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„Aghet“-Projekt zum Genozid an den Armeniern in Dresden-Hellerau gefeiert

Türkei-Kritik zum Trotz „Aghet“-Projekt zum Genozid an den Armeniern in Dresden-Hellerau gefeiert

Erstmals seit der Intervention der Türkei gegen das Musikprojekt „Aghet“ ist das Werk wieder aufgeführt worden. Das Projekt war zum 100. Jahrestag des Massakers an den Armeniern initiiert worden. Die Dresdner Sinfoniker und Gastmusiker bekamen am Samstagabend im ausverkauften Festspielhaus Hellerau in Dresden stehende Ovationen.

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Der Gitarrist Marc Sinan, einer der Hauptprotagonisten des „Aghet“-Projekts

Quelle: Stephan Floß

Dresden. Im November 2015 war das in Berlin uraufgeführte „Aghet“-Projekt der Dresdner Sinfoniker und des Gitarristen Marc Sinan nur eines von vielen, die an den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren erinnerten. Es ging um Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, als die Spannungen zwischen Türken und Armeniern eskalierten. Die mit Deutschland im Ersten Weltkrieg verbündeten Türken unterstellten ihnen Kollaboration unter anderem mit Russland. Bis zu 1,5 Millionen Armenier starben bei Deportationen und Massakern, die als „Aghet“, also „Katastrophe“, in ihre Geschichte eingingen.

Die zweite Aufführung des Konzertes am Vorabend des 1. Mai im Festspielhaus Dresden-Hellerau geriet in der vergangenen Woche zum Politikum, weil der türkische EU-Botschafter von Brüssel die Einstellung der Projektförderung von 200 000 Euro forderte. Präsident Erdogan hatte zuvor nicht nur bekräftigt, den Vorwurf des Genozids „niemals akzeptieren“ zu wollen. Im angeheizten Streit um das Böhmermann-Pamphlet und die Freiheit von Kunst und Satire in Deutschland probierte die Türkei auch erneut, wie weit ihr langer Arm reicht (DNN berichteten). Dieter Jaenicke, künstlerischer Leiter des Festspielhauses Hellerau und Koproduzent, überraschen diese Versuche zwar nicht. Das teilweise Einknicken der EU-Kommission, die daraufhin den Ankündigungstext von der Internetseite entfernte, und das Zögern der Bundesregierung hält er aber für „fatale Zeichen“. Es sei schlimm, wenn man sich nicht mehr eindeutig auf die Grundwerte unserer Demokratie verständigen könne.

In den Tagen vor der brisanten Dresdner Aufführung aber positionierten sich sowohl Europaabgeordnete mehrerer Parteien als auch sächsische Politiker sehr klar. Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) nannte die Einmischungsversuche der türkischen Regierung „unverschämt und erschreckend“. Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, betonte noch einmal, dass das Konzertvorhaben den Genozid-Streit eigentlich entschärfen soll und auf Dialog angelegt ist. Denn das auf zeitgenössische Musik spezialisierte Dresdner Projektorchester war um Gäste aus Armenien, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien erweitert worden. Die Türkin Zeynep Gedizlioglu, der Armenier Vache Sharafyan und der Deutsche Helmut Oehring steuerten Kompositionen bei. Gitarrist Marc Sinan, der vor rund sechs Jahren auf einer Fahrt durch Anatolien mit Markus Rindt die Projektidee hatte, vereinigt in seiner Person türkische, armenische und deutsche Wurzeln.

