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100 Jahre und kein bisschen leise - das Bandonion ist ein fast vergessenes Handzuginstrument

100 Jahre und kein bisschen leise - das Bandonion ist ein fast vergessenes Handzuginstrument

Einmal pro Woche probt das "Bandonion Orchester Dresden" in einer Holzbaracke in Trachenberge. Im besten Fall sind 18 Mitglieder da, oft ist aber jemand krank und fällt aus.

Zur festen Besetzung gehören 15 Musiker, die meisten von ihnen sind über 70 Jahre alt. Sie passen gerade so mit ihren Instrumenten in den kleinen Raum, in dem es schnell warm wird. Wer sich trotzdem noch mit hinein quetscht, gehört sofort zur Gemeinschaft. Nur fragen, ob man spontan mitspielen könne, sollte man erst gar nicht. Denn dann erntet man das beschwichtigende Lachen derjenigen, die seit Jahren in die Geheimnisse einer komplizierten Kunst eingeweiht sind und den Neuankömmling bemitleiden, der da meint, er könne einfach so mitmachen.

"Vier Jahre braucht man, bis man in einem Orchester mitspielen kann", sagt Wolfgang Ludewig, zweiter musikalischer Leiter des Bandonion-Or- chesters und seit 1954 engagiertes Mitglied. Der 77-Jährige schätzt den warmen Klang des Instrumentes und besitzt ein Exemplar von 1952. "Das letzte Stück, das in der DDR gefertigt worden ist."

Die meisten Orchestermitglieder sind seit 50 Jahren dabei und haben schon viele Auftritte in Dresden und der Umgebung bestritten, derzeit sind es etwa zwölf pro Jahr. Nur mehrstündige Tanzveranstaltungen begleiten die Senioren nicht mehr, das ist mittlerweile zu anstrengend geworden. Bei dieser Probe wird das Programm eines ganz beson- deren Konzertes einstudiert. Am 20. September um 15 Uhr feiern die Herrschaften in der Markuskirche das 100-jährige Jubiläum ihrer Vereinigung. 1914 wur- de das Orchester von drei Dresdner Bäckermeistern gegründet, die genauen Umstände der Anfangsgeschichte sind heute nicht mehr bekannt. "Am 13. Februar 1945 brannten die damaligen Probenräume des Orchesters aus, alle Dokumente und Noten waren zerstört", erzählt Wolfgang Ludewig.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Dresden zwölf Bandonion-Orchester, heute ist nur noch eines übrig. Zu DDR-Zeiten war es schwierig, weil es keine Förderung gab und auch keine Instrumente mehr hergestellt wurden, die noch verbliebenen Dresdner Vereine schlossen sich zusammen, um ihre Spielstärke zu erhalten.

Anfangs waren noch Violinen dabei, heute erklingen im Orchester vor allem Bandonions, einige Akkordeons, ein Kontrabass und ein Schlagzeug. Während die mitreißenden Melodien ge- spielt werden, sticht einer der Musiker heraus. Nicht, weil er besonders laut oder leise oder gar falsch spielt - sondern einfach, weil er wesentlich jünger ist als seine Orchesterkollegen. Andreas Engelmann ist 25 und hat das Bando- nionspielen von seinem Großvater gelernt, der auch mit dabei ist. "Ich spiele jetzt seit fünf Jahren Bandonion, seit drei Jahren im Orchester", sagt der junge Mann. Ihn fasziniert die Vielfalt des Bandonions und er fände es gut, wenn mehr junge Leute mit ihm im Orchester spielen würden, "um die Moderne in das Instrument zu bringen".

Im März sind die Musiker von Bundespräsident Joachim Gauck mit der Pro-Musica-Plakette ausgezeichnet worden. Sie wird ausschließlich an Musikvereinigungen vergeben, die nachweisen können, dass sie seit mindestens 100 Jahren existieren. Für das Bandonion-Orchester Dresden war es eine besondere Würdigung ihrer Kunst. Die nächste Auszeichnung würde darin bestehen, dass die Musiker am kommenden Sonnabend vor vollem Haus spielen dürften.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.09.2014

Sophie Arlet

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