Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
90 Werke des russischen Realismus in den Kunstsammlungen Chemnitz

90 Werke des russischen Realismus in den Kunstsammlungen Chemnitz

Russische Malerei, auch die des späten 19. Jahrhunderts, also aus jener Zeit, als sich in Westeuropa die Freilichtmalerei, später Symbolismus und Jugendstil entwickelten, ist hier nicht wirklich gut bekannt.

Gleichwohl: Einzelne Namen wie der Ilja Repins oder Isaak Lewitans sind durchaus - gerade in Ostdeutschland - geläufig. Und die Ikonografie dieser Malerei ist es erst recht, zumal viele einstige DDR-Bürger als Touristen die einschlägigen Museen im damaligen Leningrad und in Moskau sahen. Derzeit scheint das Interesse an Repin und Zeitgenossen in Westeuropa generell zu wachsen - wohl auch dank des Kunsthandels.

Seit Kurzem nun will und kann eine Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, die zuvor im Stockholmer Nationalmuseum gezeigt wurde, zum Schließen mancher (Wissens)Lücke über die "Maler des russischen Realismus" beitragen. Dieses "ganz besondere Ereignis", wie sich Generaldirektorin Ingrid Mössinger freute, zeigt fast 90 Gemälde der "Peredwischniki", die zu DDR-Zeiten schon mal als "Wandermaler" bezeichnet wurden, die aber alles andere als das, ja oft recht wohlhabend waren. Vielmehr war diese Gruppierung - ähnlich Entwicklungen in Deutschland und Frankreich - eine Sezession realistischer Maler vom festgefahrenen Akademismus.

Ein wenig mutet es wie der Pariser "Salon der Unabhängigen" an, als 1863 vierzehn Petersburger Kunststudenten einen "Aufstand" wagten, indem sie sich sowie eine Gruppe Moskauer Maler zu einem Artel, einer Genossenschaft, zusammenschlossen und ihre eigenen (Verkaufs)Ausstellungen machten. Kurz davor, 1861, war die Leibeigenschaft in Russland gefallen und fanden weitere Reformen statt, die die Gesellschaft in Bewegung brachten, woran nicht zuletzt die junge Intelligenzija ihren Anteil hatte. 1870 wurde aus dem Artel - zu den Gründungsmitgliedern gehörten Iwan Kramskoi, Grigori Mjassojedow, Nikolai Ge und Wassili Perow - die "Gesellschaft zur Veranstaltung von Wanderausstellungen", kurz die "Peredwischniki", die bis zur endgültigen Auflösung (1923) 48 Präsentationen ihrer Mitglieder in zahlreichen Städten Russlands organisierte. Über die Jahre vereinte sie insgesamt 109 Künstler, die im Wesentlichen zwei Generationen angehörten - jener der um 1830 und jener der um 1860 Geborenen. In der Mehrheit hatten sie an der Petersburger Akademie oder der Moskauer Schule für Malerei, Bildhauerei und Baukunst studiert, waren zudem zum großen Teil länger in Westeuropa, besonders in Frankreich, tätig.

In Chemnitz nun sind Werke von 41 Künstlern zu sehen, die aus dem Russischen Museum in St. Petersburg und der Tretjakow-Galerie in Moskau stammen (Tretjakow gehörte zu den wichtigen Unterstützern dieser Künstler). Mehrfach präsent ist als einer der bedeutendsten unter den russischen Realisten Ilja Repin. Natürlich hängen seine "Wolgatreidler" (1870/73), die viele noch aus einem der DDR-Lesebücher kennen dürften. Gleiches gilt für sein in der Ausstellung gezeigtes Werk "Die Saporoscher Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief" (1880/91). Und Repins "Lew Tolstoi, barfüssig" (1901) kommt einem ebenso bekannt vor wie Konstantin Sawizkis großes Gemälde "In den Krieg" (1888), das eine massenhafte Verabschiedungsszene am Bahnhof zeigt. Nicht weniger gegenwärtig sind Isaak Lewitans weiß aus dem Frühjahrshochwasser ragende Birken.

