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25 Jahre Dresdner Kunsthaus Raskolnikow – Ein Gespräch mit Geschäftsführerin Iduna Böhning

Kunstarbeit und Sinnstiftung 25 Jahre Dresdner Kunsthaus Raskolnikow – Ein Gespräch mit Geschäftsführerin Iduna Böhning

Das Kunsthaus Raskolnikow und der gleichnamige Verein gründeten sich 1990 als einer der ersten Kunstvereine in der Dresdner Neustadt. Heinz Weißflog war mit der Geschäftsführerin Iduna Böhning im Gespräch über die spannende und schwierige Zeit nach der Wende und über die 25-jährige Arbeit im Haus.

Das Kunsthaus Raskolnikow in der Dresdner Neustadt bei Nacht

Quelle: Iduna Böhning

Dresden. „Das Kunsthaus Raskolnikow und der gleichnamige Verein gründeten sich 1990 als einer der ersten Kunstvereine in der Dresdner Neustadt. Heinz Weißflog war mit der Geschäftsführerin Iduna Böhning im Gespräch über die spannende und schwierige Zeit nach der Wende und über die 25 Jahre Arbeit im Haus.

Frage: Wie war der Anfang, und warum war das Grundstück Böhmische Str. 34 für die Künstler interessant?

Iduna Böhning: Das Haus Böhmische Straße 34 war bereits Anfang der 80er Jahre ein Lebens-und Arbeitsort für Künstler der Dresdner Neustadt. Rainer Görß, Thomas Reichstein, das Zwinger Trio, Karsten Ludwig und andere lebten und arbeiteten im Vorder- und Hinterhaus, hatten hier Atelier und Probenräume. Eigentlich sollten die beiden maroden Häuser der Nummer 34 abgerissen werden, jedoch durch die Instandbesetzung des Grundstücks sind sie erhalten geblieben.

1988/89 kam es auf der Böhmischen 34 zu einem Generationswechsel...

Einige Künstler gingen nach Berlin, andere suchten sich bessere Domizile in der Stadt, damit stellte sich die Frage nach der Zukunft des Hauses neu. Jüngere Künstler wie Viola Schöpe, Harriet Böge und Thomas Herold engagierten sich für einen Neubeginn. Mit einem Hungerstreik wollten sie feste Mietverträge für die gewerbliche Nutzung des Grundstückes von der zentralen Wohnungsverwaltung erzwingen. Die Wende fegte jedoch schneller als geglaubt die laufenden Amtsvorgänge in den Mülleimer. Die Karten wurden neu gemischt. Neues Land – neue Spielregeln. Es gab die Chance, das Grundstück Böhmische 34, auf dem kein privater Anspruch lag, von der Bundesrepublik käuflich zu erwerben. 1990 wurde von jenem Freundeskreis der Kunstverein mit dem Namen „Kunsthaus Raskolnikow“ gegründet und relativ zeitnah der Kaufantrag für die Immobilie gestellt. Dem Verein wurde die Nutzung gewährt und ein Vorkaufsrecht bis Ende 1993 eingeräumt.

Warum verbirgt sich hinter dem Namen „Raskolnikow“?

Inspiriert vom Haupthelden „Raskolnikow“ aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“, nannten die drei Künstler Schöpe, Böge und Herold ihr gemeinsam gestaltetes Künstlercafé „Raskolnikoff“, das das erste dieser Art in Dresden war. Über Jahre hinweg war es einer der lebendigsten Orte überhaupt in der Neustadt. Hier gaben sich Künstler, Geschäftsleute, Glücksritter und Politiker manche Nacht die Klinke in die Hand.

Welche Intentionen hatte der Verein mit seiner Gründung, und wie versuchte er diese umzusetzen?

