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Almut Klotz - ein Ruf zur neuen Platte, der auch Nachruf sein muss

Almut Klotz - ein Ruf zur neuen Platte, der auch Nachruf sein muss

Gestern war ein schöner Tag. Gestern erschien mit "Lass die Lady rein" die neue CD von Almut Klotz und Reverend Dabeler. Charmant, unwiderstehlich in den kleinen Örtchen und Eckchen, die sich mit diesen zehn feinsinnigen, bittersüßen, herrlich hinterlistigen Liedern auftun.

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Christian "Reverend" Dabeler, Almut Klotz.

Quelle: PR

Die daran erinnern, wie sehr das Schrammeln doch die deutsche Sprache liebt, wenn sich beide wirklich miteinander vertragen dürfen. Sie sind wundervoll gesungen, diese Lieder: ein weiches, sanftpfötiges weibliches Alt umschlingt das raue, knarzig-männliche Timbre. Wenn sie allein erklingen, gibt es kein Duell, wer es wohl besser macht. Dass diese Frau und diesen Mann mehr verbindet als Musik, könnte man heraushören. Für Klotz und Dabeler wird Liebe keinesfalls überbewertet. Welche Version von Daliah Lavis "Oh, wann kommst du"! Wie viel Schwung in "Tanzen", Sehnsucht in "Tausendschön", Wärme in "Sommerlied"!

Gestern war ein schlimmer Tag. Almut Klotz hat die Veröffentlichung von "Lass die Lady rein" nicht mehr erlebt. Sie hat mit Vehemenz und Akzeptanz gekämpft gegen ihren Krebs. Dass sie nicht würde gewinnen können, war ihr klar, so wie es dem Schriftsteller Wolfgang Herrndorf klar ist, dass auch er über mehr kurz als lang vor seiner bittersten Niederlage stehen wird. Trotzdem schreibt er weiter am starken, sehr berührenden Blog "Arbeit und Struktur". Motto auch für Almut Klotz. CD-Veröffentlichungstermine mussten geschoben werden - das kleinere Übel. Eine Herbsttour war geplant - das größere Übel ist, dass es keine Tour mehr geben wird.

Die meisten Nachrufe auf Almut Klotz, die nicht einmal 51 werden durfte, hätten von einem fast beängstigend einhelligen Ton sein können. Beängstigend, wenn sie von den Falschen geschrieben oder im Radio gesendet worden wären. So aber, da sich von Frank Spilker (Die Sterne) bis Milena Feßmann (Radio eins) in dieser Woche zumeist die Richtigen an die schwere Aufgabe gemacht haben, herrschte angenehmer Tonfall vor. Die, die Almut Klotz persönlich gekannt haben, wissen um sie. Jene, die dieser so eigenen wie begnadeten Künstlerin nur über ihre Arbeit nähergekommen sind, glauben, um sie zu wissen. Beides schließt sich nicht aus.

Almut Klotz wuchs im Badischen auf und kam Mitte der 1980er nach Berlin, so wie ihre enge Kollegin Christiane Rösinger, die zur selben Zeit in die noch geteilte Hauptstadt emigrierte. Auch der Kunst-Luft wegen. Wenn es wirklich so ist, dass sich Menschen finden, die zusammengehören, war es im Falle Rösinger und Klotz Bestimmung. Gemeinsam gründeten sie die Lassie Singers, später die Flittchen-Bar als Konzert- und Treffpunkt, Flittchen-Records für die, die was zum Ankern brauchten. Beide schrieben auch kluge Kolumnen. Mit dem noch unbekannten Straßenmusiker Maximilian Hecker wollte Almut Klotz eine Band am Leben halten, das ging nicht gut. Hecker wollte fliegen. Also eine lose Gemeinschaft von bis zu 30 Menschen, die als Popchor Berlin zusammen sangen, obwohl einige von ihnen bis dahin noch gar nicht wussten, dass sie es können. Almut brachte ihnen mit sicherer Hand Strophe und Refrain nahe. Eine Judith Holofernes war darunter, 2000 gründete die Wir sind Helden. Auch eine Frau, die unendlich traurig gewesen sein dürfte, als die Nachricht von Almuts Krankheit öffentlich wurde, erst recht, als sich der Krebs letzte Woche als Sieger aufspielte.

Almut Klotz fand im Hamburger Christian "Reverend" Dabeler einen neuen wahren Partner fürs Dichten, Singen, Komponieren, fürs Leben. Zusammen entstanden und bleiben jetzt das Buch "Aus dem Leben des Manuel Zorn", zu wenige Auftritte und zwei Platten. Zur jüngsten legte ihr Label Staatsakt 19 lakonische Thesen bei. Eine davon heißt: "Obwohl Almut Klotz & Reverend Dabeler auf Fotos nachdenklich wirken, sind sie es wirklich." Oder: "Almut Klotz & Reverend Dabeler sind nicht bekannter, weil die Menschen dumm sind. Es ist gut, dass Almut Klotz & Reverend Dabeler nicht berühmt sind, deshalb ist es gut, dass die Menschen dumm sind."

Lassen wir die Lady wirklich rein! Lady? Zum Albumtitel gibt es die Anekdote, dass die Angestellte eines Hamburger Busbahnhofs vor zehn Jahren genau das auf einen Zettel an den Fahrer schrieb und damit Almut Klotz die Fahrt nach Berlin ermöglichte. Sie hatte kein Geld dabei. Und auch keins auf dem Konto.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.08.2013

Andreas Körner

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