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Alltagsrassismus im Asylparadies

TU-Studentenbühne spielt eindrücklich „Eindringling(e)“ von Jonas Hassen Khemiri Alltagsrassismus im Asylparadies

Erst Eingeborene als „Die Ungeliebten“, nun „Eindringling(e)“ als Invasoren: Die TU-Bühne gönnt sich zum Spielzeitabschluss noch relevante Pfeile(r) für Kommendes. Bei letzteren handelt es sich eigentlich um ein schwedisches Jugendquartett, welches aus schulischer Unterbelastung Unfug gebiert.

Szene mit Lisette Holdack, Hannah Breitenstein, Mirko Näger-Guckeisen und Philipp Braak).

Quelle: Maximilian Helm

Dresden. Erst Eingeborene als „Die Ungeliebten“, nun „Eindringling(e)“ als Invasoren: Die TU-Bühne gönnt sich zum Spielzeitabschluss noch relevante Pfeile(r) für Kommendes. Bei letzteren handelt es sich eigentlich um ein schwedisches Jugendquartett, welches aus schulischer Unterbelastung Unfug gebiert: Yousef erzählt eine Episode von einem Onkel aus seiner libanesischen Heimat, der angeblich „Abulkasem“ heißt und eines Tages in Schweden von lustigen Soldaten im Rausch bemalt wird: „Go Home“ samt Zielscheibe steht auf seiner Stirn – die eigene tolerante Familie erklärt es ihm als typisch schwedischen Gruß, der soviel wie „Du bist hier willkommen“ bedeute.

In der spätpubertären Stockholmer Schülerclique, die man ohne Autorkenntnis ohne Zweifel in Westberlin verortet, wird – per verstörend lautem Prolog – daraus ein Kultwort, welches zwar als Synonym stets die Bedeutung wandelt, aber den Kreis in die Öffentlichkeit verlässt und von nun an für gesellschaftliche Unruhe sorgt – und letztlich zum Code für einen vermeintlichen Topterroristen wird. Der Verweis auf Erfolgsautor und -stück fehlt allerdings im Programmzettel. Das ist schade, denn die Regiearbeit von Stephan Thiel, der von 1996 bis 1999 am TJG spielte und als Regisseur dem Societaetstheater 2007 „Ich weiß, was Du 89 getan hast“ und den Landesbühnen 2010 „Sekretärinnen“ bescherte, widmet sich dem Original von „Invasion!“, also dem Theatererstling von Jonas Hassen Per Younes Khemiri aus dem Jahre 2006. Der Stockholmer des Jahrgangs 1978, dessen Vater aus Tunesien stammt und der neben Literaturwissenschaft auch internationale Wirtschaft in Paris studierte, war bis dato vor allem durch zwei Romane bekannt: „Kamel ohne Höcker“ und „Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen“.

Seine „Eindringling(e)“ sind nun einerseits viel klüger, subtiler und vielschichtiger als „Die Ungeliebten“ – hier drei Wochen zuvor als selbst ernanntes „Sprachkunstwerk“ präsentiert – andererseits bietet es Schauspiel in erstaunlicher Qualität. Nicht nur, dass alle vier Akteure verschiedene Rollen trotz großer Abstraktion in genauer Trennung und hoher Geschwindigkeit anbieten. Nein, es bietet den Verweis auf die banale bis unvermeidliche Genese von Alltagsrassismus selbst in anerkannten Asylparadiesen.

Erstaunliche Rollenspiele

Konsequent erzählt Khemiri aus der Jugendperspektive – mit der Ausnahme der Verfolgungsbehörden, eigentlich Forscher, und hier von Thiels Ausstatterin Elise Richter in weiße Overalls gesteckt, mit dunklen Taucherbrillen und schicken Spielzeug-Maschinenpistolen ausgestattet. Diese offenbaren in Slapstickmanier und mit lustigen Video- und Bilderspielen garniert, die systemimmanente Unfähigkeit, das Phänomen Terrorismus als Phantom zu bekämpfen und dabei alle möglichen Verdächtigen zu verfolgen.

Das ist einerseits witzig, andererseits führt es die Folgen des Versagens für einzelne Unschuldige drastisch vor Augen – zumal, wenn es sich wie hier um einen Namen aus jugendlichem Hirnrauch handelt. Alle vier Darsteller überzeugen dabei – vor allem in Präsenz, Genauigkeit und Wandel. Hannah Breitenstein, jüngst als dominante Othella zu erleben, spielt neben einem perfiden Arabisch -Dolmetscher und einer Esotante den kleinen Abul-Bruder und meistert per fulminanten Monolog den Schlusspunkt im schwedischen Mittsommerwald. Lisette Holdrack hat – neben Yousef – als fesche Lara zwei völlig unterschiedliche Begegnungen mit Philipp Braak alias indischstämmigen Call-Center-Arvind, den sie für einen Baggertürken hält und beim Begriff Abulkasem einmal fast dahin schmilzt, später bleibt sie blondinencool. Braak setzt in 75 pausenlosen Minuten eher die witzigen Tupfer, Mirko Näger-Guckeisen als illegaler Apfelpflücker aus dem Libanon und schwuler Christ mit dem Künstlernamen Lance, der zu Musik wie ABBA tanzt und daher Schweden liebt, die dramatischen Höhepunkte.

Auf die vorab angekündigten Bezüge „für (unsere) Dresdner Gegenwart“ verzichtet Thiel dankenswerterweise bei der Premiere am Tag eins nach EU-Europa und in der Woche, in der das einst liberale Schweden unter rot-grüner Fuchtel die schärfsten Antiasylgesetze seiner Geschichte einführt, deren Bewertung keinem fernen Medienbeobachter zusteht. Schauen wir lieber, was die kompetente Intelligenz wie Khemiri daraus macht, auch wenn die Transferzeit bis Dresden zehn Jahre Geduld bedeuten kann.

Bis dahin hilft auch „Invasion!“, denn das Stück endet eindrücklich sowie aktuell und abstrakt genug: Abulkasem wird seine Identität unter großen Schmerzen verleugnen – und damit, quasi als Preis für vermeintliche Integration, familiäre und kulturelle Wurzeln kappen. Das wird en passant und ohne Moralkeule und Hassschaumtiraden erzählt – und bekam wohlverdienten, leicht betroffen-verhaltenen Applaus. Und ist auch unter den vielen aktuellen Angeboten der sächsischen Stadttheater, die sich mit Fluchtursachen und -folgen bei gleichzeitiger Verrohung und Verdummung des Wahlvolkes mit einhergehenden Demokratieversagens befassen, durchaus herausragend. Zudem ist die Inszenierung von der Grundanlage durchaus mobil, also gastspielreif, konzipiert.

Matthias Spaniel, künstlerischer Leiter der TU-Bühne, deren Spielzeit noch bis 15. Juli dauert, hat derweil schon den nächsten Höhepunkt vor Augen: Vom 21. bis 23. Oktober wird, quasi als fulminanter Spielzeitstart, der 60. Geburtstag gefeiert.

Nächste Vorstellungen am 9. & 10. Juli (je 20.15 Uhr).

Netzinfos: https://die-buehne.tu-dresden.de/

Von Andreas Herrmann

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