Überhaupt ist erstaunlich, wie vertraut viele Bilder erscheinen, obgleich die Ausstellung mehrheitlich eine Begegnung mit Künstlern bringt, die man nicht "auf der Rechnung" hat. Vielleicht liegt dies daran, dass diese Malerei wohl über weite Strecken die sowjetische Filmkunst beeinflusste. Dörfliche Darstellungen, die diese Künstler Jahrzehnte früher malten, inspirierten wohl auch die Verfilmung des "Stillen Don". Gleiches gilt für den späteren Streifen zu Dostojewskis "Brüder Karamasow". Die Kirchen-Prozessionen scheinen Bildern von Michail Nesterow, Illarion Prjanischnikow oder Wassili Surikow entnommen. Noch manches andere wirkt seltsam vertraut - nicht zuletzt die Porträts der Schöpfer weltberühmter russischer Literatur und Musik: Tolstoi (von Ge und Repin), Nekrassow (Kramskoi), Tschaikowski (Kusnezow), Rimski-Korsakow (Serow). Zugleich kann man sich in der Endlosigkeit russischer Weiten verlieren - etwa in Archip Kuindschis unerwartet modern wirkendem "Norden" oder auf Lewitans "Wladimirka", ebenso aber in verwildert-verwunschenen "Adelsnestern" von Wassili Polenow ("Großmutters Garten"). Iwan Schischkin wiederum wurde zum "Maler des russischen Waldes".

Die Ausstellung (die Mehrzahl der Werke entstand in den Jahren 1870 bis 1910) bietet dem Betrachter in der Summe ein Bild der russischen Gesellschaft: Armen - landlosen Bauern und anderen Gestrauchelten - begegnet man ebenso wie der geistigen Elite des Landes und Vertretern des Adels, etwa dem jungen Fürsten Jusupow (Serow), der später zum (Mit-)Mörder Rasputins wurde. Die Rolle der Religion, aber auch Kritik an der orthodoxen Kirche spiegelt sich, zudem das Aufkommen der revolutionären Zirkel der Volkstümler und der anarchistischen "Narodnaja Wolja", die für den Mord an Alexander II. verantwortlich war. Bilder wie Wladimir Makowskis "Die Abendgesellschaft", aber auch Repins "Verweigerung der Beichte (Vor der Hinrichtung)" beziehen sich darauf, während Nikolai Jaroschenkos "Heizer" oder Makowskis "Nachtasyl", auf dem an zentraler Stelle der verarmte Kollege Alexej Sawrassow - in der Ausstellung mit schönen Landschaften vertreten - zu sehen ist, die "ganz unten" thematisiert. Nicht unerwähnt bleiben sollen die beiden Frauen unter den "Peredwischniki": die gebürtige Engländerin Emily Shanks sowie Antonina Rschewskaja.

Malerisch bieten die 41 präsentierten Handschriften ein durchaus differenziertes Bild. Der Bogen spannt sich von Abram Archipows "Wäscherinnen", die im Duktus an einen mit Menzel vergleichbaren Realismus erinnern, über Wassili Polenows und Fjodor Wassiljews Bilder, die auf Einflüsse der Freilichtmalerei weisen, bis zu vereinzelten symbolistischen Ansätzen bei Wiktor Wasnezow ("Recke am Scheideweg"), hier in einer eher märchenhaft anmutenden, slawophilen Variante. Einen umfassenden Überblick über das Gezeigte vermittelt der sehenswerte, mit aufschlussreichen Texten versehene Katalog, der für die Chemnitzer Schau übersetzt und mit einer Beilage zu den Biografien der Künstler versehen wurde. Auf alle, die noch etwas mehr erfahren möchten, wartet zudem ein umfangreiches, anspruchsvolles Begleitprogramm mit Lesungen, Filmen und wissenschaftlichen Veranstaltungen. Lisa Werner-Art

Bis 28. Mai, Di - So, Feiertage 11 bis 18 Uhr, öfftl. Führungen an allen Tagen jeweils 12 und 16 Uhr, Katalog 30 Euro,

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.03.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr