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15. Museumssommernacht Dresden lockte gut 20.000 Besucher an

15. Museumssommernacht Dresden lockte gut 20.000 Besucher an

Hat Napoleon gelogen? Ist sein großspuriges Diktum, dass jeder französische Soldat den Marschallstab im Tornister trage, eine Chimäre (Trugschluss) gewesen? Im Tornister des Soldaten in französischer Uniform, der am Sonnabend kurz nach 23 Uhr im Militärhistorischen Museum sein Behältnis auspackt, sind Ersatzsocken und (Parade-)Gamaschen, Decke und Mütze, Nähzeug, und Tasse, Liederbuch und Exerzierreglement, ist dies und das, aber kein Marschallstab.

Es war nicht das einzige, was auf dieser nun schon zum 15. Mal durchgeführten Museumssommernacht geklärt werden konnte. Im Kügelgenhaus, dem Museum der Dresdner Romantik, war zwei älteren Damen nach dem Lesen der Tafel zu einem den Maler Ernst Ferdinand Oehme zeigenden Gemälde bewusst: "Ach, das ist der von der Oehmestraße!" Und um auf die Franzosen zurückzukommen, die im Militärmuseum unter dem Motto "En evant, marche!" den Formations- und Waffendrill anno 1803 veranschaulichten - die waren eigentlich Deutsche. Napoleon, der mit seinen Soldaten im Rest Europas eher Angst und Schrecken als Gefühle von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aufkommen ließ, hatte damals alle Territorien links des als "natürliche Grenze" angesehenen Rheins für Frankreich annektiert. Das ließ Deutsche zu Franzosen werden, die entsprechend in den staatsbürgerlichen Genuss kamen, für seine Eroberungsfeldzüge den Kopf hinzuhalten. Und erstaunt nimmt man auch zur Kenntnis, dass in der französischen Armee das Prinzip galt: "Alle folgen dem Führer!" Der war in dem Fall der Kompanieführer und marschierte rechts außen. Der Nebenmann folgte per Schulterkontakt. Ging der verloren, war man selbst verloren, weil nur der Führer wusste, wo's langgeht, um es mal sehr salopp zu formulieren.

Ein absolutes Highlight im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr: der Auftritt von Dörthe Flemming alias Bacio di Tosca, die, begleitet von Rachel Meredith am Cello und Demian Ewig am Klavier, eine völlig neue Interpretation von Texten klassischer Dichter zu Gehör brachte, darunter Eichendorffs "Es wandelt was wir schauen"; Nikolaus Lenaus "Himmelstrauer" und Theodor Körners "Die Eichen." Die Hommage an das Kunstlied der Romantik im Gothic-Gewand erzeugte Gänsehaut-Gefühl pur.

Im Jägerhof war der Auftakt zur Museumssommernacht, die dieses Jahr unter dem Motto "Geschichten über Ritter und Rechner" stand und an der fast 50 Museen teilnahmen, zunächst sehr verhalten. Erst als 18.30 Uhr die Turmspieler zum ersten Mal Auszüge aus dem Stück "Hexe vom Glasberg" gaben, als Hexe Krötenzahn und Prinzessin Tausendschön miteinander Stress hatten, wurde es voller. Da war die Ecke, wo gespielt wurde, umgehend zu klein. Da wäre es wohl besser gewesen, man hätte die Bühne im Vortragsraum aufgebaut und die Diaprojektion zur Geschichte des Hauses für diesen Abend weggeräumt. Die siebenjährige Hanna Weise und die gleichaltrige Alia Samillam waren jedenfalls begeistert. Der König war lustig, ebenso die Szene, als der kleine Trommler (dank einer Doppelpuppe) "plötzlich nackig" war. Für beide war es nicht die erste Teilnahme an einer Museumssommernacht, beide gehen hier und auch sonst mal mit ihren Eltern ins Museum.

Im Kügelgenhaus waren nach eineinhalb Stunden exakt 130 Leute gekommen. In einem guten Monat käme man auf etwa 600 Besucher, "in einer guten Museumsnacht auch auf 600", verrät Museumsleiterin Michaela Hausding. Ob Theodor Körner den Dresdner noch was sagt? "Den älteren durchaus, und die geben ihr Wissen dann oft weiter", meinte Hausding. Wirklich alte Dresdner hätten Körners Gedicht "Lützows wilde verwegene Jagd" sogar noch in der Schule gelernt. Ein verhaltener Auftakt sei normal, die meisten kämen wirklich erst gegen 18.30 Uhr zum ersten Vortrag. Drei Vorträge wird Lutz Reike an diesem Abend halten - zu jedem ist er anders verkleidet. Erst ist er gewandet wie ein Hofbeamter, mit Frack, Hut und Stock, dann tritt er als Wanderer vor die Zuhörer, und schließlich trägt er die Uniform eines Lützower Jägers. Die Kostüme hat, so Hausding, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, und zwar Ingeborg Richter, geschneidert. Historisch exakt, die Uniform etwa nach einem alten Gemälde.

Im nicht ganz so zentral gelegenen Leonhardi-Museum zählte man kurz nach Mitternacht etwas über 200 Besucher, ist aber mit dem Zuspruch zufrieden. Hier ist derzeit die Auswahl mit bemerkenswerten Fotos von Harald Hauswald zum Alltag in der DDR zu sehen. Hauswald hat ein Sinn fürs Details, auch für unfreiwillige Komik. Ein Fahrgeschäft auf dem Rummel 1971 in Dresden trägt den Namen "Südseeträume". Und der "VEB Reform", wie ihn der Fotograf 1978 in (Ost-)Berlin ablichtete, ist eine stillgelegte Bruchbude. Aber Hauswald wollte, wie er unlängst in einem Interview in der Zeit versicherte, "gar keine Trostlosigkeit einfangen, ich wollte nur den Alltag der DDR zeigen, mit all seinen Widersprüchen." Und so sitzen eben Punks vor dem Kino Kosmos und nicht minder unangepasste "Rocker" gut gelaunt beim Biere. Das Gros der Fotos Hauswalds ist schwarz-weiß, einige sind aber auch in Farbe. Hauswald dazu: "Das Grau der DDR kommt in der Farbfotografie noch besser rüber."

Erstmals haben sich auch die Richard-Wagner-Stätten Graupa an der Museumsnacht beteiligt. Deren Chef René Schmidt ist mit dem Zuspruch ebenfalls "höchst zufrieden gewesen", wie er den DNN gestern mitteilte. Gut 150 Karten habe man selber verkauft, noch mal so viele Gäste dürften es gewesen sein, die bereits eine Karte hatten. Fast alle hätten das Jahresprogramm mit den künftigen Veranstaltungen mitgenommen, das lasse hoffen, dass viele in nächster Zukunft noch einmal vorbeischauen.

Martin Chidiac, der Projektleiter der zur Institution gewordenen Museumssommernacht vom Amt für Kultur und Denkmalschutz, teilte mit, dass man wohl insgesamt knapp 20 000 gezählt habe, womit in etwa die Zahl der Vorjahre erreicht worden sei. Das Wetter habe erfreulicherweise mitgespielt, sei nicht zu kalt und nicht zu heiß gewesen.

Fotos: Christian Juppe, www.christianjuppe.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.07.2013

Christian Ruf

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