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150 Kinder und Jugendliche haben eine "tierische Revue" uraufgeführt - in der Dresdner Semperoper

150 Kinder und Jugendliche haben eine "tierische Revue" uraufgeführt - in der Dresdner Semperoper

Es gibt keine Oper von Erich Kästner. Aber seit gestern gibt es eine weitere Oper nach einem seiner Romane. Aus dem 1949 erschienenen Kinderbuch "Die Konferenz der Tiere" haben Johannes Wulff-Woesten (Musik) und Manfred Weiß (Libretto) ein zweistündiges Musiktheater gemacht, dessen gefeierter Uraufführung in der Semperoper bislang leider nur eine weitere Aufführung am heutigen Vormittag folgen soll.

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Ein tierisches, aber wohlorganisiertes Getümmel: "Die Konferenz der Tiere" in der Semperoper löste pure Begeisterung aus.

Quelle: Matthias Creutziger

Dabei hätte sie das Zeug für eine Sommerbespielung!

Damit ist alles gesagt, was an diesem Projekt zu beanstanden wäre. Der Rest sind ausschließlich gute bis sehr gute Nachrichten. Ulrike Hessler hat sich ja zu ihrem Amtsantritt auf die Fahnen geschrieben, die Jugendarbeit kräftig zu fördern. In Gesprächen mit der Roland-Berger-Stiftung und Vertretern der Deutschen Bank, die das Bildungsprogramm FairTalent unterstützt, entstand die Idee zu dieser Kästner-Adaption. Hätte die Opernintendantin nicht krankheitsbedingt der Premiere fernbleiben müssen, sie wäre überglücklich, wie dieses Saatkorn aufgegangen ist!

Gut ein Jahr lang wurden etwa 150 Kinder und Jugendliche aus Hessen, Thüringen und Sachsen gesucht und gefördert, um diese "tierische Revue" zu erarbeiten. Die Mitwirkenden stammen sämtlich aus sozial benachteiligten Familien, verfügen aber über herausragende musische Begabungen, die derartige Hilfe unbedingt verdienen. Das haben sie in dem gut zweistündigen Stück allesamt unter Beweis gestellt, dafür wurden sie mit stehenden Ovationen gefeiert. Auch wenn gewiss viele Freunde und Familienangehörige im Publikum waren - so viel einhelliger Jubel ist selten im Semperbau.

"Die Konferenz der Tiere" ist zunächst einmal eine Parabel, die Erich Kästner nach dem Eindruck deutscher Kriegs- und Nachkriegspolitik verfasst hat. Das endlose Versagen der Menschheit - nicht nur das der Politik - mag ihn auf den Dreh gebracht haben, wenn die Menschen schon so unmenschlich sind, sollen sich doch wenigstens die Tiere tierisch verhalten. Das tun sie mit sehr menschlichen Zügen. Sie leiden unter der rücksichtslosen Weltzerstörung am unmittelbarsten, sei es durch Kriege, sei es durch Müll, sei es durch Klimaerwärmung. Ihnen nützt der soundsovielte ergebnislos irgendwo abgehaltene Kongress überhaupt nichts; ergo, sie nehmen die Sache selbst in die Hand. Einer, der sie dabei begleitet, ist der Korrespondent Erich - und der informiert auch das Opernpublikum, indem er durch diese durchweg spannungsvolle Revue führt. Nach einer die thematischen Vorlieben des Komponisten schon mal verratenden Ouvertüre, die das Junge Sinfonieorchester am Sächsischen Landesgymnasium für Musik unter Wulff-Woestens Leitung mit viel Esprit zelebriert, steht der rasende Reporter schon auf der Bühne. Als singender Schauspieler ist Tom Quaas dieser schelmisch wie einst Erich Kästner blickende Schreiberling durch und durch Sympathieträger. Er schlägt sich wacker durch die mitunter recht selbstbewusst gezimmerten Reime und singt wagemutig die Musical-Parts. Da er dem wegen schmelzender Polkappen fliehenden Eisbären keinen Weg in permanente Kälte weisen kann, landen beide ausgerechnet in Afrika. Dort leidet die Tierwelt am schlimmsten. Doch nicht nur sie, denn dort werden auch Kinder als Soldaten verheizt - ein Fakt, den die Menschheit so hinnimmt, nur die Tiere müssen darüber weinen.

Manchem Zeitgenossen mag der Plot von Weiß nach Kästner holzhämmrig klingen, doch mit einem Blick auf die realen Nachrichten dürfte jede Kritik daran still werden. Wie viele teure Kongresse werden alljährlich zur Rettung von Eisbergen, Klima und Wäldern abgehalten, wie oft wird über den Einsatz und Export und Waffen diskutiert - und alles wird immer nur schlimmer.

Im Stück gibt es die Präsidenten X, Y und Z, die ebenfalls gern konferieren, sich aber nie einigen werden. Scheinheilige Lösungen bieten sie an, beispielsweise nur Patronen zu liefern, nicht aber Pistolen. Die ganze Farce ist durchschaubar auch für die Jüngsten im Publikum. Vor allem aber haben die wohl ihre helle Freude an Ella Späthes wunderbaren Kostümen von Eisbär, Löwe und Elefanten, von Giraffen, Gazellen, Schnecke und Pfau. Sie lauschen ebenso wie die Großen im Saal dem eingängigen Musikmaterial, das einen gelungenen Mix aus US-Musical und deutschem Film bietet - eine echte Revue eben. Mit spürbarer Freude und enormem Können wird da im Bühnenbild von Konstanze Grotkopp agiert, das mit tollen Videos auch mal unter Wasser taucht. Regisseurin Therese Schmidt hat das alles flüssig mit Sinn für Spannung und Humor inszeniert. Ein äußerst unterhaltsames Lehrstück, das viele Fertigprodukte made in Hollywood in die Ecke stellt. Nur gespielt werden müsste es öfter. Die letzten Worte des Stücks gingen direkt ans Publikum: "Zum Schluss möcht' ich noch fragen: Was haben Sie dazu zu sagen?"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.07.2012

Michael Ernst

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