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Alf Mahlos Komödie "Wie bei Fröhlichs unterm Chaiselongue" im Centrum Theater Dresden

Alf Mahlos Komödie "Wie bei Fröhlichs unterm Chaiselongue" im Centrum Theater Dresden

Saxonischer Pöbel!? Na, oft wird man nicht so angesprochen, aber in der neuen Produktion des Centrum Theaters muss man sich das als zahlender Gast bieten lassen - und findet zunehmend Gefallen daran.

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Vier von fünf Mitgliedern des Ensembles, welche mehrmals Rollen, Perücken und Kostüme tauschen.

Quelle: PR

Ebenso an den emotionalen Übungen, bei denen mitzumachen einem abverlangt wird. Als da wäre etwa, mit Jubel nicht zu geizen, wenn der Monarch erscheint, ob es nun offenbart, dass man ein heuchlerisches Schranzenvolk ist oder nicht. "Wie bei Fröhlichs unterm Chaiselongue" heißt das neue Stück und führt mitten hinein ins Jahr 1694, als seine Majestät, Kurfürst Johann Georg IV., sich "viruliert" hat, weil er so unvorsichtig war, seine an den Pocken erkrankte Mätresse Sibylla von Neitschütz auf dem Totenbett noch mal zu küssen. Der Kurfürst ist tot, da halfen alle Wünsche zur "baldigen Verwesung" nicht, es lebe der (neue) Kurfürst, also der kleine Bruder, der die Chance nutzte, nicht als Fußnote, sondern als August der Starke in die Geschichtsbücher und ins Gedächtnis der Nachwelt einzugehen.

Verfasst hat das Werk der Vollblut-Komödiant Alf Mahlo - und sich dabei gleich zwei Traumrollen auf den Leib geschrieben, die des Oberzeremonienmeisters Johann Gottlieb de Lafite Rothschild und des historisch auch verbürgten Ministers Jakob Heinrich Graf von Flemming gleich mit. Und auch als preußischer Soldat treibt er mit wirren Harren und Überbiss den Zuschauern phasenweise die (Lach-)Tränen ins Gesicht. Auch seine Mitspieler haben keinen Grund zur Klage. Auch sie dürfen in diversen Rollen ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen, Thomas Kressmann und Mario Grünewald halt in Hosen- und Annette Richter und Henriette Ehrlich meist in Reifrock-Rollen. 13 Rollen waren unter einer Handvoll Schauspieler aufzuteilen, aber der stete Rollentausch, der einen entsprechenden Kostüm- und Perückenwechsel erfordert, gelingt famos. Regie führte Henriette Ehrlich, und auch da gibt es nicht viel zu meckern.

Man wird Zeuge, wie sich der königliche Hofnarr Joseph Fröhlich (Grünewald) und sein Busenfreund Oberzeremonienmeister Johann Gottlieb de Lafite Rothschild an den Rockzipfeln ihrer Eheweiber (Richter, Ehrlich) vorbei durch die Wirren des kurfürstlich-sächsischen Hofes kämpfen. Mit jener Fischelanz, die sich die Sachsen so gern ausstellen, manövrieren sie sich an Intrigen des machthungrigen Flemming, lüsternen Hofdamen und durchtriebenen Hofschranzen vorbei, um ganz nebenbei Sachsen vor einem Krieg zu retten und den von August dem Starken nach einem Gelage an Preußen verschenkten Lilienstein wieder in sächsischen Besitz zu bringen.

Als Historiker sträuben sich einem natürlich wieder und wieder die Nackenhaare. Eigentlich passt nichts. "Geht gor ni", wie man auf gut sächsisch sagt. Fröhlich (eigentlich: Froelich) kam erst 1725 an den Hof in Dresden, wo er von August dem Starken mit dem offiziellen Titel Königlich-Kurfürstlicher Hoftaschenspieler bedacht wurde. Augusts Gattin Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth müsste eigentlich fränkisch und nicht bayerisch sprechen. Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der berühmt-berüchtigte Soldatenkönig, mag viele Fehler gehabt haben, aber ein Kriegstreiber und Mätressen haltender Schürzenjäger wie Johann Georg IV. und August der Starke war er nicht. Aber die Szene, wie der olle Kommisskopp, der an einer Stelle gallig beteuert "Preußen ist kein Ponyhof", die Blütenblätter von einer Blume rupft unter dem steten Wechsel von "Krieg - Kein Krieg - Krieg - Kein Krieg" und das Ergebnis betrübt mit einem "schade" quittiert, ist wie so vieles andere an Einfällen superb. Hier und da hat man auch die Chuzpe, mal eben locker aus der Zeit zu fallen und einen Vopo auftreten zu lassen, der den schneller als die Polizei erlaubt durch Preußens Wälder rasenden Narren Fröhlich fragt: "Na Bürger, was haben wir denn falsch gemacht?" Überhaupt: Das Geschehen mag vorzugsweise in barocker Zeit angesiedelt sein, hier und da kann jeder Parallelen zu heutigen Zeiten ziehen, etwa wenn vermerkt wird, dass der saxonische Pöbel gut zu lenken und leiten ist, wenn er nur satt und zufrieden ist.

War bei den ersten beiden Produktionen am Centrum Theater in punkto Witz noch reichlich Luft nach oben, so stimmt hier erfreulicherweise ungemein viel in punkto Komik. Schade ist nur, dass die gute Stimmung nach jedem Essensgang (die Abendvorstellungen sind mit einem Vier-Gang-Menü verbunden) wieder mühsam von Neuem wieder aufgebaut werden muss. Viel Klamauk ist im Spiel, aber nur selten ein billiger. Und auch der kam an, jedenfalls prusteten nicht wenige Damen im Saal los, als der Satz "Männer sind wie eine Kette, nur so stark wie ihr schwächstes Glied" fiel. Sogar Freunde bösen Humors kommen auf ihre Kosten, etwa wenn die graue wie intrigante Eminenz Flemming droht: "Zehn Jahre Galeere. Die Weißeritz hoch und runter!" Ein Hammer sind auch die diversen Gesangs- und Tanzeinlagen, ob nun Mahlo in Countertenor-Belcanto-Manier trällert oder Ehrlich und Richter bei einem Cancan zu Menuett-Musik die Reifröcke heben. Und hier und da blitzt es sogar

Nächste Vorstellungen: Heute, 15 und 19 Uhr, 13. & 14.3., jeweils 19 Uhr; Karten: 0351/32 35 32 48

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.02.2015

Christian Ruf

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