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39. Dresdner Musikfestspiele eröffnen mit einer Uraufführung zum Thema „Zeit“

Michael Nyman zu Gast 39. Dresdner Musikfestspiele eröffnen mit einer Uraufführung zum Thema „Zeit“

In diesem Jahr beschäftigen sich die Dresdner Musikfestspiele mit Zeit: Das Thema taucht vielfältig im Veranstaltungsprogramm auf und soll in unterschiedlicher Form reflektiert werden. Den Auftakt dazu setzt der Pionier der sogenannten Minimal Music: Gemeinsam mit seiner Band wird Michael Nyman das Eröffnungskonzert bestreiten.

Der Komponist Michael Nyman

Quelle: Francesco Guidicini

Dresden. An der Musik von Michael Nyman scheiden sich bekanntlich die Geister. Da gibt es bekennende Anhänger des Minimalismus auf der einen Seite, die sich am engen Gefüge dieser Klangwälle berauschen, und andererseits eine harsche Front, die just diese feste Strukturierung von Musik in kleinste und wiederkehrende Teilchen belächelt, verachtet und ablehnt. Wie auch immer man dazu stehen mag, die Grundlage dieser Musik ist eine alles verbindende Konstante – das Fortschreiten der Zeit. Deren rhythmische Taktung ist voll von unaufhaltsamen Klängen, voll von unhaltbarem Verklingen. Und damit steht auch der 1944 geborene Brite fest in einer musikalischen Tradition, die sich immer wieder mit diesem Gebundensein von Tönen an feste Metren befasst hat.

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“, singt beispielsweise die Marschallin in Richard Strauss’ Oper „Der Rosenkavalier“. Eine alltägliche Einsicht, gewiss. In rekordverdächtig langen vier Wochen beschäftigen sich in diesem Jahr die Dresdner Musikfestspiele just mit Zeit, Zeit, Zeit. Ein Thema, das vielfältig im Veranstaltungsprogramm auftaucht und in unterschiedlicher Form reflektiert werden soll. Den Auftakt dazu setzt ausgerechnet dieser Pionier der sogenannten Minimal Music. Gemeinsam mit seiner Band wird Michael Nyman das Eröffnungskonzert bestreiten und hier sogar eine Uraufführung beisteuern, die nicht nur wie gehabt die schiere Unendlichkeit musikalisiert, sondern mal ganz direkt aus der hiesigen Vergangenheit schöpft. Dem durch seine Filmmusiken zu diversen Peter-Greenaway-Streifen einem breiten Publikum bekannten Komponisten ist die Musikstadt Dresden schließlich ein seit langem bekannter Ort. Allerdings wurde er zu seinem aktuellen Projekt, einem Auftragswerk der Dresdner Musikfestspiele, nicht in einer genuin musikalischen Institution fündig, sondern in einer traditionsreichen Spielstätte mit Sammlungs- und Forschungskontext.

Im Deutschen Hygiene-Museum haben Nyman und seine Assistentin den filmischen Fundus entdeckt, waren fasziniert und fühlten sich sofort davon angeregt. Vier Filme aus der Zeit des Ersten Weltkriegs hat der Komponist ausgewählt und zur Grundlage seiner Auftragskomposition gewählt. Skurril bis makaber dürfte es darin zugehen, wenn „Ansichten aus dem Lazarett Jakobsberg“ gezeigt werden, wenn die „Ausbildung der Füße als Hände“ oder eine „Gehschule“ aus dem „Reservelazarett Ettlingen i. Baden – Turnübungen der Amputierten“ Einblicke vermitteln, wie man sie vielleicht nie wieder los wird. Auch unter dem Titel „Reservelazarett Hornberg i. Schwarzwald – Behandlung der Kriegsneurotiker“ darf gewiss keine Idylle zu erwarten sein, vielmehr drastische Einblicke in traumatisierte Kämpfer, die im Ersten Weltkrieg als patriotisches Kanonenfutter für den deutschen Kaiser und im Namen des christlichen Gottes verheizt worden sind.

