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24. Filmfest Dresden: Patrice Bäumel (Dresden/Amsterdam) legt zur Abschlussparty auf

24. Filmfest Dresden: Patrice Bäumel (Dresden/Amsterdam) legt zur Abschlussparty auf

Könnte sein, es wird es schlagartig wärmer bis zum Wochenende. Dann setzt sich Patrice Bäumel am Sonntag vielleicht an die Elbwiesen und genießt in Ruhe, wie er sagt, "nur die schönen Seiten von Dresden".

Die Nacht zuvor bis zum Morgen hat der 36-jährige DJ und Produzent im Kleinen Haus gearbeitet, zur Filmfest-Abschlussparty aufgelegt, hat also seit langer Zeit wieder einen Job in seiner Heimatstadt angenommen. Seit 17 Jahren lebt Bäumel in Amsterdam. Und will bleiben.

Dass der in Freital geborene Dresdner weggegangen ist, hing zum gewichtigen Teil an seiner Abenteuerlust und war nach einem (Schul-)Jahr in den USA fast zwingend. Auch war Patrice Bäumel Mitte der 1990er das gesellschaftliche Klima im Osten Deutschlands "einfach zu negativ, fast schon hoffnungslos. Nichts für mein Lebensgefühl." Der Wind pfiff zudem von leicht rechts, und die "Szene" in Sachen Kultur musste sich erst durch Beständigkeit aus Provinzialismus und Ränkespiel erheben. Der damals 20-Jährige bewarb sich für ein Praktikum in Holland. Jetzt hat er sich in Amsterdam ein Leben aufgebaut, das nach Jobs inmitten des Booms der Computerbranche - Callcenter-Agent, Programmierer, Webdesigner - endgültig vom einstigen Hobby bestimmt wird: elektronische Musik. Mit international ausgerichteter Karriere.

Der reine DJ verliert an Bedeutung

Der Begriff vom klassischen DJ greift zu kurz. Die Grenzen verschwimmen immer offensiver. Bäumel: "Der DJ ist heute zumeist auch Produzent, weil die technischen Methoden für viele zugänglich sind. Produzieren ist Voraussetzung für Internationalität, darüber erlangt man die nötige Bekanntheit. Ich sehe mich in Zukunft viel weniger auf Partys stehen, ich will mich an andere, komplexere Formen herantasten, Kunstobjekte machen und multidisziplinär arbeiten. Den reinen DJ wird es immer geben, aber er wird von der Bedeutung immer weiter in den Hintergrund treten. Er ist für mich eher wie eine Coverband. Man hinterlässt nichts Eigenes im großen Pool kreativer Musik."

Die Suche nach dem Unterschied also. Sein Wirken beschreibt Patrice Bäumel im Wesentlichen mit einem Dreier aus Kompilieren, Produzieren und Performen. Es gibt Nächte, in denen er ausschließlich eigenes Material spielt - wie jetzt in Dresden. Anderswo ist es ein Mix aus eigenen Sounds, Rhythmen, fremden Songs und Fragmenten. Auswahlkriterien sind dabei klar: "Es geht darum, Lieblingsmomente zu verlängern und einige im Original abenteuerliche Arrangements für mein Set brauchbar zu machen. Als Song ist dort oft schon die Luft raus, wo ich Spannung für die Tanzfläche brauche." Auf gängigen Internet-Plattformen wie Soundcloud sind regelmäßig einige der wichtigsten Arbeiten von Patrice Bäumel zu hören, Techno, Minimal-, Dance- und Pop-Electronics, darunter komplette Sets aus Clubs in Amsterdam, Brüssel, Berlin, Sao Paulo - natürlich aus seinem Heimatclub Trouw in Amsterdam. Es sind aber auch Podcasts mit Versionen bekannter Songs dabei, so ein grandioser Neuschnitt von Kate Bushs "Running Up That Hill", Stücke von Blur, Smashing Pumpkins oder Grauzone. Und natürlich Depeche Mode, die Bäumel als beständig arbeitende Band vor allem dahingehend geprägt haben, dass sie stets den Kontrastsound aus Emotionalität und Abstraktion vorantreiben.

