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Als das Land lag wüst - Uraufführung "1645: Fürsten-Zug nach Kötzschenbroda" in der Friedenskirche Radebeul

Als das Land lag wüst - Uraufführung "1645: Fürsten-Zug nach Kötzschenbroda" in der Friedenskirche Radebeul

"Ich scheiß' auf euren Frieden", tönt David Müller als schwedischer Obrist Niels Kristensen, der in dem Stück "1645: Fürsten-Zug nach Kötzschenbroda" als Parlamentär gekommen ist.

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Matthias Henkel als von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesuchter und entsprechend wirr gewordener Kurfürst Johann Georg I. (li.) wird getröstet von Olaf Hörbe, der den Kötzschenbrodaer Totengräber Leberecht Meier spielt.

Quelle: Robert Jentzsch

Schon vorher fragte man sich, ob die Schweden da den richtigen Mann geschickt, sie nicht den Bock zum Gärtner gemacht haben. Für einen Unterhändler ist der Mann doch viel zu kampfeslustig und undiplomatisch. Immerhin vermag eine hübsche Magd (Dörte Dreger), die aus welchen Gründen auch immer mit dem Krieger mit sächsischer Fischelanz entwaffnend keck flirtet ("Na, du oller Schwede?"), Kristensen das markige Gehabe auszutreiben.

Das Stück spielt fast am historischen Ort. Es war das Pfarrhaus der Friedenskirche, wo am 6. September 1645 der Waffenstillstand zwischen Sachsen und Schweden geschlossen wurde, eine Art Generalprobe für den Westfälischen Frieden, mit dem der Dreißigjährige Krieg drei Jahre später in Münster und Osnabrück endgültig beendet wurde. Der Vertrag von Kötzschenbroda sah vor, dass Kursachsen, das immer wieder mal die Seiten gewechselt hatte, auf Seiten des Kaisers blieb, es aber den Schweden Torgau und Leipzig zu überlassen und den schwedischen Truppen freien Durchzug zu gewähren hatte. Außerdem waren 11 000 Taler Kontributionen zu zahlen. Monatlich. Eine gehörige Bürde für ein verheertes Land, dessen Bevölkerung durch Pest und Kriegsgräuel erheblich dezimiert war. Kötzschenbroda ist übrigens am 14. März 1637 laut einer überlieferten Denkschrift "totaliter" von schwedischen Truppen eingeäschert worden. Soldaten, die plündern wollen, scheren sich meist einen Dreck um Schutzbriefe, wie ihn Sachsens Kurfürst dem Dorf ausstellen hatte lassen.

Eine "fiktive Fußnote zur Geschichte" sei das Stück, das Katrin Lange unter Mitarbeit von Gerd Bedszent im Auftrag der Landesbühnen Sachsen verfasst hat. Regie führte Steffen Pietsch, statt im Kirchgarten ging die als kurzweiliges Sommerspektakel konzipierte Inszenierung wetterbedingt in der Friedenskirche selbst über die Bühne. Die Kostüme (Ausstattung: Ulrike Schlafmann) vermitteln Zeitkolorit. Ansonsten sind Fiktion und Realität verwoben in dieser Tragikomödie, die historisches Politdrama, Liebesgeschichte und Psychokrimi vereint. Manchmal fasst man sich allerdings an den Kopf: Ein schwedischer Obrist, der "sengend und brennend" halb Europa durchquerte, soll nicht in der Lage sein, von Kötzschenbroda aus den Weg nach Dresden zu finden?

Die Grundidee: Das Stück springt munter zwischen zwei Zeitebenen, spielt mal 1611, als Christian II. (1591) regiert und der des Calvinismus verdächtigte Kanzler Nikolaus Krell enthauptet wird, mal 1645, als Christians Bruder Johann Georg I. (1611-1656) auf Sachsens Thron sitzt. Volk tritt auch auf, wobei es Studenten der Akademie der Darstellenden Künste Delitzsch sind, die munter Kostproben ihres Könnens geben. Drei von ihnen verkörpern auch adelige Herren, die es gar nicht gern sehen, dass sich Christian II. der protestantischen Union anschließen will.

Die Darstellung der beiden sächsischen Fürsten ist kräftig gegen den Strich gebürstet. Christian II., der als den Freuden des Lebens sich bereitwillig hingebender "Bierjörg" in die Geschichtsbücher eingegangen ist, wird von Lange als eine Art Forrest Gump präsentiert: Von kindlichem Gemüt, arglos, durchaus sympathisch. Marc Schützenhofer spielt das gut aus. Es macht Spaß zuschauen, wie er und Rosalie (Sophie Lüpfert), die plötzlich auftauchende Tochter Krells, sich finden. Man freut sich berührt mit ihm, als er, sein Glück kaum fassend erfährt, dass er Vater wird, er, der bislang weder Frau noch Mätresse schwängern konnte. Rosalie ist das, was man eine starke, emanzipierte Frau nennt, alles andere als typisch für das Zeitalter des Frühbarock. Sie vermag nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem Degen flott umzugehen, auch wenn es keine Kunst ist, gegen einen beleibten Kindskopf, wie es Christian II. ist, die Oberhand zu behalten.

Mehr noch brilliert Lüpfert übrigens als lutherisch-orthodoxe Kurfürstin-Mutter Sophie von Brandenburg, die von Lange als intrigante Furie gezeichnet ist. Ihr Hass auf Krell (ebenfalls gespielt von David Müller) ist durchaus verbürgt, dass sie auch dafür sorgte, dass das kalte Bier, an dem Christian II. 28-jährig starb, nicht nur als Hopfen und Malz bestand, ist eine freie Interpretation der Autorin. Frei erfunden ist auch - dies sei der Vollständigkeit halber nicht verschwiegen - die Figur des Kötzschenbrodaer Totengräbers Leberecht Meier. Olaf Hörbe spielt diesen Mann, der auf seine Träume und Hoffnungen zurückblickt, die er an der Seite seines Freundes Krell ("Ich wollte, wir wären alle eines Sinnes. Und dieser Sinn wär' gut!") einst hegte.

Der zweite Fürst, um den sich die komplexe Handlung rankt, ist Christians Nachfolger: sein Bruder Johann Georg I. Der von Matthias Henkel gespielte Kurfürst ist in diesem Historienspektakel 1645 ein von den Gespenstern der Vergangenheit getriebener Mann. Man fühlt sich an den alten Lear oder Shakespeares Macbeth erinnert, ein bisschen jedenfalls. Erwartungsgemäß fehlt mit der Klage "Das Land liegt wüst, aus den Ruinen strömt der Rauch" frei nach dem Propheten Jeremia auch die Friedensbotschaft nicht.

Nächste Vorstellungen: 7. bis 9. Juni, 20 Uhr, Friedenskirche in Radebeul

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.06.2013

Christian Ruf

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