Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 2 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
Aimee Mann konzertierte in der Lukaskirche

Aimee Mann konzertierte in der Lukaskirche

Zu Beginn wird philosophiert: Wie viel Mangel an Coolness darf sich ein Musikidol eigentlich leisten, und wie viel Uncoolness ist anzuhäufen, bevor es schon wieder zur Stilikone reicht? Aimee Mann trägt die Lektion bei ihrem Konzert in der Dresdner Lukaskirche am eigenen Leib: Netzstrumpfhose, Hotpants und Chucks verströmen mehr pubertären Trotz, als der brillanten Liedermacherin lieb sein kann, doch wie sie selbst ihrem Mitspieler Ted Leo zuraunt, als dieser seinen zweiten Stimmbruch im Anmarsch wähnt: "Man kann nie genug Pubertäten haben!" So muss selbst Leo, der das Vorprogramm teils als Solist, teils im Duett mit Aimee Mann selbst bestreitet (beide haben als "The Both" gerade eine neue Kombo aus dem Boden gestampft, die 2014 das erste Album vorlegen wird), schließlich anerkennen, dass das schräge Outfit (abgerundet durch Manns eigenes Fan-Shirt) überzeugt.

Voriger Artikel
In größter Finanznot schloss Gera einen Tag lang Kultur- und Serviceeinrichtungen - ein Bärendienst fürs Image
Nächster Artikel
Nachwuchsmedienkünstler präsentieren ihre Werke in Dresdner "Scheune"

Aimee Mann spielte vor allem Lieder aus ihrem Album "Bachelor No. 2".

Quelle: Dietrich Flechtner

Das Publikum nickt zustimmend, zumal der selbstreflexive Dialog über Stiletikette auch noch in jenem haarsträubenden Telekollegs-Deutsch vorgetragen wird, das Aimee Mann seinerzeit für ihren Auftritt als Pfannkuchen-versessene deutsche Nihilistin in "The Big Lebowski" pauken musste.

Über all dies ließ sich beinah vergessen, dass das Kirchenschiff nicht wegen Aimees Anzieh-ABC so gut gefüllt war, sondern weil Mann einen ausgezeichneten Ruf als Sängerin und Liedschaffende zu verteidigen hat. Gegen 21 Uhr folgt dann glücklicherweise doch noch der Griff zur Gitarre, und auf "Going through the Motions" schließt sich ein 90-minütiger Streifzug durch 20 Jahre hinreißende Schwermut an. Als "Acoustic Evening" ist die Veranstaltung angekündigt - "Acoustic Evening" ist Englisch für "Wir konnten dem Schlagzeuger leider kein Flugticket bezahlen", doch der Star des Abends wird von seinen beiden Mitstreitern Jamie Edwards und Paul Ryan hervorragend unterstützt, wiewohl Ryans Bass ab und an stärker wummert, als Manns gekonnte Verse und das Klavier verkraften.

Den Schwerpunkt bilden Lieder aus dem Opus Magnum "Bachelor No. 2" (2000), das Mann im Doppelschlag mit dem Soundtrack zu "Magnolia" auch in Europa vom Geheimtipp zum etwas weniger geheimen Geheimtipp beförderte. "Ghost World" und das gemeinsam mit Elvis Costello komponierte "Fall of the World's Own Optimist" sind so frisch wie am ersten Tag, "Wise Up" und "Save Me" haben den Hollywood-Flirt schadlos überstanden. Letzterer Song durfte sein süßes Gift laut Verfasserin neulich sogar im Rahmen einer Politgala für Hillary Clinton verströmen - ein charmantes Missverständnis. So bleibt auch ungeklärt, welcher Teufel wohl die Produzenten des Trickfilm-Klamauks "Shrek" ritt, ausgerechnet bei Mann das Begleitlied zum Film-Happy-End zu bestellen. Natürlich wurde das Lied ("Borrowing Time") abgelehnt, doch die Anekdote, von Mann pointiert zum Besten gegeben, charakterisiert ihr Schaffen besser als manches Lied. Von Leonard Cohen stammt die Einsicht, dass es nur drei Arten von Liebesliedern gibt: "Ich will dich", "ich habe dich", und "ich habe dich verloren", und Aimee Mann darf als Hohepriesterin der letzten Kategorie gelten, die sie um unzählige Varianten ausdifferenziert hat, u.a. "und das ist auch gut so, du Arschloch", "dann lass ich's halt bleiben", sowie "aber das ist ja alles schon so verdammt lange her".

So folgt man ihr wahnsinnig gern an den melodiösen Abgrund, wo sich die Verlierer und Enttäuschten tummeln, etwa der von ihr besungene "Labrador", der trotz Tritten und Beschimpfungen immer wieder angetrottet kommt - außer diesem Titel ist das neue, großartige Album "Charmer" leider nur mit zwei Liedern vertreten, liegt der Schwerpunkt auf dem Archiv. Wieso es trotzdem bis zum Abschluss, bis zu "One" und den elegischen "Red Vines" dauert, damit sich zumindest ein Spürchen von Ekstase im Saal breitmacht, bleibt das Geheimnis der zahlenden Kundschaft.

Am Schluss spielt sie noch auf Zuruf: Ein Wunschtitel wird gewährt. Noch bevor man mit sich selbst ausgemacht hat, ob ein kurzer Gruß aus Manns herrlich schlecht gelauntem Weihnachtsalbum "One More Drifter in the Snow" verfrüht wäre, hat sich zum Glück schon jemand "Invisible Ink" gewünscht, und mit der unsichtbaren Tinte schreibt Aimee Mann dann ihr Abschiedsständchen an die Dresdner. Der Winter kann kommen. Wieland Schwanebeck

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.11.2013

Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr