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"20 000 Seiten": Deutsche Erstaufführung im Kleinen Haus in Dresden

"20 000 Seiten": Deutsche Erstaufführung im Kleinen Haus in Dresden

Etwa 12 000 Seiten zählt der Bergier-Bericht, benannt nach dem angesehenen Schweizer Wirtschaftshistoriker Jean-François Bergier. Er leitete die unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg, die 2002 den Schlussbericht der Untersuchungen zum Verhalten der Schweiz 1933-1945 vorlegte.

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Gleich fällt Wissen vom Himmel: Cathleen Baumann als Dr. Gosbor und André Kaczmarczyk als Tony.

Quelle: Matthias Horn

Die in 25 Bänden zusammengefassten 30 Zwischenberichte wurden von zahlreichen Autoren verfasst zu Themen wie: "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich", "Nachrichtenlose Vermögen bei Schweizer Banken" oder "Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus".

Zehn Jahre später gab es zwar ein Echo auf diesen Bericht, doch dabei stand weniger die Erinnerungskultur der Schweizer in der Kritik als der Bericht selbst. Bemängelt wurde die Qualität der einzelnen Publikationen und dass die Autoren, obwohl sie exklusiven Zugang zu Dokumenten gehabt, darin erhaltene Erkenntnisse nicht ausreichend zur Entlastung der Schweiz genutzt hätten. Kontrovers wurde auch der Bericht über die Flüchtlingspolitik der Schweiz diskutiert - waren es nun wirklich 24 500 Menschen, die meisten Juden, die an der Schweizer Grenze abgewiesen oder nach Deutschland zurückgeschickt wurden, oder "nur" 3000?

Genau zehn Jahre nach dem Schlussbericht wurde am Schauspiel Zürich ein Werk vom Schweizer Autor Lukas Bärfuss uraufgeführt: "20 000 Seiten". An diesem Wochenende erlebte es im Kleinen Haus in der Regie von Burkhard C. Kosminski seine deutsche Erstaufführung. Im Stück wirft Professor Wüthrich (gespielt vom zehnjährigen! Anton Petzold), hier der alleinige Verfasser, die 25 Bände über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aus dem Fenster. Unnützes Wissen - weg damit. Unglücklicherweise fallen die Bücher einem gewissen Tony (André Kaczmarczyk) - einem Allerweltsbürger - auf den Kopf. Nachdem er aus dem Koma aufgewacht ist, wandelt er als zweibeiniges Geschichtslexikon umher, denn er kennt den Text aller Bände, Wort für Wort. In der Dresdner Inszenierung trägt Tony sein Kreuz als schweren Rucksack. Kein Wunder, dass André Kaczmarczyk bald ins Schwitzen kommt, doch er überzeugt auch ohne Last als naiver, an seinem Wissen und am Desinteresse leidender Zeitgenosse. Er irrt durch eine Art transparentes Irrenhaus, das sich aus beweglichen Riesenflächen mit locker angeordneten Jalousien zu immer neuen Räumen umbilden lässt (Bühne: Florian Etti).

Tonys Wissen sorgt natürlich für Irritationen - bei seiner Allerweltsfreundin Lisa, (Laina Schwarz übernahm wegen Erkrankung von Ines Marie Westernströer in den Endproben die Rolle), bei der ihn behandelnden Ärztin Dr. Gosbor (Cathleen Baumann). Ignoranz begegnet Tony auch auf seinem Weg in den "Bereich der Bedeutung" - so nennt die Ärztin den erinnerungsfreien Zustand von Tony am Ende des Stücks. Niemanden interessiert Tonys Wissen - ob in der Bürgerradio-Sendung oder bei der Show "Multitalent", wo er immer wieder traurige Geschichten von Menschen erzählt, die von den Schweizer Behörden ins nazideutsche Verderben zurückgeschickt wurden. Das Schicksal von Oskar hat es ihm besonders angetan, denn die Bände in seinem Kopf verraten nicht, ob er überlebt hat. Nun trifft Tony diesen Oskar nach der Show und erlebt einen fröhlichen Mann (Torsten Ranft), der keine Zeit für traurige Erinnerungen hat, der vergessen und sich amüsieren will.

Da bleibt Tony nichts anderes übrig, als an einem Experiment zur Entfernung des lästigen Wissens teilzunehmen. So stellt ihm die Ärztin neue 20 000 Seiten zusammen - Betriebswirtschaft, Schiller und Goethe (die Tony vorher nicht kannte), Chinesisch, Sammlungen mit italienischen Rezepten, denn die französischen machen zu viel Arbeit. Dann wird die Kiste mit dem neuen Wissen Tony auf den Kopf befördert (keine Sorge, der Schauspieler lebt - die Kiste fällt im Dunkeln krachend auf den Boden). Am Ende hockt er in einem durchsichtigen Ball wie in einer Blase und schreibt Chinesisch-ähnliche Zeichen auf die Innenseite. Er ist im Bereich der Bedeutung angekommen, ohne jegliche Erinnerung, voller Wissen, doch nun ist er wissensneutral - und ein ruhig gestellter Störenfried.

Die Szene weckt vielleicht Assoziationen zu Miloš Formans Film "Einer flog übers Kuckucksnest". Doch bei Lukas Bärfuss überwiegt trotz des roten Fadens einer Geschichte die philosophisch-theoretische Polemik, garniert durch Medienkritik. Es ist eine Mischung also aus Sinnsuche, Betroffenheit, witzigen bis kruden Monologen und Klamauk. Die etwa Dutzend Figuren, die neben Cathleen Baumann auch Torsten Ranft und Sascha Göpel zu verkörpern haben, wirken größtenteils als Karikaturen. Sie markieren, postulieren oder konterkarieren Thesen zur Wahrnehmung und Reflexion. Den Höhepunkt davon bildet schon am Anfang der Auftritt von Cathleen Baumann als Ärztin, die anhand eines Kugelschreibers beweist: "Was wir sind, sind wir durch die anderen." Es folgt ein langer Monolog, in dem die Schauspielerin famos Persönlichkeitsstörungen sichtbar macht. Ein weiterer guter Einfall ist die Besetzung von Wüthrich mit dem zehnjährigen Anton Petzold mit lichtem Haar und rigorosem Auftreten, woraus sich eine interessante Brechung ergibt. Dem Klamauk mit Revoluzzer-Reden in der Manier der 70er oder Showbeilagen wie beim "Supertalent" fehlt diese Brechung und er bleibt im Unterhaltungsmodus stecken.

nächste Aufführungen: morgen, 8. & 27.2., jeweils 19.30 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.01.2014

Bistra Klunker

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