Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
"Alles auf Anfang" als Premiere in der Herkuleskeule Dresden

"Alles auf Anfang" als Premiere in der Herkuleskeule Dresden

So schnell gerät Wolfgang Stumph nicht ins Schwitzen - als ihn seine ehemaligen Kollegen Rainer Schulze und Wolfgang Schaller aber für ein kleines Impromptu auf die Bühne bitten, um eine 30 Jahre alte Kabarettnummer wieder aufleben zu lassen, kriegt der Premierengast dann doch ein wenig Lampenfieber.

Voriger Artikel
Wissenschaftler testen auf dem Inneren Neustädter Friedhof ein neues Verfahren zur Rettung von Sandsteinobjekten
Nächster Artikel
Michael Sanderling verlängert bei der Dresdner Philharmonie bis 2019 und zieht im Interview eine positive Bilanz

Die passende Pointe zum Foto darf jeder selbst beifügen: Rainer Schulze (l.) und Wolfgang Schaller im kabarettistischen Zweiklang.

Quelle: PR

Aber Stumph bekommt als Lokalmatador, dessen Ensembleverdienste nicht vergessen sind, natürlich Szenenapplaus und Bravo-Rufe für seine Rückkehr in den VEB Politsatire, und die Stimmung reißt für den Rest des Abends nicht mehr ab. Schulze und Schaller reiten bei der Premiere ihres Programms "Alles bleibt anders", das neue Texte mit Klassikern aus ihrer Satirikerlaufbahn zusammenbringt, letztere zum Teil behutsam auf den neuesten Stand bringt, auf einer Welle der Begeisterung und verwalten den Abend mit beinah staatsmännischer Gelassenheit.

Es sind vor allem die älteren Texte und Lieder, von Schaller getextet und von Schulze mit Anleihen bei Kreisler (bzw. gar unter Verwendung dessen Melodierepertoires) komponiert, die wirken: Der auf die Horch-und-Guck-Genossen gemünzte "Lauscher" bewährt sich heute als NSA-Moritat, Titel wie "Ich hab Angst" taugen als zeitlose Warnungen vor zeitlosen Übeln wie Opportunismus und Xenophobie. Die beiden Sympathieträger, die mit ihrem Alter zu kokettieren verstehen, haben dem lieben Vaterland noch einiges ins Stammbuch zu diktieren, und greifen dafür selbstbewusst ins Archiv - nicht nur ins eigene. So muss man Schallers verschmitzte Aussage, er klaue ausschließlich bei sich selbst, wohl nicht ganz ernst nehmen, es sei denn, der Hausherr will Copyright für ein gutes Dutzend der musealsten Kalauer und Stilblüten im gesamtdeutschen Kabaretthandbuch anmelden. Aber egal, ob nun der Urin stinkt oder der Ur-Instinkt zu schaffen macht, das Publikum hat Freude, wiewohl es die Pointen zumeist antizipieren und gelegentlich sogar mitsprechen kann. Wenn Hallervorden nach wie vor Palim-Palim macht, darf die Herkuleskeule ihrerseits Pointen aufwärmen, zumal die politische Realität weiter denselben Eintopf anrührt - und das neue Material ein wenig abfällt: Die piefigen Spießerkarikaturen sind besseres Schülerkabarett, und ob tatsächlich noch irgendwer einer gedichteten Auseinandersetzung mit der Scheußlichkeit des Privatfernsehens bedarf, bleibt dahingestellt. Das Premierenpublikum nahm es nicht krumm, zumal es nicht allzu hart ins Gebet genommen wurde.

Ein fundamentales Paradox am Kabarettbesuch bleibt ohnehin bestehen: dass unter Zuruf zahlreicher "Jawolls" und "So isses" ohne allzu viel Anstrengung die herrschende Kaste aufs Korn genommen wird (im Fall der frisch abgetretenen FDP-Führung provoziert allein die bloße Namensnennung Heiterkeitsstürme, als Merkel-Schelte genügen die immer gleichen ermüdenden Mutti-Klischees), gebannt dem erhobenen Zeigefinger der beiden Oberlehrer gefolgt wird, für die sich Geld weiter verlässlich auf Welt reimt und der Kapitalismus seinen kategorischen Imperativ ("Kapital is' Muss!") schon im Namen trägt, der zahlende Besucher aber seinerseits keine Anstalten macht, sich über den Schlussapplaus hinaus zu echauffieren, geschweige denn, bis an die dritten Zähne bewaffnet für Besserung einzutreten. Hierüber können sich auch die provokationsfreudigen Akteure Schaller und Schulze gelegentlich nur wundern - letzterer verbirgt aber jeden Zweifel am eigenen Auftrag hinter penetranter Dauerfröhlichkeit, und Schaller gibt wacker den Aufklärer in einer Welt, die den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit auch dann nicht finden würde, wenn man ihr den Weg mit Taschenlampe und Schildern wiese.

Im Wettstreit der Kabarett-Generationen, wie ihn die Keule gerade vollmundig bewirbt, werden Philipp Schaller und Erik Lehmann in zwei Wochen mit ihrer Premiere "Wir geben unser Bestes" nachziehen. Dann darf Wolfgang Stumph vermutlich sitzenbleiben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.10.2013

Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr