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Aleaxander Nitzberg kommt mit seiner "Meister und Margarita"-Übersetzung ins Stadtmuseum Dresden

Aleaxander Nitzberg kommt mit seiner "Meister und Margarita"-Übersetzung ins Stadtmuseum Dresden

Teufeleien gibt es viele in der Literatur. Da ist des Franzosen Lesages "Hinkender Teufel", da ist Gogols Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, der die "toten Seelen" aufspürt, und natürlich Mephisto aus Goethes "Faust".

Und Woland, oder, je nach Übersetzung, Voland. Leibhaftig erscheint dieser (wir bleiben bei der Schreibweise der neuen Übersetzung) Woland in Bulgakows Roman "Meister und Margarita" im Moskau der dreißiger Jahre, um unter den Einwohnern der Stadt jede Menge Verwirrung zu stiften. Das zugrunde liegende Programm ist das der Gerechtigkeit, die wieder hergestellt werden soll - wenigstens für die beiden einzigen wirklich Gerechten dieser Geschichte: Margarita und ihren Meister. Der 1891 geborene russische Schriftsteller Michail Bulgakow hat aus dieser Idee eine große Gegenwartsdichtung geschaffen. Und eine furiose Satire, die sich aus Spukgeschichten, Teufelsspäßen und einer rauschenden Walpurgisnacht zusammensetzt. Aber "Meister und Margarita" ist ebenso ein philosophisches und zeitkritisches Buch, in dem hinter der Maske des Absurden Stalins Exzesse und die Bürokratie einer ganzen Gesellschaft aufs Korn genommen werden. Die Mächtigen damals müssen das auch erkannt, zumindest geahnt haben, denn erschienen ist der Roman, an dem Bulgakow bis zu seinem Tod im Jahr 1940 schrieb, erst ab November 1966 in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift Moskwa. Innerhalb weniger Stunden war die Ausgabe vergriffen und bald kursierten Abschriften auch der zensierten Stellen als Samisdat. Ungekürzt erschien das Buch erstmals 1973 in der Sowjetunion.

"Meister und Margarita" wurde schnell auch in der DDR Kult. Man musste dieses Buch gelesen haben, Sätze wie "Manuskripte brennen nicht" aus dem Roman wurden zu "geflügelten Worten". Die Reschke-Übersetzung ging von Hand zu Hand - es sollte für lange Zeit die einzig verfügbare Übersetzung ins Deutsche bleiben.

Seit wenigen Monaten nun gibt es eine neue, bereits viel gelobte Übersetzung des Buches. Der 1969 in Moskau geborenene, Deutsch schreibenden Lyriker und Übersetzer Alexander Nitzberg hat sich, mit Sachkenntnis und Selbstbewusstsein, an den umfangreichen Stoff gewagt. Nitzberg, der in Wien lebt, sagt, dass, sehe man "das Leben als Pyramide", die Politik für ihn "ganz unten auf der Skala" stehe. Oben sieht er die Kultur, die Kunst, das Gestalterische. Entsprechend versteht Nitzberg die Lieblingslektüre vieler Russen, den Roman "Meister und Margarita", zuallererst als ein Werk der Kunst - und hat es genau so übersetzt: mit feinem Gespür für das Rhytmische von Bulgakows Prosa, für Assonanzen und Alliterationen. Betrogen fühlen um das Politische braucht man sich deswegen aber nicht.

Das Buch lebt unabhängig von politischen Zeitläuften, es ist, als Literatur, stark genug, um noch in jeder Gesellschaft seine ihm innewohnende subversive Kraft zu entfalten. Auch heute, da wir zu glauben geneigt sind, der technische Fortschritt könne alle unsere Probleme lösen, lässt sich schließlich nicht genau sagen, wo die Wirklichkeit anfängt und wo das Phantastische beginnt. Und Glaube lässt sich nicht gegen Atheismus aufrechnen. Natürlich kann man "Meister und Margarita" primär politisch lesen, als Satire auf den stalinistischen Staat. Man kann ihn aber auch philosophisch lesen - immerhin hat der Teufel in Bulgakows Roman mit Kant gefrühstückt.

Alexander Nitzberg wünscht sich, dass wir das Buch endlich auch "poetisch lesen lernen". Bulgakows Sprache "glühe und fiebere" an entscheidenden Stellen, sagt Nitzberg. So ist "Meister und Margarita für ihn "ein magisches Buch". Seine Kollegin Felicitas Hoppe, auch eine Fabulierkünstlerin ersten Ranges, hat zur Neuausgabe des Bulgakow-Romans ein sehr persönliches Nachwort beigesteuert. Sie gibt darin zu bedenken, dass nicht das Böse an sich das Problem ist, sondern "die Angst vor dem Bösen." Und sie warnt zugleich davor, Bulgakows berühmten Satz, es werde "eine Zeit kommen, in der es keine Macht geben wird", allzu eilfertig als kommunistische Erlösungsphantasie auszulegen. Vielmehr plädiert sie für "eine Morgendämmerung am Patriarchenteich, die immer wieder von vorn übersetzt wird, weil keiner das letzte Wort dafür findet". Und, fügen wir hinzu: die immer wieder neu gelesen werden darf, weil keiner die letzte Deutung für dieses einzigartige und äußerst vielschichtige Buch parat haben dürfte.

Reihe Literarische Alphabete des Literaturforum Dresden mit Alexander Nitzberg am 19. Juni, 20 Uhr im Stadtmuseum Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.06.2013

Volker Sielaff

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