Es geht in allen von Michael Nyman hier ausgewählten Filmen um die Reintegration von Kriegsversehrten – was im kriegerischen Deutschland stets eine Reintegration ins Unwesen der Militärs bedeutet, nicht etwa die Integration in eine friedliche Gesellschaft. Denn nach der letzten Schlacht von 1918 wurden die Invaliden bekanntlich ihrem Schicksal überlassen. Der Gedanke an die traumatisierten Mörder all der heutigen Kriege – auch der mit Nato- und Bundeswehrbeteiligung – liegt da nicht fern.

Das Eröffnungskonzert der Musikfestspiele thematisiert den Zeit-Begriff somit gleich mehrfach, greift ihn mit der Michael Nyman Band mit dem Komponisten am Klavier musikalisch auf und darf gewiss auch als humanitäre Botschaft verstanden werden. Das Hygiene-Museum ist dafür ein würdiger, geeigneter Ort.

In einer „Langen Nacht der Zeit“ folgt dort noch ein raumübergreifendes Wandelkonzert als Novum der Festspiele. Wer will, kann sogar mit Musik übernachten. Denn auf das Eröffnungskonzert folgen Kompositionen von Eric Satie, dessen „Vexations“ in wechselnder Wiederkehr mit gastronomischer Rundumversorgung auf Liegen genossen werden können – bei Bedarf und Ausdauer bis zum kommenden Morgen. Wechselspiele mit Zeit und deren Vergänglichkeit haben auch John Cage, Morton Feldman und zahlreiche andere Komponisten gereizt, von Johann Sebastian Bach bis hin zu Unterhaltungskünstlern der Moderne sind vermeintliche Endlosigkeiten schließlich ein dankbares Thema. Aber nur wenige haben es so experimentell wie ein György Ligeti zum Ausdruck gebracht, von dem in der „Nacht der Zeit“ das „Poème Symphonique für 100 Metronome“ erklingen wird. Langeweile wird also kaum aufkommen, weder in dieser ersten Nacht des aktuellen Musikfestspiel-Jahrgangs – zu der auch „bewegte“ Zeit in Form von Tango und anderen Tänzen gehört –, noch in den folgenden der immerhin 52 Konzertpunkte.

Die allerdings stehen diese, wie das bei Themen-Schwerpunkten von Festivals üblich ist, in unterschiedlicher Stringenz unter dem Zeit-Motto. Ob man Gustav Mahlers so gerne zerdehnte Tempi in dessen 9. Sinfonie oder die tänzerisch flotte 7. Sinfonie Ludwig van Beethovens nimmt, ein gedanklicher Brückenschlag zum Thema lässt sich gewiss in jedem Fall herstellen. Bei Anton Bruckners 8. Sinfonie (der „Tausend“) ist das nicht anders. Starke Kontraste setzen dagegen das Jerusalem Quartet mit drei Streichquartetten von Dmitri Schostakowitsch, ein Swing-Konzert in der Semperoper sowie sehr unterschiedliche Rhythmik in arabischer und jüdischer Folklore, wie sie Omer Meir Wellber mit den Musikern seines israelischen Orchesters verspricht. Jubiläen und Gedenken fallen ohnehin in den Zeitkosmos, ob nun Daniel Hope an den 100. Geburtstag seines Mentors Yehudi Menuhin erinnert oder ob der nun 800 Jahre seines Bestehens feiernde Kreuzchor im Pillnitzer Schlosspark das „Leben in der Zeit“ besingt. Beispielhaft wie Straussens Marschallin hat Olivier Messiaen als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg sein „Quartett auf das Ende der Zeit“ formuliert.

Bis Anfang Juni wird sich zeigen, ob vier Wochen ausreichen zum „Spielen mit Zeit“, wie ein Kinderkonzert überschrieben ist, und um dem „Geheimnis von Musik und Zeit“ in einem TU-Projekt auf die Spur zu kommen.

Dresdner Musikfestspiele 5. Mai bis 5. Juni 2016

www.musikfestspiele.com

Von Michael Ernst

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