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1001 Märchen auf äußerst vielfältige Art

Rainer Petrovsky 1001 Märchen auf äußerst vielfältige Art

Ein Interview mit dem Geschäftsführer der 1001 Märchen GmbH, Rainer Petrovsky, in der Kuppel der Yenidze.


Quelle: Katharina Haas

Dresden. Interview mit dem Geschäftsführer der 1001 Märchen GmbH, Rainer Petrovsky, in der Kuppel der Yenidze

Frage: Herr Petrovsky, Sie haben das Podium geleitet und das Societätstheater, waren Geschäftsführer der Herkuleskeule und haben sich nun seit mehr als 18 Jahren auf Märchen verlegt – reicht Ihnen das?

Rainer Petrovsky: Ich bin in der glücklichen Lage, mir meinen beruflichen Traum erfüllt zu haben mit allem, was ich kann und möchte: künstlerisch auf der Bühne stehen, neue Programme konzipieren und Spielpläne koordinieren, auch Büroarbeit erledigen, meine handwerklichen Fähigkeiten einsetzen… und dabei mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt kommen. Und ich „stricke“ an einer Veranstaltungsreihe, die seit vier Jahren auf Schloss Weesenstein läuft und die eine politische, literarische und sagenhafte Ergänzung zu den Märchen und Geschichten in der Yenidze ist. Als einzige Märchenbühne Europas existieren wir seit 1997, haben rund 300 000 Besucher unterhalten und – das freut mich mittlerweile besonders – sind, abgesehen von den Obertontagen, ohne öffentliche Förderung ausgekommen.

80 Prozent Ihrer Vorstellungen sind für Erwachsene – passt das zum Thema Märchen?

Tatsächlich wurden Märchen in der Zeit vor Grimm fast nur für Erwachsene erzählt. Im Orient durften sogar nur Männer für Männer erzählen. Märchen waren damals wesentlich grausamer, und das Sexuelle spielte eine größere Rolle. Erst Grimm und Musäus haben die europäischen Märchen diesbezüglich „entschärft“ und sie den bürgerlichen Moralvorstellungen angepasst. Im orientalischen Märchen geht man dagegen sehr frei mit der schönsten Sache der Welt um. Wir suchen für die Großen natürlich die passenden Geschichten aus, philosophische Aspekte eingeschlossen. Anzumerken ist, dass Erwachsene gern wieder wie Kinder den Kern der Märchen, nämlich die Hoffnung, in sich aufnehmen.

Märchen aus 1001 Nacht … da tauchen Städte wie Damaskus auf und orientalische Kulturen. Werden Ihre Vorstellungen plötzlich unfreiwillig politisch?

Märchen sind entstanden aus den Nöten und den damit verbundenen Sehnsüchten und Hoffnungen der Menschen. Die ersten Belege dafür sind mehr als 3000 Jahre alt. Besonders in den „Geschichten aus den 1001 Nächten“ geht es oft um kriegerische Auseinandersetzungen, teils mit realem Hintergrund und häufig verbunden mit Geistern, Dschinns und Ifriten, die natürlich den „Guten“ helfen und letztlich zum Sieg führen. Insofern sind diese märchenhaften Geschichten immer schon politisch und sind übertragbar in die heutige Zeit. Märchen haben vor keiner Grenze Halt gemacht, das ist Teil ihres universellen Charakters. Um Parallelen zur Flüchtlingssituation zu ziehen: Angesichts des großen Leids sind die Menschen nicht aufzuhalten, besonders, wenn sie mit so viel Pathos gerufen werden. Ich schließe mich denjenigen Kritikern an, die neben Mitgefühl einen professionellen Umgang mit dieser schwierigen Situation fordern. Wichtig erscheint mir die Einbeziehung aller gesellschaftlichen Ebenen, ja, des gesamten Volkes. Übrigens wird in vielen Märchen und Geschichten thematisiert, dass ein absoluter Herrscher die Verbindung zu seinen Untertanen verliert.

Sie beschäftigen mehr als 50 Künstlerinnen und Künstler, Erzähler und Schauspieler, Bauchtänzerinnen und Musiker – das ist ein sehr großes Ensemble für so eine kleine Bühne….

