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Achim Reichel im Schlachthof

Achim Reichel im Schlachthof

So mit sich selbst im Reinen können 71-jährige Musiker sein! Schön zu erleben, mit welch gelassener Selbstverständlichkeit Achim Reichel die Aufmerksamkeit der begeisterten Fans im Alten Schlachthof genießt - obwohl das Konzert von der großen in die kleine Tonne verlagert wurde.

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Achim Reichel überzeugte das Publikum im Schlachthof mit zeitloser Musik und treffenden Texten.

Quelle: Dietrich Flechtner

Aber immerhin, hier geht es um jemanden, der bereits in den frühen 60ern mit den Rattles als erste deutsche Band auf der Bühne des Hamburger Star Clubs stand, der gemeinsam mit den Beatles und den Stones getourt ist, den die ehrwürdige FAZ zum "Vater der deutschen Rockmusik" - damals noch nicht der deutschsprachigen - kürte. Und: Der seitdem ohne allzu größere Pausen Musik macht; Songs schreibt, die Jahre und Jahrzehnte überdauern, sich keinen Moden anbiedern, sondern immer nur nach einem klingen: Nach Achim Reichel. So etwas ist schon eine solide Basis für Zufriedenheit.

Seit 40 Jahren singt er nun auf Deutsch - auch das war anfangs neu, ungewohnt, nicht unbedingt Erfolg versprechend. Aber: Reichel legte stets Wert auf die Texte, und das machte die Songs mindestens ebenso zeitlos wie die schnörkellose Musik. Unbedingt geholfen hat dabei die Freundschaft zum genial-kaputten Dichter Jörg Fauser, der Reichel die Texte für die großartige Scheibe von 1982 "Blues in Blond" bescherte - dichte Geschichten von Verlierern und Kämpfern, Liebenden und Spielenden. Live in Dresden spielt er daraus gleich als zweiten Song seinen vielleicht größten Hit "Der Spieler", und der Drive funktioniert noch immer tadellos, wenngleich man das Raunen "Spieler, Spieler komm rüber" unheimlicher, atmosphärischer im Ohr hatte. Aber Berry Sarluis' Akkordeon klingt absolut fantastisch, Yogi Yockuschs Perkussion dazu treibt den armen Mann direkt in den Untergang.

Später folgt von der Platte noch "Mama Stadt", auch dieser Text ein echter Fauser, poetisch und treffend - und nach wie vor aktuell, wenn es da heißt: "Die Fremden sehen ängstlich aus." Ein Fauser-Text, den Reichel all die Jahre bewahrt hat, entstand kurz vor dessen Tod - Fauser spazierte 1987 sturzbetrunken über die Autobahn und beendete sein Leben und Schaffen viel zu früh und viel zu passend - und enthält die prophetische Zeile: "Wach auf, wach auf! Wer weiß, wie lange wir noch haben."

Im Vorjahr nun endlich hat Achim Reichel ihn für seine aktuelle CD "Raureif" verarbeitet und auch musikalisch das Bedrängende, die Endzeitstimmung des Textes perfekt übersetzt. Womit "Herz der Dinge" auf der CD eine Sonderstellung einnimmt, denn die Textqualität erreicht Reichel bei den anderen Songs nicht. So ist der Opener von CD wie Konzert "Dolles Ding" eigentlich nur eine alberne, überflüssige Geschichte. Aber gut, "In der Hängematte" gibt mit seinem smarten Reggae-Rhythmus wunderbar die Stimmung eines Abends am Mittelmeer wieder, wo Reichel sich rund um seinen 70. Geburtstag im vergangenen Winter eine Auszeit von drei Monaten gegönnt hatte, und "Der Abschiedsbrief" ist mit Reichels prägnant gespielter Westerngitarre auch ein musikalisches Highlight.

Ansonsten bezwingen an diesem Abend auch und vor allem Nils Tuxens Pedal Steel und E-Gitarre sowie immer wieder Berry Sarluis am Akkordeon, aber auch am Keyboard. Gemeinsam mit Achim Raffain an den Bässen und Chef Reichel - ebenso an der akustischen Gitarre und an der Ukulele - erzeugen sie einen Sound, der tatsächlich ganz und gar zeitlos ist.

Song-Highlights außerhalb der Fauser-Stücke sind in diesen reichlich zwei Stunden quer durch die Jahrzehnte auch die Hits "Fliegende Pferde" und "Sansibar". Manchmal haben Charts eben doch Recht. Aber Zeilen wie "Wieder mal ein neues Leben im Kopf" zu markant-dräuender Westerngitarre und Keyboards - das ist einfach unwiderstehlich. Und der Abschied? Der lautet: "Leben leben" und zeigt noch einmal die Zufriedenheit des Musikers - und die des Publikums, das durchaus beglückt den Schlachthof verlässt, im Wissen, dass es immer nur genau darum geht: Leben leben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.04.2015

Beate Baum

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