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Abgründige Absurdität des Terrors: Sergej Lochthofen stellte sein Buch "Schwarzes Eis" in Dresden vor

Abgründige Absurdität des Terrors: Sergej Lochthofen stellte sein Buch "Schwarzes Eis" in Dresden vor

Sein Buch "Schwarzes Eis", das der Journalist Sergej Lochthofen, bis 2009 Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", jetzt im Kulturhaus Loschwitz vorgestellt hat, lässt uns tief in den Abgrund des Stalinschen Terrors blicken.

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In die bodenlose Absurdität des Gulag-Systems. Wo jemand plötzlich, ohne Grund, verhaftet und ins Lager gesteckt werden konnte. Seinem Vater Lorenz Lochthofen (1907-1989) ist das widerfahren. Der gelernte Schlosser aus dem Ruhrgebiet musste 1930 vor den bereits mächtigen Nazis fliehen, in die Sowjetunion. Studierte dort, arbeitete als Journalist bei einer Zeitung der Russlanddeutschen - bis sie ihn holten, einsperrten, folterten und ihn nach Workuta deportierten.

Plötzlich gelten die Sicherheiten des politischen Weltbildes nicht mehr: hie Freund, da Feind. Die einen da verhaften, sind das die eigenen Leute? Oder sind die Eigenen der Feind? Die Ideologie verliert alle Logik, das zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Und er erlebt, wie jene Schergen, die gestern noch folterten, von einem Tag auf den anderen selber zu Häftlingen oder gleich erschossen werden. Nie wird ihm ein Grund genannt. Jahre später im Lager muss er begreifen, dass nicht einmal der Geheimdienst NKWD selber den Grund weiß. Diese Mischung aus Schlampigkeit und Menschenverachtung wird als ein Charakteristikum des stalinistischen Terrors sichtbar.

Und wie reagieren die Erniedrigten, Gequälten, die unschuldig Gefangenen? Nein, sie rücken nicht zusammen, helfen einander nicht. Offenbar gibt es ein Übermaß an Hunger und Kälte, das jede Solidarität erstickt. Das gehört zu den beunruhigendsten Erfahrungen, die man aus diesem Buch mitnimmt: "Das Lagerleben war eine ununterbrochene Kette von Grausamkeiten und Gemeinheiten. Noch mehr, als es je ein Gefängnis konnte, reduzierte das Lager die Menschen auf ihre niedrigsten Instinkte. Die Wahrscheinlichkeit, die Tortur zu überleben, war derart gering, dass sie alles, was mit Anstand, Selbstachtung oder Mitleid verbunden war, schon auf dem Weg zu ihrem Zielort im Kot der verlausten Viehwaggons zurückgelassen hatten." Wo angesichts unmenschlicher Schufterei bei Minus 40 Grad kaum etwas so sicher ist wie der Tod, wird das Überleben zum Wunder.

Ebendies ist die andere Seite dieses sehr finsteren Buches: Es zeigt uns, wie einer es übersteht. Nicht zum Tier wird, Selbstachtung bewahrt. Andere helfen ihm. Freilich nur, weil er ihnen beweist, er kann was als Schlosser. Er ist kräftig, zähe, weiß sich auch mit Gewalt zu wehren. Und hat nicht zuletzt einfach Glück.

All das erzählt uns dieser Autor nüchtern, schnörkellos und dennoch sehr lebendig. Es ist ein Bericht aus zweiter Hand. Er lebt, wie Sergej Lochthofen schreibt, vom Talent seines Vaters, packend erzählen zu können. Doch er versteht eben auch, uns das fesselnd zu übermitteln. Sicher, es ist keine literarisch durchgestaltete, sprachlich anspruchsvolle Prosa. "Es ist ein Sachbuch", sagte Sergej Lochthofen bei seiner Lesung. "Auch ein Lehrbuch. Aber sehr bildhaft erzählt." Wir haben es mit einer Zwischenform zu tun. Als Roman genommen, hätte es Schwächen in der Figurengestaltung. Aber solcherart Kritik ist bei Nicht-Fiktionalem fehl am Platze. Zudem gibt es großartig-beklemmende Szenen. Nehmen wir es als Journalismus mit literarischer Ambition - dann ist es erstklassig.

Berichtet wird auch von einer großen Hoffnung. Denn wenn man erfährt, dass einer, den die sowjetischen Genossen sterben lassen wollten, den sie nach Kriegsende und Stalins Tod, als er längst weit mehr als seine fünf Jahre abgesessen hat, rehabilitiert ist, nicht aus Workuta rauslassen, dass der dann 1958 in die DDR geht, um den Sozialismus aufzubauen, dann fragt man sich: Warum? Das Frappierende: Es wird einem beim Lesen völlig klar. Die schlüssigste Antwort ist das, was Lorenz Lochthofen als Technischer Direktor in Gotha und Werksleiter in Sömmerda tut: Mit unkonventionellen Methoden - nebenbei auch mit seiner in Russland geschulten Trinkfestigkeit - bewegt er was. Wir begegnen in ihm einem sozialistischen Manager. Vielleicht glimmt hier für kurze Zeit eine Alternative auf. Letztlich aber erweist sich auch die als Illusion.

Bei aller Ernüchterung und Finsternis formuliert Sergej Lochthofen am Ende ein starkes Dennoch: "Neun Jahre Haft und über zehn Jahre Verbannung haben meinen Vater nicht gebrochen. Er blieb Zeit seines Lebens trotz aller Grausamkeiten, die er erlebt hatte, tief davon überzeugt, dass es außer dem eigenen Vorteil noch etwas anderes gibt: Anstand. Für ihn war das nie eine politische Kategorie, sondern immer eine zutiefst menschliche."

Sergej Lochthofen: Schwarzes Eis. Rowohlt. 448 S., 19,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2012

Tomas Gärtner

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