Die Idee war, das Grundstück selbstständig zu bewirtschaften und kulturell zu nutzen, mit dem Wirtschaftsbereich Gastronomie/Café und dem gemeinnützigen Bereichen Galerie, Werkstätten und Ateliers. Man dachte an ein internationales Stipendiaten- und Atelierprogramm in Kooperation mit den Partnerstädten der Stadt Dresden und mit dem Freistaat Sachsen. Hochfliegende Visionen, euphorisch formuliert in der Zeit des Umbruchs. Was folgte, waren die Mühen der Ebene. Man rang innerhalb des neu gegründeten Kunstvereins nach Sanierungs-, Nutzungs- und Finanzierungskonzepten, musste sich mit Vereinsrechten/pflichten auseinandersetzen, Selbstverwaltung lernen und die Balance schaffen zwischen eigenen künstlerischen Intention, der Entwicklung eines Galerieprogramms und der Realisierung von Kunstprojekten. „Signes de Boheme - Böhmische Zeichen“ 1992 war zum Beispiel das erste Austauschprojekt zwischen Künstlern aus Montpellier und Dresden. Dabei wurden Ausstellungen, Performances und Installationen im öffentlichen Raum mit großer Resonanz realisiert.

Doch die künstlerischen Interaktionen konnten nicht über die tiefen Interessenskonflikte hinwegtäuschen...

Es kam unweigerlich zur Spaltung des Vereins, zu anmaßend waren die privaten Interessen von Einzelnen. Der Streit verbrannte Visionen und Freundschaft, fraß Zeit und Nerven, kostete Geld und beschädigte den Ruf des Kunstvereins. Die bittere Konsequenz dieser Zerwürfnisse war, dass der Kunstverein 1995 die Immobilie verkaufen musste, damit die Böhmische 34 keinen heißen Abriss erlebt, der Vorstand nicht im Schuldenturm landet und um wenigstens einen Bruchteil der alten Visionen zu retten. Privatleute, die als Freunde und geduldige Ratgeber dem Vorstand in der heißen Zeit zur Seite standen, die die Besonderheit dieses Ortes erkannt und bewahrenswert fanden, selbst bereit für ein kleines Abenteuer waren, wurden nach langem Ringen um ein überlebensfähiges Konzept die rechtmäßigen neuen Besitzer der Böhmischen 34 mit dem Namen „Kunsthaus Raskolnikow“.

Die Sanierung der beiden Gebäude war mehr als eine bauliche Herausforderung...

Im August 1996 wurden der erste Teil der Sanierung beendet und die Gastronomie und das Café neu eröffnet. Der Kunstverein bezog die 1. Etage mit Büro und Galerieräumen. Erstmals mit dichten Fenstern, einer Heizung und allen wichtigen Medien. Von nun an galt es, dem Namen eines Kunsthauses auch inhaltlich wieder an Ort und Stelle gerecht zu werden.

Welche Projekte und Ausstellungen sind beispielhaft zu nennen?

Gestartet sind wir 1995 mit dem ersten Projekt im Stadtraum „Blick in Brüche“ im Sanierungsgebiet der Dresdner Neustadt mit internationalen Künstlern. In leerstehenden Häusern und Ruinen gab es künstlerische Interventionen, Installationen, Performances und Präsentationen. Dazu wurde ein Symposium zum Thema Sanierung, Stadtgestaltung, Kunst im öffentlichen Raum organisiert, zu dem Vertreter aus Vereinen aus ganz Deutschland, Lokalpolitiker und Künstler eingeladen wurden. Das zweite Projekt im öffentlichen Raum hieß „Silberblick“. In vielen Neustädter Ruinen hatten die Künstler entlang der Böhmischen Straße kleine Installationen eingebaut, Sound/Klangmodule geschaffen und Lichtkästen installiert, um die ruinöse Bausubstanz künstlerisch zu verfremden. Ein weiteres Projekt war „Ostranenie – Trabant Dresden“ 1995, ein Videofestival, das am Bauhaus Dessau mit der „Werkleitzgesellschaft“ realisiert wurde. Wir gründeten den „Trabant Dresden“ und mieteten uns auf der Hauptstraße in leerstehenden Läden ein. Laura Kikauka aus Kanada verwandelte den Leerstand in eine interaktive Theaterkulisse, in der sie mit Künstlerkollegen aus Holland und England extravagante Concerte und Performances zeigte. Wir installierten das erste öffentliche Internetcafé in der Bibliothek/Hauptstraße und waren mit dem Festival virtuell vernetzt. Damals eine technische Leistung.

