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80er Revival im Dresdner Boulevardtheater

80er Revival im Dresdner Boulevardtheater

Ein Theaterabend, bei dem versprochen wird, dass er "mit den großen Hits der 80er!" vonstatten geht? Mit Musik der 80er!? Irgendwie beschleicht einen da ein mulmiges Gefühl.

Eigentlich haben die 80er musikalisch doch einen ähnlich guten Leumund wie Griechenland in Bankerkreisen. Oder wie Nordkorea bei Menschenrechtlern. Aber Dienst ist Dienst und so schleppt man sich halt zur Uraufführung von "Die Fete endet nie..." am Boulevardtheater - um mal wieder aufs Angenehmste überrascht zu werden.

Die Handlung: Eine Frau namens Sophie (Katharina Eirich) bringt ihre Tochter Lydia (Stefanie Bock) - in einem Citroën 2CV, einer "Ente" also! - zu einer Fete, und ein Mann namens Pierre (Andreas Köhler) in einem Renault seinen Sohn Marc (Volkmar Leif Gilbert). Sophie und Pierre stellen fest, dass sie sich kennen, dass sie vor 26 Jahren mal ineinander verliebt waren. So kurz die Liebe war, so groß war der Herzschmerz. Sophie und Pierre schlagen im "99 Luftballons" auf, einer Kneipe, in der man erstaunlicherweise noch rauchen darf und die retro die 80er beschwört. Hier ist der sogar der Bartresen wie eine Kassette gestaltet, nach einem Medium, das jüngeren Lesern mit MP3-Playern nichts mehr sagt, einst aber ein heiß begehrter Tonträger war, auch wenn die Gefahr von Bandsalat stets in der Luft lag.

Jugendliebe in der Retrospektive

Man wird Zeuge, wie das damals so war zwischen Sophie und Pierre - und zwar mittels eingestreuter Intermezzi, bei denen Bock die junge Sophie und Gilbert den jungen Pierre spielt. Man kriegt mit, wie das so war an der Penne im Englischunterricht für Runaways, also Fortgeschrittene, bei Mr. Brown (Philipp Richter), auf der - Zitat - "oberaffengeilen" Party von Raoul, den ersten schüchternen Annäherungsversuchen (dazu erklingt, vortrefflich passend, F.R Davids Schmachtfetzen "Words Don't Come Easy"). Beide wissen, dass es die 80er nicht mehr gibt, aber "es bleibt der süße Nachgeschmack" und den wollen sie nicht missen, zumal nach den Wunden, die das Leben ihnen so schlug. Die Sentenz Sophies "Damals war das Leben für mich ein Hollywood-Schinken, erst später wurde es zur Comedy-Sitcom" klingt erst mal witzig, ist aber nicht wirklich so gemeint.

An witzigen Sprüchen wie "das Wort Lebensgefährte kommt von Lebensgefahr" und tiefgründig-melancholischen Betrachtungen über das Leben im Allgemeinen und die Jugendjahre im Besonderen ist kein Mangel. Sie sind ein Standbein in dieser auf einem Buch von Michael Kuhn und Kenny Friedemann basierenden Inszenierung von Olaf Becker, das zweite bildet die gehörig ins Ohr gehende Musik. Sie wird von den Dresdner Musikern Stephan "Steppel" Salewski und Andreas Goldmann beigesteuert, ganz wie sich das damals anhörte. Mal singt ein einzelner Schauspieler, mal das ganze Ensemble, zu dem auch noch Kathrin Jaehne gehört, die unter anderem als Sophies schriller wie lebenskluger "Urgroßmuttertraum" Poupette einen hinreißenden Auftritt hinlegt.

Das Stück trifft den Nerv des Publikums

Ein bisschen schwülstig wird es manchmal, aber nicht wirklich peinlich. Als Pierre Sophie wissen lässt, "Aus den Scherben meines Lebens baue ich Dir eine Spiegelkugel und tanze mit Dir", ist so manches seufzende "Oooh" aus weiblichem Mund im Saal zu vernehmen. Meist aber geht die Post ab, gegen Ende hält es kaum noch einen auf dem Sitz, haben Tanzmuffel einen schweren Stand. Viele im Saal sind textsicher, singen grölend mit, was den meisten nicht nur bei Trios "DaDaDa" leicht fällt. Die Vorstellung wird zur ü40-Party.

Ob Nenas "99 Luftballons", "Staying Alive" der Bee Gees oder "Forever Young" von Alphaville: Sie schrieben Musikgeschichte und drücken das Lebensgefühl all jener aus, die in den 80ern jung waren - und zwar durchaus auch all jener, die diese Jahre in der DDR erlebten und mittels der Musik in eine andere Welt abtauchten. Die Songs berühren dann irgendwie halt doch: Weil Musik Gefühl, Erfahrung und ein gehöriges Stück an Lebensfreude ist. Der erste Kuss, das erste Bier, die verdammte erste Zigarette vielleicht, auf alle Fälle die erste Tramptour mit Jack Kerouac im Gepäck an die Ostsee oder auch die erste Nacht mit einer Frau und viele weitere erste, zweite und immer wieder erlebte Dinge verbinden sich mit gerade gehörter Musik, mit Musikkultur, mit Jugendkultur. Und sei es für manche im FDJ-Hemd und einer "Jeans" oder Nietenhose made in GDR. Ist egal in der Erinnerung, weil es halt doch die eigene ist.

Ein Hammer wird dann die Zugabe, ein aus neun Hits von einst bestehendes Medley. Auch hier wieder tolle Einfälle der Regie. Bei Peter Schillings "Major Tom" wird der junge Gilbert von seinen Mitstreitern vööööllig losgelöööst durch die Luft getragen, bei Michael Jacksons "Billie Jean" ein hinreißender Moonwalk aufs Parkett gelegt und bei "It's Raining Men" etwa, einem Abräumer der Weather Girls von 1982, werden rote Regenschirme aufgespannt. Und wer weiß? Eigentlich schreit es ja danach, dass es in nicht allzu großer Zukunft heißt: Die Fete geht weiter...

Nächste Vorstellungen: heute, 19.30 Uhr (Theatertag), Do. bis So. zu unterschiedlichen Zeiten, Karten unter: 26 35 35 26

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2015

Christian Ruf

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