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Abzocken ohne anzuecken - Ausstellung in der HfBK Dresden

Abzocken ohne anzuecken - Ausstellung in der HfBK Dresden

Etymologisch bietet das erste Verb des Ausstellungstitels "Abzocken ohne anzuecken" die reichhaltigsten Assoziationen, um ein Vielfaches mehr noch als das zweite, sagte Rektor Flügge bei der Eröffnung der aktuellen Exposition im Oktogon der Dresdner Hochschule für Bildende Künste (HfBK).

Der betont unakademische Titel kommt etwas manieriert daher. Genauso lautete die Überschrift für den kurzfristigen Aufruf an Studenten und Absolventen zur Einreichung von Vorschlägen zur Ausstellung, die an die Tradition früherer Frühlingssalons anknüpfen will. Als Motto wird damit ein breites Spektrum von Fragestellungen provoziert, die letztlich auf die Opposition zwischen Kunst und Gesellschaft abzielen, indem Fragen von Überlebensstrategien und des Verschaffens von Vorteilen aufgerufen werden, in denen man zu Positionierungen in Bezug auf sich und die Welt herausgefordert ist.

Alles an dieser Ausstellungsplanung ist konzeptuell angelegt, im Darwinschen Sinne gedacht als Selbstregulierung nach dem Prinzip der Durchsetzungsstärke. Das Projekt will sich ausdrücklich nicht auf dem Boden üblicher kuratorischer Praxis bewegen, sondern ein ungesteuertes Kräftemessen aller eingereichten Vorschläge zum Thema sein. Die in der Ausschreibung garantierte Ausstellungsbeteiligung galt dann nur für eine Handvoll Projektvorschläge nicht, die nicht explizit aufs Thema eingingen (und gewissermaßen nur abzocken wollten).

Die Zuständigkeit der Kuratorin Susanne Greinke konzentriert sich, wie auf der Einladung vermerkt, auf das Arrangement der Ausstellung, und der Ausstellungstitel seinerseits wird als Copy & Paste vermeldet, im Verweis auf eine ursprüngliche Wortschöpfung von Tobias Stengel.

Der Themenrahmen in Bezug auf den Abzocke-Begriff - angesiedelt zwischen Schmugglertum, mit dem die Theoretikerin Irit Rogoff den Kunstbetrieb verglich, und der bürgerlichen Moral und Doppelzüngigkeit im nietzscheanischen Sinne trifft den aktuellen Alltag in vielerlei Perspektiven. Anecken ist etwas, was zum Bild des Künstlers dazugehört und was er nicht zwanghaft zu umgehen versucht oder was er sogar provoziert. Wo das Themenfeld zu weit und wenig präzise gefasst ist, gerät die Ausstellung in den gezeigten Arbeiten zu weitschweifig und zu unbestimmt, ein wirklicher Faden fehlt. Die mangelnde Konsequenz macht letztlich die Sache lau. Das nicht zu verleugnende "Arrangement" und die akkurat gehängte Schau verkörpern das Gegenteil von rücksichtsloser Übervorteilung und Subversivität. Abzocke und Anecken sind salonfähig und letztlich zahnlos gemacht.

Grundsätzlich erscheint die Abgabe kuratorischer Verantwortung nicht sinnfällig. Keinesfalls produktiv wirkt es, sich betont aus dem Auftrag der Steuerung künstlerischer Auslese heraus zu nehmen, wo strukturell gesehen im Bereich des Kuratorischen auf der ganzen Linie eher ein fühlbares Vakuum besteht und wo, wenn man das Fach ernst nimmt, es gerade darum gehen muss, zur immer dringender vakanten Klärung beizutragen, nach welchen Kriterien sich fachlich gesehen die durchsetzungsstärkste Künstlerposition bemisst, um den Bestand künstlerischer Qualität längerfristig eben gerade nicht nur dem Lauf gesellschaftlicher Funktionsmechanismen zu überlassen.

Um nun nicht als Publikum auch auszusteigen, wäre zu rekapitulieren, was mir von den sehr disparaten 63 Künstler-Projekten der Ausstellung in Erinnerung bleibt. Das sind nicht vor allem die am Eröffnungsabend in ihrer Live-Präsenz nicht zu übersehenden beziehungsweise überhörenden Performances (wie die Referenz auf spätrömische Dekadenz und selbstzerstörerischer Maßlosigkeit von Wolf Roberto Schimpf oder der Punkbands, von Marten Schech "kuratiert"), sondern die eher leisen Arbeiten in mediengenauer und intensiver Betriebsbefragung. Sehr präsent bleibt zum einen eine Wand, als Skulptur-Objekt in ihrem hilflosen Standort wahrhaft quer und abgezockt daher kommend von Elisa Manig - mit räumlichen Arbeiten geht das Arrangement weitaus rüder und unsentimentaler um als mit Bildern - und exemplarisch eine der Ausstellungswände im Pentagon West. Links beginnend mit einer dreiteiligen Bild-Serie von Felix Lippmann, die die Absurdität einer funktionalistischen Wertermittlung in sich selbst verhandelt, und rechts endend in gerahmten Ausdrucken eines e-mail Schriftverkehrs von Jonas Lewek, der unvoreingenommen persönlich auf die personalisierten Werbe-Ansprachen großer Marktakteure wie Boesner oder auch Easyjet reagiert und diesen auch mehr oder weniger persönliche Rückantworten entlockt.

Vielleicht nicht zufällig zeigt die an der Ausstellung beteiligte Fälscher(innen)werkstatt gerade eine Gemäldekopie von Meissonnier aus dem 19. Jahrhundert, über den der Kunstkritiker Eduard Beaucamp schrieb, dass er - obwohl reaktionär - den politischen Alltag und Krieg sowie soziales Elend darstellte, was für die art pour l'art der Impressionisten kein Thema war.

Ob nun gesellschaftliches Denken oder Selbstbezüglichkeit oder beides in einem - es braucht Zugänglichkeiten, um kritische Stimmen über den Kunstraum hinaus auch fruchtbar zu machen. Zur Vernissage sah man mehrheitlich hochschuleigenes Klientel, es ging kaum über den inneren Zirkel hinaus. Wem nützt, wenn im geschützten Raum der Kunst alles erlaubt und folgenlos ist? Mit dem Ruhigstellen und Abfinden mit dem Bestehenden einer affirmativen Kultur, laut Marcuse gründend auf dem Widerspruch zwischen der glücklosen Vergänglichkeit eines schlechten Daseins und der Notwendigkeit des Glücks, das solches Dasein erträglich macht, sollte man sich nicht zufrieden geben.

bis 18. Juni  Oktogon der HfBK, jeweils Mi u. Do 14.30 bis 18 Einblick in die Fälscherwerkstatt der HfBK

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2015

Lydia Hempel

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