Angesichts der politischen Dimensionen der zum Fall gewordenen Aufführung war das unbeirrte Stattfinden des Konzerts schon ein Erfolg an sich. Sein künstlerischer Wert sollte darüber nicht in den Hintergrund treten, denn der spricht für sich. Er spricht allerdings nicht nur für Versöhnungsgedanken sondern auch Klartext. „Sowohl ein Fanal als auch eine Klage“, lauteten Reaktionen aus dem Publikum. Helmut Oehrings ungemein wuchtiges, phasenweise agitatorisches Melodram unter dem Titel „Massaker, hört ihr MASSAKER“ ist an Präsident Erdogan adressiert. Marc Sinan als Sprecher und an der schrillen E-Gitarre, ein Altus und ein Knabensopran, die auch gestisch agierenden Damen des Dresdner Kammerchores und eingestreute Zitate ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Stefanie Wördemann hat ein Textbuch unter anderem nach einem Gedicht des Armeniers Rupen Sevag geschrieben. Das Werk ist ein Aufschrei und wurde von der Maximalbesetzung unter dem Dirigat von Premil Petrovic auch so suggestiv geradezu inszeniert.

Zeynep Gedizlioglus „Notes from the Silent One“ ist hingegen eher eine stille Annäherung an mögliche Empfindungen der Armenier. „Fühlende“ Klangflächen werden aufgebaut, um den Ton D entfaltet sich ein Panorama, Abwärtsglissandi klagen. Sehr leise und resignierend verliert sich das Werk. Vache Sharafyans „Surgite Gloriae“ liegt ein altes Kirchenlied zugrunde. Aber auch Folklore fließt ein, und trotz der Vierteltonausflüge der Bratsche bleibt das Klangbild traditioneller. Der insgesamt klagende Duktus wird vom armenischen Nationalinstrument Duduk bestimmt, abgelöst aber auch durch Eruptionen.

Am Freitagabend hatten bereits Schüler des Vitzthum- und des Plauener Gymnasiums gemeinsam mit den Sinfonikern auf das Thema eingestimmt. Sie erstellten eine empathiereiche Bühnenfassung von Franz Werfels Buch „Die 40 Tage des Musa Dagh“, die niemanden kalt ließ. Unter der Gesamtleitung des bekannten Schauspielers Tom Quaas steigerten sie sich zu semiprofessionellen Leistungen, zu denen auch die Massenchoreografie eines armenischen Rap und ein am Klavier begleitetes Gesangsduo gehörte. Schüler protestierten ebenfalls gegen die „unverschämte“ türkische Einflussnahme.

Auch ohne die zusätzliche politische Brisanz haben Theater- und Konzertabend ihren erschütternden Eindruck auf das Publikum nicht verfehlt. Am Sonnabend applaudierte es stehend fast eine Viertelstunde lang im ausverkauften Festspielhaus. Lange Gespräche schlossen sich an. Besucher wünschten dem Projekt eine ähnliche Wirkung auch bei der geplanten Tournee auf dem Balkan und vor allem bei dem bislang noch nicht konkretisierten, aber auch nicht abgesagten Konzert in Istanbul. Intendant Markus Rindt will auf jeden Fall dort spielen. Er gewinnt dem Streit mit der Türkei auch eine positive Seite ab. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Kunst- und Kulturprojekt in der Lage wäre, die EU-Kommission und den Bundestag zu beschäftigen“, meint er hintersinnig. Eine junge Armenierin, die in Deutschland studiert, hält die Auseinandersetzung für einen anachronistischen Konflikt „alter Männer“. In ihrer Generation gebe es kein Feindbild mehr, nur den Wunsch nach ernsthafter Information und Aufarbeitung der unleugbaren Geschichte.

Von Michael Bartsch

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Aghet
Die Dresdner Sinfoniker stehen am Abend des 30.04.2016 auf der Bühne nach der Aufführung des Konzertprojektes «Aghet» im Schauspielhaus Hellerau in Dresden (Sachsen).

Zur Aufführung ihres Stückes über die Massaker an den Armeniern haben die Dresdner Sinfoniker den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan ins deutsche Generalkonsulat in Istanbul eingeladen. Persönliche Einladungen gingen außerdem an Ministerpräsident Binali Yildirim, Außenminister Mevlüt Cavusoglu und Kulturminister Nabi Avci.

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