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1000 Jahre deutsch-polnischer Geschichte im Berliner Gropius-Bau

1000 Jahre deutsch-polnischer Geschichte im Berliner Gropius-Bau

Am Ende sind dann auch 22 Säle und Stunden um Stunden, die man verbrauchen könnte (und eigentlich müsste), zu wenig: 1000 Jahre zu guten Teilen gemeinsame Geschichte - erzwungen oder ersehnt - zwischen unserem Land und seinem östlichen Nachbarn sind nur um den Preis beträchtlicher Verkürzungen in einen Rundgang zu pressen.

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Mirosław Bałkas verstörende Adalbert-Installation, 1987, Museum Sztuki Lodz.

Quelle: Piotr Tomczyk

Opulenter als im Berliner Gropius-Bau geht es schon kaum, und dennoch bleibt zum Beispiel für das Sachsen-nahe Thema der wettinischen Herrschaft über Polen ein einziger Raum.

Den Versuch, der ganzen Überfülle sozusagen pädagogisch korrekte Leitplanken einziehen zu wollen, hat Kuratorin Anda Rottenberg bei dieser Ausstellung (Teil des Kulturprogramms zur diesjährigen polnischen EU-Ratspräsidentschaft) offenbar von vornherein - und wohl zu Recht - unterlassen. Sie setzt statt dessen auf eine mosaikartige Collage: Neben direkten Urkunden und Sachzeugen der unmittelbaren Beziehungen beider Völker gibt es auch Objekte, die einfach nur die verschiedenen Lebensräume und Geschichtserfahrungen beidseits von Oder und Neiße charakterisieren - und natürlich solche über die jeweiligen Sichtweisen aufeinander. So laufen Dokumentation und Reflexion als Kontrapunkt, wobei meist die polnische Sicht auf den westlichen Nachbarn überwiegt, ehe sich das am Ende des vergangenen Jahrhunderts zumindest zeitweise ändert: Die Auseinandersetzung mit der deutschen Kriegsschuld, dann die "Solidarnosc"-Bewegung beflügeln auch (west)-deutsche Visionen und Gestaltungsphantasien; zu den diesbezüglich beeindruckendsten Bildern gehört eine von Anselm Kiefers "Noch ist Polen nicht verloren"-Tafeln.

Überhaupt gefällt die ebenso zwanglose wie dennoch Signal gebende Einordnung moderner Kunst. Auch bei älteren Geschichtsabschnitten, die bisweilen etwas dynastie-, diplomatie- und sozusagen stammbaumlastig sind, kann sie Monotonie brechende Akzente setzen. Gleich im Eingangsraum zeigt eine krass-verstörende Installation Mirosław Bałkas den zerstückelten Missionar Adalbert, der später gleichermaßen zu einem brandenburgischen wie polnischen Hausheiligen wurde. Und im Lichthof, wo zwei patriotische Riesen-Schinken von Jan Matejko, einem polnischen Makart-Doppelgänger, mit der Schlacht von Tannenberg (die nicht im Original, sondern als Kreuzstickerei(!)-Kopie gezeigt wird) und der Huldigung des letzten Deutschordens-Hochmeisters vor König Sigismund zwei der eher raren polnischen Geschichts-Glücksmomente zeigen, sorgen moderne Auseinandersetzungen mit dem Thema für Versachlichung und Ernüchterung. Auch Besetzung, Kriegsverbrechen und Vertreibung nach 1939 werden vorwiegend künstlerisch abgehandelt, was verhindert, dass das notwendig immer wieder zu Sagende in der immer wieder gleichen Form erscheint.

Alles in allem ist es, in den tragischen wie glücklichen Momenten des Zusammenlebens beider Nationen, ein Vorteil des Collage-Prinzips der Schau, dass sie eine partielle Vertiefung in interessierende Details wie das Überspringen anderer erlaubt, ohne deswegen gedanklich abgehängt zu werden. Ihre sinnliche Präsenz ermöglicht eine beeindruckende Zahl von Leihgaben, mit den polnische Museen von Stettin bis Krakau ihre Bestände - Gemälde, Handschriften oder Schmuck-Pretiosen - zur Verfügung gestellt haben. Selbst die Unterzeichnung des Görlitzer Friedensabkommens von 1950 ist nicht mit dem oft gezeigten DDR-Geschichtsbuchfoto, sondern mit dem eines polnischen Reporters dokumentiert. Das lustigste Exponat freilich kommt aus der Würzburger Universitätsbibliothek: ein Berlin-Bild aus dem Gefolge des Pfalzgrafen Ottheinrich, der 1536 nach Krakau reiste, um dort eine Erbschaft einzutreiben. Auf dem nämlich wird die zukünftige Metropole vor eine Gebirgskulisse gesetzt; die flache preußische Sandbüchse war offenbar schon damals nicht nach jedermanns Geschmack-

Wobei, aufs Ganze gesehen, solche finanz- und realwirtschaftlichen Verbindungen wie bei Ottheinrich selig gegenüber den dynastischen oder künstlerischen ziemlich ins Hintertreffen geraten. Aber man soll nicht alles haben wollen, und der Rundgang ist ohnedies anstrengend genug - doch im gleichen Maße anregend und informativ: also lohnend.

Gerald Felber

Bis 9.12. im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße Nähe Potsdamer Platz, geöffnet täglich außer Di 10-20 Uhr; Katalog 780 Seiten, im Museum 22 Euro.

www.berlinerfestspiele.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2011

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