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"Als die Wege auseinandergingen": Erich Sobeslavskys interessanter Text über die Zeitenwende

"Als die Wege auseinandergingen": Erich Sobeslavskys interessanter Text über die Zeitenwende

Die Kalaschnikow kommt gut auf dem Schutzumschlag zur Geltung, und noch haben viele Leute ein Bild für dieses Wort. Das wird nicht immer so bleiben. Schon 2004 hatte der Autor einen Teil des "Berichtes" in Buchform herausgegeben, im damaligen Scheune Verlag, und schon damals bezeichneten einige Kritiker sinngemäß das Buch als Text mit einer anderen logischen Sprachstruktur.

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Das ist so geblieben, zum Glück.

"Der Bericht" ist kein leicht lesbares Buch, weil man für einzelne Seiten schon ein paar Minuten aufwenden muss. Es gilt sich einzulesen in den Stil eines Autors, zu dessen Orientierungspunkten wohl James Joyce gehört. Auch Elemente des " Nouveau roman" erscheinen spürbar. Nichts wird da in einer Abfolge erzählt oder absehbar gestrickt. Der Rahmen der literarischen Landschaft heißt DDR-Gefühl - mit der Beschreibung der Breitseite der gelebten Realität (nicht zu verwechseln mit Wirklichkeit) im Dresden des vorigen Jahrhunderts, am Flussarm des Spreewaldes, im Kaukasus-Gebirge zur Sowjetzeit oder am Rande von Budapest... Es geht nicht nur um Schlee, einen der Beteiligten an der Ermordung Horst Wessels im Jahre 1930. Es wird von seiner Emigrationszeit berichtet, von der Rückkehr in den Osten Deutschlands, wo er schicksalshaft vom eigenen Enkel erschlagen wird. Durchwoben ist dieser Erzählstrang vielmehr von den Empfindungen des Berichterstatters und, das ist eine der Besonderheiten des Buches, vom auffallend subjektiven Standpunkt des Erzählers, seiner Abrechnung mit der Gegenwart ohne Rücksicht auf Mainstream. Daraus resultiert ein Spannungsverhältnis inhaltlicher Art, für das Sobeslavsky die richtige Prosaform gefunden hat. Diese erzeugt manchmal einen Hauch Zauberbergatmosphäre. Sensitive Bilder ("Im Halbschlaf lehnten sich die Frauen an uns-") stehen neben kontrastreichen sezierten Sätzen, die den promovierten Physiker verraten. "Aus dem schimmernd Unbestimmten zum Klaren, wie es leuchtet. Aus Tatsachen zusammengesammelt und aus Gegebenheiten oder Dingen, die unbestimmt waren und durch uns zusammengefügt wurden, freilich immerzu wie am Rande."

Da der 1942 in Ostrava geborene Sobeslavsky sich nach der Wende am Hannah-Arendt-Institut intensiv mit Totalitarismus beschäftigte, ist der Einblick in das Endstadium eines Staates, seine politischen Verknüpfungen und die Interpretation seiner Geschichten, höchst interessant. Wie ticken die neuen "Eliten", wie funktioniert die neue Logik der anderen Wege. Der analytische Zeigefinger bohrt sich tief in die Wunde der Zeit und erzeugt beim Leser vielleicht Widerspruch, Zustimmung, Unverständnis, aber mit Sicherheit bestimmt keine Langeweile. Selbst die Beschreibung eines Neubaublockviertels gerät hier zum Hologramm.

Natürlich rechnet das Buch mit dem denkenden Leser, aber wer Literatur von der anderen Elbseite des "Turms" kennenlernen will, der sollte sich solche Staccato-Aufzeichnungen nicht entgehen lassen. Respekt!

Erich Sobeslavsky: Der Bericht. Projekte-Verlag Cornelius, 395 Seiten 20,50 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.01.2013

Thomas Ernest

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