Diese 50 Künstlerinnen und Künstler bilden den Stamm, das Zentrum der Märchenbühne. Sie alle sind „frei“, das heißt, entweder in anderen Theatern beschäftigt oder eben freie Künstler. Dank der Größe des freien Ensembles sind etwa einhundert verschiedene Programme abrufbar, was bei bis zu 70 Vorstellungen und durchschnittlich zwei Premieren im Monat auch erforderlich ist. Die Zeiten, in denen wir das Märchenbuch aufgeschlagen und eine Vorlesestunde in der Kuppel abgehalten haben, sind längst vorbei. „Unterstützende Künste“, die Inhalt und Atmosphäre der Märchen unterstreichen, werden einbezogen.

In der Kuppel stehen merkwürdig anmutende Stahlgebilde. Ist das „Kunst am Bau“?

Kunst ja, aber es geht um Weltunikate der Musik. Nicht nur die Kuppel der Yenidze selbst mit 20 Metern Höhe, einem Durchmesser von ebenfalls 20 Metern und den insgesamt 68 Tonnen schweren farbigen Glasscheiben hat ein besonderes Flair. Unser musikalischer Leiter Jan Heinke hat in die Kuppel einzigartige, quasi maßgeschneiderte Instrumente eingebaut: die weltgrößte „Magische Harfe“ mit 20 Metern Länge und mit ganz besonderen Tönen, die „Himmlischen Chöre“, die sieben Meter hoch sind und denen ein Spektrum von sphärischen Klängen bis Donnergrollen entlockt werden kann, und das Stahlcello, das wie ein „normales“ Streichinstrument gespielt wird und dabei langgestreckte, zarte Töne von sich gibt. Ebenfalls mit Jan Heinke verbunden ist bei uns der Obertongesang. Aus dem Klangspektrum der Stimme werden einzelne Obertöne so herausgefiltert, dass der Eindruck einer Mehrstimmigkeit entsteht. Diese Instrumente und Gesangstechniken werden zu unseren Märchen- und Geschichtenveranstaltungen mit eingesetzt. Für den Obertongesang findet sogar einmal im Jahr ein internationales Festival statt.

Mit welchen Plänen sind Sie in das neue Jahr gestartet?

Nach Gregor Gysi, der im Januar in der Märchenkuppel seine Lieblingsmärchen gelesen hat, kommt am 26. Februar zum zweiten Mal Rafik Schami, der große Fabulierer, zu uns nach Schloss Weesenstein. „Ali Baba“ mit Josephine Hoppe und einer Tänzerin erlebt die 200. Vorstellung in der Yenidze, und die „Traumpfade“ mit Jan Heinke und Ursula Böhm werden zum 175. Mal zu sehen sein. Am 5. März hat „Wovon soll ich satt sein?“ von und mit Wolf-Dieter Gööck und eigenen Texten Premiere.

Im vergangen Jahr hat uns zum ersten Mal die Klimaveränderung zu schaffen gemacht, wir konnten wegen Hitze im August nicht spielen. In diesem Sommer werden wir im Juli und August eine Spielpause machen und dafür im August wieder auf Schloss Weesenstein Veranstaltungen für Familien am Nachmittag und für die Großen am Abend anbieten. Dabei werden neue Räume im Schloss und romantische Winkel im Park einbezogen. Mit dabei sind Künstlerinnen und Künstler wie Doreen Seidowski-Faust und Lars Jung.

Zuletzt ganz praktisch: Wird es im Winter warm unter Kuppel und muss man bei Ihnen auf orientalischen Kissen sitzen?

In den ersten Jahren nach der Eröffnung der 1001 Märchen saßen in der Tat manche Gäste auf Sitzkissen, und wir mussten in der kalten Jahreszeit auf andere Spielstätten ausweichen, wie das Elefantenhaus des Zoos, die Kasematten der Festungsmauer, den Glockenspielpavillon im Zwinger und andere romantische Stätten. Dann haben wir aus Fallschirmen eine Märchenjurte genäht, sie gefärbt und in die Kuppel eingebracht. Heute sitzen alle Gäste bequem auf neuen märchenhaften Stühlen natürlich mit Rückenlehne und können sich in der kuscheligen, im Winter geschlossenen Märchenjurte bei wohligen Temperaturen Märchen, Geschichten, Klängen und Bauchtanz hingeben.

Von Katharina Haas

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