Patrice Bäumel ist extrem wandlungsfähig in seinen Mixen, geschmackssicher im Wechsel aus Wärme und Kälte, Schärfe und Melodie. Eine zentrale Arbeit der letzten Zeit ist die Variation, besser Rekonstruktion von Bernard Hermanns Soundtrack zu Alfred Hitchcocks legendärem Thriller "Psycho". Ein Spiel mit der Bekanntheit? "Nein, überhaupt nicht. Es war eher die Reinheit der Ausgangsstrukturen, die lediglich aus Streichinstrumenten bestehen. Das wiederum ließ mir die nötigen Freiräume, um eigene Perkussionssounds hinzu zu mischen. Die Homogenität im Ausgangsmaterial war also schon verfügbar, als ich es verbaut habe." Trotzdem eine besondere Herausforderung, doch das ist Prinzip in Bäumels Tag- und Nachtwerk: "Meine festgelaufenen Denkmuster sollen aufgebrochen werden. Ich bin kein begnadeter Techniker, kann kein Instrument spielen, ich muss allein durch Ideen etwas Neues und Spannendes schaffen. Dabei liebe ich es, mit einfachen aber unkonventionellen Mitteln Resultate zu erzielen."

Seit Kindertagen hörte Patrice Bäumel unbewusst und bewusst alle Spielarten von Musik, nicht zuletzt weil sein Vater seit Jahrzehnten auch auf musikjournalistischem Gebiet tätig ist und im zeitgenössischen Jazz und avantgardistischen Rock als ausgewiesener Kenner gilt. Sind diese Einflüsse konkret abrufbar oder eher als Signal gesetzt? Bäumel: "Ich merke immer deutlicher, dass da sehr viel geblieben ist, dass ich viel mehr Referenzen habe, die weit außerhalb dieser musikalischen Box mit Aufschrift ,elektronische Musik' liegen. Ich höre mir heute aus eigenem Antrieb viele Sachen an, die ich damals wahrgenommen habe: John Zorn, Kronos Quartet, Velvet Underground, Talking Heads, bis in die Klassik hinein. Das alles ist konzeptionell interessant, aus geistiger Freiheit entstanden und nicht gemacht für den vordergründigen Beifall."

"Heute herrscht totale Offenheit"

Dass auch Patrice Bäumel durch seine Präsenz im Netz zu neuer Musik und neuen Begegnungen leitet, ist ein angenehmer Nebeneffekt. "Darüber entstehen Dialoge. Antiexklusivität ist der heutige Zeitgeist. Vor 15 Jahren haben wir die Plattencover beim Auftritt noch mit schwarzen Stickern überklebt, damit die anderen nicht entdecken, was man gerade spielt. Heute herrscht totale Offenheit. Man teilt einfach. Teilen hat absolute Priorität." Und das Teilen (Sharing) wird wiederum zu einer eigenständigen Form der Wertschätzung. Die kritischen Bereiche, vor allem in Sachen Urheberrecht, sind einem weltweit agierenden Künstler wie Patrice Bäumel natürlich bewusst: "Das heutige Urheberrecht ist krank, undurchschaubar wie eine Black Box, unzeitgemäß. Das ist in Holland genauso wie in Deutschland. Keiner weiß, was rein- und rausgeht oder was in den Strukturen hängenbleibt. Die einzig faire Methode wäre eine nichtkommerzielle Einrichtung, die absolut transparent arbeitet. Künstler müssen fair belohnt werden, aber das heutige System taugt nicht."

Der Nebeneffekt durch das Sharing von Musik im Netz ist enorm. Interesse wird geweckt, und letztlich wird darüber auch gekauft. Man schafft durchaus Bewusstsein, obwohl es Pauschalkritikern oft nicht so vorkommt. "Ich empfinde es eher als Hommage, wenn ich Material von Kate Bush bearbeite. Es ist keine Schändung des Songs oder der Künstlerin. Ich habe dabei nur eine klare Richtlinie: Ich verkaufe diese Stücke nicht. Wobei für mich kommerziell sowieso nicht der Verkauf von Edits, Songs oder Platten relevant ist, sondern das Buchen von Auftritten."

Für kommenden Sonnabend ist Patrice Bäumel für "So Electric!" im Kleinen Haus gebucht. Er steht neben der kanadisch-deutschen Band Wrongkong und den isländischen Kiasmos - ein elektronisches Projekt von Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen - auf der Bühne. Und Sonntag dann... Andreas Körner

"So Electric!", Sonnabend, 22 Uhr, Kleines Haus

www.filmfest-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.04.2012

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