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80 Jahre nach der Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten kehrt Dix-Gemälde nach Dresden zurück

80 Jahre nach der Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten kehrt Dix-Gemälde nach Dresden zurück

Das nennt man wohl einen Glücksfall der Geschichte. Dresden hat dank einer konzertierten Rettungsaktion nach 80 Jahren ein Gemälde wieder, das ihm einst gehörte: Otto Dix' Gemälde "Sonnenaufgang", auf dem die aufgehende Sonne ein fahles Licht auf dreizehn dahinfliegende Krähen und ein tristes Winterfeld wirft (DNN berichteten).

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Präsentation des Gemäldes "Sonnenaufgang" mit Sebastian Giesen (Hermann Reemtsma Stiftung), Monika Bachtler ( Rudolf-August Oetker-Stiftung), Isabel Pfeiffer-Poensgen (Kulturstiftung der Länder) und Gisbert Porstmann (Städtische Museen Dresden) v.l.

Quelle: Dietrich Flechtner

Gestern wurde das 55 mal 66 Zentimeter große Werk von 1913 in der Städtischen Galerie öffentlich vorgestellt. Dresdens Erster Bürgermeister Dirk Hilbert sprach von einem "besonderen Tag für die Stadt".

Ende November sollte das spätimpressionistische Frühwerk Dix' auf einer Auktion der Villa Griesebach in Berlin versteigert werden - meistbietend, versteht sich. Allein sieben Telefonanbieter hatten sich für die 200. Herbstauktion des renommierten Traditionshauses angekündigt. Dann wurde das Bild auf Bitten der Stadt Dresden aus der Auktion zurückgezogen, was "sehr selten geschieht", wie Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, weiß. Auch für sie war es eine "Sternstunde". Der spontane Applaus, der im Saal einsetzte, als die Rücknahme und Beweggründe verkündet wurden, verursachte beim anwesenden Gisbert Porstmann, dem Direktor der Städtischen Museen Dresden, "ein Gänsehautgefühl".

1920 hatte Otto Dix sein Frühwerk aus dem Jahr 1913 der Stadt geschenkt. 17 Jahre hing es im Stadtmuseum - zur Freude von Direktor Ferdinand Schmidt, der zwischen 1919 und 1924 den städtischen Sammlungen dank einer kunsthistorisch fundierten und kunstkritisch geschulten Ankaufspolitik ein schärferes Profil verleihen konnte, dann aber von konservativen Kräften aus dem Amt gedrängt wurde. Von den Nationalsozialisten wurde der "Sonnenaufgang" kurz nach Hitlers Machtübernahme vor 80 Jahren zusammen mit zahlreichen anderen Werken entfernt. Schon im September 1933 war das Gemälde jedoch wieder zu sehen: nun allerdings im Rahmen einer im Lichthof des Dresdner Rathauses installierten Schau mit über 200 anderen, plötzlich "verfemten" und nun konfiszierten Werken. Die diskriminierende Ausstellung machte in der Folge in sieben weiteren deutschen Städten Station. 1937 wurde Dix' "Sonnenaufgang" auch in der großen Schmähausstellung "Entartete Kunst" in den Räumen der Hofgarten-Arkaden der Münchner Residenz zur Schau gestellt. Den Städtischen Sammlungen Dresden gingen in der NS-Zeit fast 500 Werke verloren. "17 sind wieder da, von 20 weiteren weiß man wenigstens, wo sie sind, der Rest ist verschollen", erklärte deren heutiger Direktor Porstmann gestern.

Dix' Gemälde kam ins Schloss Schönhausen, eines der Depots des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Von da aus sandten die Nationalsozialisten 1943 das Bild an den Kunsthändler Bernhard A. Boehmer, dessen Rolle im Dritten Reich umstritten ist, dem aber de facto die Rettung zahlreicher Kunstwerke zu verdanken ist. Boehmer beging 1945 Suizid; Wilma Zelck, Vormund von Boehmers Sohn Peter, nahm das Kunstwerk mit in den Westen Deutschlands. 1967 wurde es über eine Düsseldorfer Galerie an den Stuttgarter Sammler Helmut Beck verkauft, von 2002 an befand es sich in Privatbesitz.

Über den jetzigen Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Im Auktionskatalog war der Wert des Gemäldes mit 300000 bis 400000 Euro angesetzt worden, eine für Auktionen übliche Hochschaukelei war zu erwarten (Kunstexperten hielten einen Erlös oberhalb der Millionengrenze für möglich). Möglich wurde der Ankauf für Dresden nur dank einer von Porstmann und seinen Mitarbeitern binnen 14 Tagen auf die Beine gestellten Allianz aus vier Stiftungen: der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Hermann Reemtsma Stiftung sowie der Rudolf-August Oetker-Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege. Gisbert Porstmann drückte den anwesenden Vertretern dieser Finanzkoalition seinen tiefsten Dank aus, betonte dabei, dass es "nicht um das viele Geld geht, sondern um die Ermutigung, das Unmögliche zu wagen".

Zur Präsentation wurde in der Städtischen Galerie eine kleine Ausstellung zusammengestellt. Die Städtischen Sammlungen Freital erklärten sich bereit, Dix' im Kriegsjahr 1915 gefertigtes und dem Futurismus verpflichtetes "Selbstbildnis als Mars" auszuleihen (bis zum 28. Februar jedenfalls). Und auch ein Aquarell von Christoph Voll ergänzt die Schau. Der "Akt am Ofen" aus dem Jahr 1920 befand sich in der privaten Fishman-Collection in den USA, konnte aber Hilfe des Freundeskreises Städtische Galerie Dresden - Atelierbegegnungen e.V. zurückerworben werden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2013

Christian Ruf

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