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Absage des „Aghet“-Projekts der Dresdner Sinfoniker in Istanbul

Keine Reaktion des Außenministers Absage des „Aghet“-Projekts der Dresdner Sinfoniker in Istanbul

Die Dresdner Sinfoniker haben in diesem Jahr mit ihrem „Aghet“-Projekt national und international viel Aufsehen erregt. Im November wurde eine in Istanbul geplante Aufführung des Werks, das den Völkermord an den Armeniern 1915 thematisiert und gleichzeitig der Versöhnung verpflichtet ist, abgesagt. Der Intendant sieht das als Fehler.

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Proben der Dresdner Sinfoniker mit armenischen und türkischen Musikern zum Konzertprojekt „Aghet“ im National Centre of Chamber Music in Jerewan.

Quelle: Frank Schultze

Dresden. Die Dresdner Sinfoniker haben in diesem Jahr mit ihrem „Aghet“-Projekt national und international viel Aufsehen erregt. Im November wurde eine in Istanbul geplante Aufführung des Werks, das den Völkermord an den Armeniern 1915 thematisiert und gleichzeitig der Versöhnung verpflichtet ist, abgesagt. Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, erzählt im Interview, warum er das Verhalten des Auswärtigen Amtes als Fehler betrachtet – und wie das Ringen um Dialog dennoch weitergeht.

Die Dresdner Sinfoniker haben „Aghet“ in Belgrad und Jerewan präsentiert. Wie sehr waren denn diese Konzerte von der Absage in Istanbul überschattet?

Markus Rindt: Die Absage unseres Konzertes in Istanbul war auf unserer Reise vor allem für die Medien das große Thema. Wie zuvor die deutsche, betrachtete auch die internationale Presse die Reaktion des Auswärtigen Amtes als Einknicken vor der Türkei im vorauseilenden Gehorsam. Bereits im Vorfeld berichteten die Medien ausführlich über „Aghet“, was in beiden Ländern ein großes Publikumsinteresse nach sich zog. Auch im Orchester wurde natürlich über die aktuelle Lage in der Türkei und die Absage des Konzertes diskutiert. Die türkische Zivilgesellschaft und demokratischen Kräfte, die gerade jetzt internationale Solidarität – auch durch uns Künstler – brauchen, werden durch die mutlose Haltung der deutschen Politiker weiter geschwächt und die türkische Gesellschaft noch stärker isoliert. Das Auswärtige Amt macht den gleichen Fehler wie vor hundert Jahren, als Deutschland aus Bündnistreue zum Osmanischen Reich den Armeniern nicht zu Hilfe kam und deren Vernichtung in Kauf nahm. Heute sind bereits mehr als 140 000 Menschen in der Türkei inhaftiert, viele kurdische Dörfer in Ostanatolien zerstört, und die Opposition wurde mundtot gemacht. Die Reaktion der Bundesregierung dazu ist bisher viel zu verhalten. Der türkische Partner darf auf keinen Fall verärgert werden. Dem Auswärtigen Amt passt „Aghet“ in Istanbul derzeit einfach nicht ins Konzept. Dies kritisierten auch unsere internationalen Partner und Künstler. Von den politischen Aspekten abgesehen, standen aber in erster Linie die Vorbereitungen auf die Wiederaufführungen der großartigen Kompositionen von Zeynep Gedizlioglu (Türkei), Vache Sharafyan (Armenien) und Helmut Oehring im Vordergrund. Nach längerer Pause – die letzte „Aghet“-Aufführung fand im April 2016 im Festspielhaus Hellerau statt – mussten die drei Werke quasi neu einstudiert werden, was wegen der Kooperation mit den Orchestern vor Ort, die das Programm ja noch nicht kannten, durchaus eine Herausforderung war.

Nachdem das deutsche Generalkonsulat für das Projekt nicht mehr zur Verfügung stand, haben Sie einen Brief an Außenminister Frank-Walter Steinmeier geschrieben. Wie war die Reaktion darauf?

Bisher gab es leider keine Reaktion. Marc Sinan und ich haben Herrn Steinmeier angeboten, die Schirmherrschaft über die von uns geplante deutsch-türkisch-armenische Freundschaftsgesellschaft zu übernehmen, die ursprünglich in Istanbul gegründet werden sollte. Frank-Walter Steinmeier unterstützt ja die Dresdner Sinfoniker bereits seit Jahren – zum Beispiel beim Projekt „Cinema Jenin/Symphony for Palestine“, das wir auch im Westjordanland auf Tournee spielten. Für das Programmheft unseres Projektes aghet schrieb er ein wunderbares Vorwort, in dem er unter anderem betonte: „Ich bin überzeugt: Nur wer die Träume und Traumata des anderen kennt und anerkennt, kann sich gemeinsam auf den Weg machen zu den helleren Seiten unseres Kontinents. Aghet – agit ist einer der Leuchttürme auf diesem Pfad.“ Es wäre verwunderlich, wenn er unsere Initiative nicht mehr begleitete.

