlichkeit, die vielen heutigen Bands fehlt. Aber damit nicht genug: Graveyard haben noch mehr von dem, wofür heutige Bands töten würden. Als erstes wäre da ein Sänger, der wirklich singen kann. Joakim Nilsson hat eine Röhre, das ist nicht zu fassen. Als hätte er einen Verzerrer zwischen seinen Mund und seine Stimmbänder geschaltet, beherrscht er auch die hohen Töne souverän und erinnert dabei an die ganz großen Sänger wie Robert Plant von Led Zeppelin und Roger Daltrey von The Who, an denen wohl keiner vorbei kommt, wenn es um hohe Töne in der Rockmusik geht. Was Nilsson den eben genannten voraus hat: Während er singt, spielt er noch ganz lässig Rhythmus-Gitarre.

Das zweite, was Graveyard haben und andere nicht, ist ein wahnsinniger Schlagzeuger. Womit wir wieder bei den eben erwähnten Über-Bands sind: Wie bei John Bonham und Keith Moon fliegen die Sticks bei Graveyards Axel Sjöberg nur so über die Trommeln. Viel Becken, viele Tom-Fills und viel Snare. Das könnte auch alles zu viel sein, aber Sjöberg setzt es musikalisch so geschmackvoll ein, dass es passt. Es macht ungeheuren Spaß, ihm zuzusehen, wie er das Schlagzeug geradezu verprügelt, jedoch ohne das Gefühl beim Spiel zu verlieren. Man fragt sich allerdings schon, wie er dieses Energie-Level jeden Abend halten kann, schmerzt einem doch der Rücken allein vom Sehen seiner Verrenkungen.

Graveyard geben ein Best-Of ihrer bisher drei erschienenen Alben zum Besten. Ihren großen Hit "Hisingen Blues" verbraten sie unverständlicherweise bereits als zweites Stück, was allerdings den Vorteil hat, dass das Publikum spätestens ab diesem Zeitpunkt voll im Graveyard-Rausch ist. Es sind auch viele Songs im Set des heutigen Abends, die Joakim Nilsson als "slower Songs" ankündigt, die auch ruhig anfangen, aber immer irgendwann in lautem Rock ausbrechen. Sie können eben nicht anders. Dennoch hat man das Gefühl, dass erstaunlicherweise gerade die leisen, gefühlvollen Stellen am besten beim Publikum ankommen. Eine hohe Ehre für eine Band, die im Allgemeinen als Rockband verstanden wird, die schnelle, laute Musik macht.

Bei diesem Können, dieser Energie und diesem konsequenten Sound bleibt einem nur zu sagen: Alter Schwede! Damit stößt man allerdings auf eine weitere Frage zu dieser Band, denn das Alter der vier Musiker ist unmöglich zu schätzen; sie könnten abgerockte Mitte-Zwanziger sein oder junggebliebene Mitte-Vierziger. Die einzige logische Erklärung für dieses Phänomen ist - genau! - die Zeitmaschine.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.12.2012

Falk Ulshöfer

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