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Abstrakte Fotografie von Stefan Heyne in der Stadtgalerie

Abstrakte Fotografie von Stefan Heyne in der Stadtgalerie

Wenn man derzeit den Sonderausstellungsbereich in der Städtischen Galerie betritt, richten sich Blick und Schritt unwillkürlich hin zu einem Areal, das von mehr oder weniger schwarzen beziehungsweise anthrazitfarbenen Wänden bestimmt wird.

Allerdings sind sie nicht durchgehend von dieser Farbigkeit. An zentraler Stelle scheint aus nicht definierbarer Ferne in ganzer Breite weißes Licht einzubrechen. Dieser "Einbruch" wirkt bedingt linienhaft, verschwimmt an den Rändern in Grau und wird schließlich mit dem Dunkel eins. Je mehr man sich diesem Ausstellungsbereich nähert, ja in ihn eintritt, desto mehr fühlt man sich wie in einem unendlich anmutenden Raum. Diese Empfindung wird vor allem hervorgerufen durch das beschriebene Licht. Es scheint quasi aus der Unendlichkeit zu kommen beziehungsweise in ihr aufzugehen. Freilich: Die unmittelbare Realität ist eine andere. Ist hier doch die Rede von der zentralen, begehbaren Installation "The Enlightenment" (Erhellung, Erleuchtung, Aufklärung) der Ausstellung "Naked Light. Die Belichtung des Unendlichen". Mit ihr stellt sich der Berliner Fotokünstler Stefan Heyne (Jg. 1965) erstmals in Sachsen vor.

Die anfängliche Beschreibung macht bereits deutlich: Wer hier übliche fotografische Positionen erwartet, wird diese nicht finden. Der auch als Bühnenbildner wirkende Künstler hat sich von jeder Art abbildhafter Fotografie, wenn auch mit Zwischenschritten, wie die Ausstellung andeutungsweise sichtbar macht, in den zehn Jahren seines fotografischen Schaffens verabschiedet. Der Besucher begegnet vielmehr Arbeiten, die an Farbflächenmalerei, in seltenen Fällen ein wenig an konstruktive Bilder erinnern. Die Installation "The Enlightenment", die sich über vier verschieden große Einbau-Wandelemente mit einer Bildfläche von insgesamt 112 Quadratmetern entfaltet, ist zweifellos ein Höhepunkt der Entwicklung dieses ungewöhnlichen, mit philosophischen Implikationen - etwa Fragen nach Raum, Zeit, Endlichkeit, Unendlichkeit, Erkennbarkeit der Welt - verbundenen Schaffens. Dass man angesichts von "Enlightenment" auch an das andere Arbeitsgebiet Heynes, die Bühnenbildnerei, denkt, ist dem Besucher nicht übel zu nehmen. Beeindruckt ist man allemal.

Aus dem Inneren der Installation blickt man auf vor dunkelfarbig getönten Wänden hängende Werke in größerem, aber üblichem Bildformat aus den Jahren 2004 bis 2014. Einige, wie etwa "Zimmer 911" (2007) oder zwei nur mit Nummern versehene Arbeiten von 2009 lassen noch eine Zimmerecke ahnen, andere von 2007 eine Flugzeugklappe. Die meisten aber entziehen sich jeder sichtbaren Verbindung zu etwas Gegenständlichem. Gleichwohl - alle fotografischen Bilder Stefan Heynes, darunter auch die zu zwei unterschiedlich grauen Flächen gewordene Meereslandschaft von 2004, sind aus der Realität gewonnen. In diesen Bildern führen Licht - natürlich -, Farbe und Unschärfe das Regiment, wobei letztere durch lange Belichtungszeiten erzeugt wird. Der Untertitel der Schau - "Die Belichtung des Unendlichen" - ist ja nicht zufällig gewählt.

Er lässt sich auch direkt auf die 15 ganz neu entstandenen der 30 Werke umfassenden Schau beziehen. Bei der "SEAT" genannten Serie hat Heyne aus dem Flugzeug heraus gewissermaßen die reale Unschärfe des Unendlichen eingefangen, indem er die Kamera auf die vor dem Fenster sich ausbreitende Stratosphäre richtete. Hier entfielen - gegen seine Gewohnheit - die langen Belichtungszeiten. Die Unschärfe des der Erde nächsten Weltraums mit seinen ungewöhnlichen Farbspielen bestimmt die einzelnen Aufnahmen. In ihnen tritt der beschriebene, an Farbfeldmalerei (auch an die "Kissen" Gotthard Graubners) erinnernde Charakter besonders hervor. Die Differenz macht zweifellos die jeweilige Oberflächenerscheinung der Bilder. Das Haptische der Malerei fällt in der Fotografie weg. Die Perfektion dieser wiederum kann die Malerei nicht erreichen.

Was Arbeiten wie jene Heynes betrifft, so ist deren Abstraktionsgrad, deren Grad der Auflösung des Gegenstandes, relativ neu. Die Entscheidung für dieses Vorgehen ist möglicherweise eine Reaktion darauf, dass die Wahrheit verheißende, abbildhafte Fotografie angesichts digitaler Technik immer mehr Manipulationsmöglichkeiten (neu sind sie nicht - man denke nur an das Herausretuschieren unliebsamer Politiker vor 1989 aus historischen Aufnahmen) auf qualitativ neuer Ebene ausgesetzt ist. Täuschung scheint jeder Aufnahme heute potenziell immanent. Man denke nur an die makellosen, mit bereinigten Proportionen versehenen Modelaufnahmen in Lifestyle-Zeitschriften oder in der Werbung suggerierte Wohn- und Urlaubswelten, die so nicht existieren. Die Fotoarbeiten von Stefan Heyne ordnen sich somit ein in Äußerungen eines "Neuen Realismus", der bereits in den USA (wo sonst!) seine Vertreter hat.

Mit der Ausstellung der Arbeiten in Dresden, eingeschlossen die einen besonderen Schritt verkörpernde, speziell für die Raumsituation der Städtischen Galerie entwickelte Installation "The Enlightenment" sieht Direktor Gisbert Porstmann sein Haus in diesem Kontext nicht zuletzt auf dem Weg der "musealen Pionierarbeit" in Sachen abstrakter Fotografie. Deshalb gibt es wohl auch den ansehenswerten und informativen Katalog zum Werk des Künstlers, der nicht zuletzt verschiedene philosophisch und kunstwissenschaftlich orientierte Beiträge enthält. Und es gab Unterstützer des durchaus beeindruckenden Projekts: die Kulturstiftung des Freistaates.

bis 14. September, Di-Do, Sa/So jeweils 10-18, Fr 10-19 Uhr, Katalog 39,80 Euro (während der Ausstellung im Museumsshop 35 Euro), zugeordnete Ausstellung: "Blickwechsel" auf Basis eingereichter Fotografien: bis 14. September

www.galerie-dresden.de

www.stefan-heyne-in-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.08.2014

Lisa Werner-Art

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