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gab es in Belgrad und Jerewan? An beiden Orten ist die Symbolkraft des Aussöhnens vonnöten, Jerewan aber war (und ist?) vom Genozid 1915 unmittelbar betroffen. Wirken diese historischen Vorgänge noch nach?

In Belgrad kooperierten die Dresdner Sinfoniker unter der Leitung von Premil Petrovic mit dem No Borders Orchestra, dessen Mitglieder aus allen ehemaligen jugoslawischen Staaten stammen und das ebenfalls ein Versöhnungsprojekt ist. Auch 20 Jahre nach den ethnischen Säuberungen und Kriegsverbrechen in den Jugoslawienkriegen ist die dialogfördernde Arbeit des No Borders Orchestra sehr schwierig und immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Gerade in Serbien das Thema Völkermord zu thematisieren, kommt einem Tabubruch gleich. Umso erstaunlicher ist es, wie viele Menschen unser Konzert besucht haben. Das Konzert in Jerewan mit dem Armenian Chamber Orchestra unter der Leitung von Andrea Molino, stellte für uns alle den Höhepunkt des Projektes dar. „Aghet“ in dem Land zu spielen, wo beinahe jede Familie einen persönlichen Bezug zur Katastrophe von 1915 hat, war sehr bewegend. Am Morgen des Konzerttages haben wir das Genozid-Museum besucht – eine unglaublich eindrückliche Erfahrung, die ich jedem Armenien-Besucher ans Herz legen möchte.

Wie haben Publikum und Presse auf die beiden Konzerte reagiert?

Die Reaktionen waren in beiden Städten überwältigend. Wir hatten ausverkaufte Säle, Standing Ovations, ein riesiges Medieninteresse bis hin zu Fernsehwerbung für unser Konzert und Einladungen zu Talkshows im armenischen Fernsehen. Besonders in Armenien wurde „Aghet“ als großes und wichtiges Projekt wahrgenommen.

Da sämtliche Texte in Helmut Oehrings „Massaker, hört ihr MASSAKER! (an: Recep Tayyip Erdogan)“ von Marc Sinan und den Solistinnen des Dresdner Kammerchors & AuditivVokal auf Deutsch rezitiert wurden, gab es in beiden Konzerten Obertitel in der Landessprache, die einen sehr unmittelbaren Zugang zum Libretto schufen. Ich würde behaupten, dass die Konzertbesucher dadurch das Werk von Helmut Oehring noch intensiver erleben konnten. Die begeisterte Reaktion der Zuhörer ist in beiden Städten insofern bemerkenswert, da das gesamte Programm aus zeitgenössischer Musik bestand, die durchaus keine leichte Kost darstellte.

Was werden Sie unternehmen, damit es doch noch zu einem Konzert in der Türkei kommen kann?

Ich sehe zur Zeit leider keine Möglichkeit, „Aghet“ in der näheren Zukunft in der Türkei aufzuführen. Falls sich die politische Lage jedoch entspannen sollte, würden wir ein Konzert in Istanbul aber in Erwägung ziehen. In der Absage unseres Konzertes im Deutschen Generalkonsulat hatte der Leiter für Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amtes, Andreas Görgen, geschrieben: „Nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass wir unsere Zusammenarbeit im Interesse der Annäherung zwischen der Türkei und Armenien fortsetzen sollten. Ich schlage vor, dass wir dazu im Gespräch bleiben und eine Durchführung Ihres Projekts unter günstigeren Rahmenbedingungen … neu planen.“

Wie soll glaubhaft vermittelt werden, dass es dabei nicht um eine Anklage, sondern um Versöhnung geht?

Dass es um Dialog und Versöhnung geht, sieht man einerseits in der Zusammensetzung des Orchesters, bei dem Musikerinnen und Musiker aus der Türkei, Armenien, dem ehemaligen Jugoslawien und Deutschland mitgewirkt haben.

Andererseits am Programm mit zeitgenössischen Werken aus der Türkei, Armenien und Deutschland. Sicherlich klagt das Werk von Helmut Oehring auch an – es wird ja explizit und mehrfach der Begriff Völkermord verwendet – doch stellen Sie Sich vor, man würde in einem gemeinsamen Konzert mit israelischen und deutschen Musikern, bei dem es um die Aufarbeitung des Holocaust ginge, vermeiden, die deutsche Schuld zu thematisieren. Es wäre für uns unvorstellbar.

Damit unser Projekt keine künstlerische Eintags- bzw. Einjahresfliege bleibt, werden wir Anfang des nächsten Jahres in Berlin die deutsch-türkisch-armenische Freundschaftsgesellschaft gründen. Gemeinsam mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik wollen wir in zwei- bis dreijährigem Turnus künstlerische Projekte für Versöhnung und Dialog initiieren. Unter den Gründungsmitgliedern sind bereits über 30 Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik – wie z.B. Grünenchef Cem Özdemir. Die Leitung der Gesellschaft wird der Intendant von Hellerau, Dieter Jaenicke, übernehmen. Sehr wünschenswert wäre es natürlich, dass eine Veranstaltung der Freundschaftsgesellschaft in baldiger Zukunft auch in der Türkei stattfindet.

Von Michael Ernst

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