Was umfasst das Programm des Kunstvereins weiterhin ?

Unser Programm ist vielseitig, weder festgelegt im Genre, noch auf einem festen Künstlerbestand basierend. Immer auf der Suche nach dem besonderen Impuls in der künstlerischen Auseinandersetzung. So hatten wir die Ehre, den poetischen Zeichner Frank Diersch mehrfach ausstellen zu dürfen, Margaret Raspés Ausstellung „Wasser“ zu zeigen, das „Museum der Unerhörten Dinge“ von Roland Albrecht hier zu gründen. Heute ist das kleine Museum ein Geheimtipp der Museumswelt von Berlin. Wir unterstützten die Fotografin Ardine Nelson aus Columbus/Ohio bei der Realisierung des Fotoprojekts „Die Kleingartensparten in Dresden“. In der Galerie des Kunsthauses Raskolnikow haben wir ihre fotografischen Serien gezeigt, die heute als Geschenk im Museum der Technischen Sammlungen Dresden zu finden sind. Ein Jahr nach Beendigung des Projektes erhielt Ardine Nelson den in Amerika sehr begehrten Guggenheim Preis für diese künstlerische Leistung. Besonders wertvoll sind auch die kulturellen Erfahrungen, die wir innerhalb des Schriftstelleraustausches „Deutschland und China in Bewegung“ erleben durften. Und seit 1995 kommen jährlich zwei amerikanische Künstler aus dem Austauschprogramm zwischen Sachsen und Columbus/Ohio nach Dresden, deren Aufenthalt wir begleiten. Darüber hinaus hatten wir das Glück, mit amerikanischen Künstlern wie Nicholas Hill, Fred Marsh und Melissa Woods Einzelausstellungen zu realisieren.

Sie haben insgesamt mit mehr als 145 Künstlern und Künstlerinnen gearbeitet...

Stellvertretend für sie seien hier Llaura Sünner, Ottmar Poschinger aus Hamburg, Francis Zeischegg und Angela Lubic’ aus Berlin, das Künstlerduo Empfangshalle aus München, Tina Flau, Martin Kaltwasser und Andreas Hegewald stellvertretend genannt. Für uns ist es ein kulturelles Selbstverständnis, mit nationalen wie internationalen Künstlern zu arbeiten. Ausstellungen mit Künstlern aus den Partnerstädten der Stadt Dresden liegen uns genauso am Herzen, wie beispielsweise die kulturelle Bildungsarbeit mit der TU Dresden. Die Arbeit des Kunstvereins wäre aber nicht möglich ohne die gute Zusammenarbeit mit den Künstlern und die institutionelle Förderung der Stadt Dresden und der Kulturstiftung Sachsens.

Kunsthaus Raskolnikow e.V., Böhmische Straße 34, 01099 Dresden, Tel. 0351/ 804 57 08, geöffnet: Mi-Fr 15-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr, zu den Bürozeiten Di-Do 10-15 Uhr.

Herrnhutprojekt und Eine Sammlung von Punkten: Im Rahmen der Ausstellung zum Künstleraustausch Rotterdam-Dresden 2015 zeigen die KünstlerInnen Sarojini Lewis und Antje Seeger vom 13. Februar bis 24. März Fotografien und Videos. Eröffnung 12.Februar, 20 Uhr, Einführung: Sarah Frost (Kunsthistorikerin Berlin)

www.galerie-raskolnikow.de

Von Heinz Weißflog

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