Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Google+
„Achtung Spione!“: Ausstellung im Dresdner Militärhistorischen Museum

Ausstellung „Achtung Spione!“: Ausstellung im Dresdner Militärhistorischen Museum

Es ist kein Ruhmesblatt deutscher Nachkriegsgeschichte: die Entstehung der Geheimdienste. Das Militärhistorische Museum Dresden widmet dem Thema seine nächste Sonderausstellung „Achtung Spione!“. Vor allem eine Figur wird durchleuchtet: Reinhard Gehlen.

Zwischen Mafia und Bond-Klischee: Gewehr im Geigenkasten.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Es ist ein Dokument mit Ambivalenz und Unterhaltungsfaktor. Denn ein Lächeln lässt sich schwer zurückhalten beim Blick auf die akkurat eingefasste Ernennungsurkunde, die den Genannten gleichzeitig „in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit“ beruft. Datiert ist das Papier, in dem Reinhard Gehlen zum Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) gemacht wird, auf den 20. Dezember 1956. Es ist eine der offiziellen Geburtsstunden des eigenständigen bundesdeutschen Geheimdienstes, als dessen Gründungsdatum aber der 1. April 1956 gilt. Und es ist gleichzeitig ein Dokument vermiefter Kleinbürgerlichkeit: Schließlich sichert sich der Agentenchef Gehlen damit nicht weniger als seine Pensionsansprüche. Last but not least ist es nun einer der chronologischen Schlusspunkte der neuen Sonderausstellung „Achtung Spione!“, die ab Freitag im Militärhistorischen Museum Dresden (MHM) gezeigt wird.

Gehlens Aufstieg begann, als alles einst endete. Schon im März 1945 ließ der damalige Generalmajor der Wehrmacht etwas verpacken und vergraben, mit dem er nach dem Kriegsende hoffte, aus dem Schlamassel zu entkommen: nachrichtendienstliche Erkenntnisse, die er als Chef der Abteilung Fremde Heere Ost seit 1942 hatte sammeln lassen. Gehlen leitete bis kurz vor Kriegsende (Hitler entließ ihn am 9. April 1945) die sogenannte Ostspionage, die sich der „Feindlage“ in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion widmete. Gehlen hatte also vorgesorgt – und die Amerikaner bissen an. Der Beginn einer der absonderlichsten und schmutzigsten Koalitionen des Kalten Krieges.

Diesem Gedankengang folgend, ist die Ausstellung, die in Kooperation mit dem BND entstand, ein Hinabsteigen in die moderigen Grüfte deutscher Nachkriegshistorie. Denn aus Gehlens Andienen an die Sieger der Geschichte entsteht erst die nach ihm benannte Organisation als Nachrichtendienst unter amerikanischer Führung, dann schließlich der BND. Ein Sammelbecken für viele Nazis, SS-Leute und Wehrmachtsoffiziere, allesamt geeint durch ihren strammen Antikommunismus. Erst seit 2011 ist eine vierköpfige Unabhängige Historikerkommission (darunter Klaus-Dietmar Henke, ehemaliger Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung) mit der Aufarbeitung der BND-Geschichte bis 1968 zugange. Dass da noch viel Arbeit in den Archiven schlummert, liegt auf der Hand. Für die aktuelle Ausstellung bescheinigte Kurator Magnus Pahl dem Nachrichtendienst jedenfalls schon mal eine „sehr gute Kooperation“.

Im Untertitel „Geheimdienste in Deutschland von 1945 bis 1956“ der rund 600 Exponate umfassenden Schau liegt aber eine Crux, weil sie durchaus eine Schieflage kaschiert: Klar mehr Material zum BND wird gezeigt, was wohl auch dem Kontext seines 60. Geburtstages geschuldet ist, der in wenigen Tagen ansteht. Und selbst der Essayband zur Ausstellung (dazu kommt noch der 440 Seiten starke Katalog) hat den Themenschwerpunkt deutlich beim westdeutschen Geheimdienst und dort wiederum vor allem bei der Figur Gehlen.

Nichtsdestotrotz stellt die Schau zumindest ein paar Ost-West-Kontexte dieses schwer durchschaubaren Gewerbes her. Das reicht von einer eigenwilligen Liaison in einem Schaukasten, in dem unter Gehlens Schlapphut Markus Wolfs Sonnenbrille hängt. Dazu hilft das Wissen, dass sich der hagere Gehlen oft selbst mit dieser mittlerweile ins Klischee abgerutschten Doppel-Requisite inszenierte. Diese Art der Präsentation jedenfalls „wird wohl keiner der beiden Familien gefallen“, mutmaßte Pahl. Sowohl die Gehlens als auch die Wolfs haben seinen Angaben zufolge nicht wenige Ausstellungsstücke beigesteuert.

Kurator Magnus Pahl vor der Replik einer amerikanischen Wasserstoffbombe

Kurator Magnus Pahl vor der Replik einer amerikanischen Wasserstoffbombe.

Quelle: Dietrich Flechtner

Abseits von James-Bond-ähnlichen Gimmicks wie einer Maschinenpistole im Geigenkasten, getarnten Mini-Kameras oder einem Lippenstift mit Messerspitze sind aber besonders die porträthaften Einschübe einzelner Protagonisten interessant. Das gilt für die (erfolgreichen, aber auch aufgeflogenen) Doppelagenten wie Heinz Felfe oder George Blake, mehr noch aber für das Schicksal einer Frau wie Elli Barczatis, Sekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Sie gab offenbar Akten an ihren Geliebten Karl Laurenz weiter, wobei sie wohl dachte, er würde sie für seine Arbeit als Journalist nutzen. Laurenz aber hatte Kontakt zur Organisation Gehlen. Barczatis und Laurenz wurden verhaftet und zum Tode verurteilt. Beide starben am 23. November 1955 in Dresden unter dem Fallbeil.

Die Ausstellung soll unter anderem ein Tondokument präsentieren, das Barczatis’ Reaktion auf das Gerichtsurteil festhielt. Da die Medienstationen zum gestrigen Pressetermin im Museum aber noch nicht fertig installiert waren, muss eine abschießende Beurteilung an dieser Stelle zumindest ausbleiben.

Die Ausstellungsmacher reichern die geschichtliche Chronologie durch weitere Exkurse an – wie ein Interview von Pahl mit Egon Bahr. Im Katalog findet sich Bahrs Satz, Markus Wolf habe in einem Brief an ihn die Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume als „seine größte Niederlage“ bezeichnet. Man wünschte, diesen Brief lesen zu können, als zeithistorisches Dokument. Dass der Bogen darüber hinaus in die Gegenwart reicht, bis zum Fall NSA und Edward Snowden oder dem jüngsten Dresden-Preisträger Daniel Ellsberg, dem Vater des Whistleblowing, ist eine Linie, die jeder Besucher unschwer selbst ziehen kann.

Der Ausblick von Gorch Pieken, wissenschaftlicher Leiter am MHM, ließ gestern noch einmal in anderer Hinsicht aufhorchen. Ab November wird das Haus einen Blick auf die NSU-Thematik werfen, vor allem auf die Arbeit der Verfassungsschützer. Die Schlapphüte werden also weiter unter Beobachtung stehen.

bis 29. November, geöffnet täglich (außer Mi) 10-18, Mo 10-21 Uhr

Essays und Katalog im Schuber, 880 Seiten, 832 meist farbige Abb., 68 Euro, Katalog und Essayband auch einzeln erhältlich

www.mhmbw.de

Von Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr