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60 Jahre Puppentheater in Dresden

60 Jahre Puppentheater in Dresden

Nach den Weihnachtsfeiertagen 1950 fand sich im Saal des Hygiene- Museums ein ungewöhnliches Publikum zu einer Puppentheatervorstellung ein. Johannes Dieckmann, Präsident der Volkskammer der DDR, und Sachsens Ministerpräsident Max Seydewitz saßen in der ersten Reihe.

Von Lars Rebehn*

Es spielte das Zentrale Staatliche Puppentheater aus Moskau unter der Leitung von Sergej Obrasow mit Stabpuppen. Der sächsischen Landesregierung war klar, dass man so etwas Großartiges auch in Sachsen bräuchte.

Es wurde eine Wanderausstellung zum Thema auf die Beine gestellt (der Vorläufer der Dresdner Puppentheatersammlung, die dieser Tage ebenfalls sechzig wird) und eine beispielhafte Stabpuppen-Inszenierung in Auftrag gegeben. Der Bärenfelser Puppenspieler Paul Hölzig benötigte dafür neun Monate. Alles musste stimmen. Die Zuschauer sahen bei der Premiere von "Der fröhliche Sünder", einer Komödie um den orientalischen Eulenspiegel Hodscha Nasreddin, perfektes Stabpuppenspiel. Über der Stadt Buchara gab es einen Nachthimmel mit leuchtenden Sternen und die Verwandlungen liefen auf der Drehbühne wie am Schnürchen ab.

Eigentlich sollte jetzt die Bühne verstaatlicht werden und eine neue Ära des Puppenspiels in der DDR eingeleitet werden. Der Perfektionist Hölzig hatte aber wesentlich mehr Geld ausgegeben als geplant. Außerdem war die Struktur ungeklärt. Hölzig warf hin und das Ensemble zerbrach. Es musste wieder bei null angefangen werden. Schließlich wurde das "Staatliche Puppentheater Dresden" im Sommer 1952 den Landesbühnen Sachsen angeschlossen. Die erste Aufführung des "Fröhlichen Sünders" mit neuem Ensemble fand am 22. November 1952 in Oschatz statt. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte eines ungewöhnlichen Theaters.

Im Gegensatz zu den in der Zwischenzeit gegründeten städtischen Bühnen in Chemnitz und Zwickau bereiste das "Staatliche Puppentheater Dresden" die ganze DDR. Hauptzielgruppe waren Erwachsene, denen man die Möglichkeiten des modernen Puppenspiels vorstellen wollte. Eine feste Spielstätte hatten die Dresdner nicht. Eine weitere Besonderheit war das Fehlen eines eigenen Gestalters, so dass die Puppen und Bühnenbilder von zahlreichen Gästen gefertigt wurden. Hier ist neben Künstlern des DEFA-Studios für Trickfilme der Bildhauer Helmut Heinze zu nennen, besonders aber die Bühnenbildner Andreas Reinhardt und Achim Freyer, die später auf den Opernbühnen zuhause waren und hier ihre ersten Schritte wagten.

Reinhardt und Freyer waren im Jahre 1959 an dem Projekt beteiligt, das alles verändern sollte. Der Dramaturg Klaus Eidam schuf als Regisseur und Autor eine Satire für Erwachsene: "Münchhausen". Darin gab es Seitenhiebe nicht nur Richtung Westen. Die Folge war eine Aktion der Staatssicherheit, die Absetzung des Stückes "auf Druck der öffentlichen Meinung" und das Ende des Abendspielplans. Das Puppentheater wurde dem Theater der Jungen Generation angeschlossen, und damit endete auch die ausgiebige Reisetätigkeit. In den nächsten Jahren wurden vor allem Vorschulkinder und die ersten Jahrgänge der Grundschule angesprochen, denn für die älteren Kinder gab es ja das Schauspiel. Das Ziel des neuen Leiters, Fritz Däbritz, war die Selbständigkeit, die auch mit der neuen Spielstätte im "Goldenen Lamm" in Trachau 1964 kam. Däbritz war ehrgeizig und betrat Neuland. Er experimentierte mit Puppenspieltechniken, u. a. dem Theatrum mundi, Schwarzem Theater und Schemenspiel. Die fantastischen Figuren von Achim Freyer zu "Tiger Peter" (1965) und Helga Borisch zu "Koki und der weiße Affe" (1967) mussten sich den Vorwurf des Formalismus gefallen lassen. Und selbst der verpönte Kasper fand wieder Platz.

Die Nachfolger von Däbritz - Hans-Joachim Hellwig, Jochen und Annegudrun Heilmann - hatten weniger Möglichkeiten zum Experimentieren, da die bauliche Situation des Goldenen Lammes immer wieder zu längeren Schließungen führte. Ausweichquartiere wurden bezogen, so der "Rudi" ("Kulturhaus Rudi Arndt") oder die Jugendbibliothek in der Neustädter Hauptstraße. Seit 1976 gab es trotz Raumnot einen bescheidenen Erwachsenenspielplan. 1985 konnte das Ensemble mehrere Puppenspiel-Absolventen der Schauspielschule "Ernst Busch" verjüngt werden. Diese kamen mit neuen Ideen und waren eine Bereicherung des Ensembles. Seither ging es wieder aufwärts.

Mit der Wiedereröffnung des Goldenen Lamms im Herbst 1988 erhielt die Bühne auch einen neuen Intendanten: Dietmar Müller stellte eine lebendige Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Mit seinem Abendspielplan bezog er politisch und gesellschaftlich Position. Besonders "Antigone" erregte im Herbst 1989 viel Aufsehen. "Arturo Ui" war 1992 ein Zeichen gegen den aufflammenden Rechtsradikalismus im vereinten Deutschland. Aus dem Staatlichen Puppentheater Dresden wurde 1990 das Puppentheater der Stadt Dresden. Nach Müllers Ausscheiden 1994 zerbröselten Ensemble und Repertoire regelrecht.

Um das sinkende Schiff zu retten, wurde 1996 Horst-Joachim Lonius als künstlerischen Leiter berufen. Der erfahrene Theatermann baute in kürzester Zeit ein neues, gutes Ensemble auf und schuf einen ambitionierten Spielplan. Er machte modernes, oft aufregendes Theater, das sich allerdings des Öfteren sehr weit von den klassischen Formen des Figurentheaters weg hin zum Schauspiel bewegte. Auch geriet das Vorschulpublikum manchmal ins Hintertreffen.

Aus Kostengründen wurde das Puppentheater Dresden 1997 dem Theater Junge Generation angeschlossen und das "Goldene Lamm" zugunsten der Spielstätte im Rundkino und Werkstätten in Cotta aufgegeben. Die daraus resultierenden Reibereien führten zu Lonius' Ausscheiden. Sein Nachfolger Heiki Ikkola kam aus den Reihen der Spieler und setzte die von Lonius begonnene Aufbauarbeit fort. Schließlich entschied sich Ikkola aber für eine Tätigkeit in der freien Szene. Ihm folgte 2005 der Schweizer Markus Joss, der während seines Regiestudiums in Berlin das Puppenspiel für sich entdeckt hatte und seither in seinen Inszenierungen stets die Möglichkeiten des Puppen- und Figurentheaters auslotete und an der Weiterentwicklung der Sprache dieser Theaterform arbeitete. Mit seiner Berufung als Professor nach Berlin im Jahre 2008 endete eine spannende Phase des Theaters. Seit 2011 ist nun erstmals die Oberspielleitung des Schauspiels vom TJG und die künstlerische Leitung des Puppentheaters in einer Person vereinigt: Ania Michaelis hatte zuvor das Theater o. N. (Zinnober) in Berlin geleitet, das sich ebenfalls zwischen diesen Genres bewegt.

Zum Schluss seien dem Puppentheater drei Wünsche mit auf den Weg gegeben: 1. Die Unterbringung im Kraftwerk (am besten gleich neben der Puppentheatersammlung). 2. Die Erneuerung des Abendspielplans, denn Puppentheater ist eben nicht nur Kinder- und Jugendtheater. 3. Neue Inszenierungen, die zur Erweiterung der Sprache des Puppentheaters beitragen. Das Ensemble ist dazu fähig und bereit.

* Lars Rebehn ist Konservator der Puppentheatersammlung Dresden

30. Theaterjahrmarkt im Theater Junge Generation: "Himmel, Hölle, Kasper" - 60 Jahre Puppentheater!" am Sonnabend, 15 bis 18 Uhr auf dem Gelände des TJG (der Eintritt ist frei).

Als Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 60. des Puppentheaters hat am Sonnabend, 19.30 Uhr im TJG-Puppentheater im Rundkino "Die Geschichte von Doktor Faust" Premiere.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.10.2012

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