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Studie: 70.000 Haushalte bräuchten Sozialwohnung

Studie: 70.000 Haushalte bräuchten Sozialwohnung

Nach Angaben von Instituts-Chef Matthias Günther haben in Dresden derzeit rund 70 200 Haushalte Anspruch auf eine Sozialmietwohnung. "Zu diesen Haushalten mit niedrigem Einkommen gehören Hartz-IV-Empfänger und Wohngeldbezieher, ebenso Erwerbsunfähige und ältere Menschen, die von der staatlichen Grundsicherung leben", sagt er.

Von christoph stephan

■ Zu welchen Ergebnissen kommt die Untersuchung?

Pro 1000 Einwohner seien 134 Sozialwohnungen nötig. Ein Wert, der deutlich über dem Bundesdurchschnitt liege. Ohne konkrete Zahlen zu nennen, kommt Günther nun zu dem Schluss, dass in Dresden längst nicht jeder, der Anspruch auf eine Sozialwohnung hätte, auch eine bekommt. Es klaffe eine enorme Lücke, weil sachsenweit in den vergangenen Jahren viele preisgünstige Wohnungen vom Markt verschwunden seien.

■ Was sagt die Stadt dazu?

Die Fachleute stolperten beim Lesen der Ergebnisse der Studie zunächst über ein ganz grundsätzliches Problem. Denn in Dresden gibt es anders als in den alten Bundesländern überhaupt keine klassischen Sozialwohnungen, sondern lediglich Belegungsrechte über einzelne Wohnungen, die die Stadt mit Vermietern wie der Gagfah ausgehandelt hat. "Insofern ist unklar, welche Wohnungen das Pestel-Institut als Sozialwohnungen definiert, welche Wohnungen mit welchen Mietpreisen in die Betrachtung einfließen", sagt Stadtsprecherin Sigrun Harder auf DNN-Anfrage.

Darüber hinaus rätselt die Dresdner Verwaltung, wie Matthias Günther und sein Team auf die Zahl der Haushalte kommen, die angeblich Anspruch auf eine billige Wohnung haben. "Zum 31. August dieses Jahres gab es rund 43 000 Haushalte, die von der Landeshauptstadt Unterstützung zu ihren Kosten der Unterkunft erhielten. Die Differenz zu den vom Pestel-Institut in den Raum gestellten 70 000 Haushalten können wir nicht erklären", betont Harder.

■ Wird der Bedarf an günstigen Wohnungen aus Sicht der Stadt gedeckt?

Im Rathaus rechnet man weder aktuell noch in naher Zukunft mit einer "problematischen Verknappung im Mietwohnungssektor". Zudem verweist Harder auf einen ihren Worten zufolge nach wie vor nicht unerheblichen Leerstand. In einem aktuellen Bericht der Stadtverwaltung zum Thema steht drin, dass, "statistisch betrachtet, für alle einkommensschwachen Haushalte in Dresden angemessene Wohnungen zur Verfügung stehen". Im Oktober 2010 führte das Sozialamt eine Befragung unter den großen Dresdner Wohnungsunternehmen durch und kam zu dem Ergebnis, dass diese im Bestand reichlich 91 000 Wohnungen im "angemessenen Mietpreissegment" haben.

■ Betreibt das Pestel-Institut also unseriöse Panikmache?

In ihren offiziellen Stellungnahmen hält sich die Stadt vornehm zurück. Deutlichere Worte fand allerdings Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) vor einigen Tagen im sozialen Netzwerk "Facebook": "Soso, das Pestel-Institut hat errechnet, dass in Dresden 70 000 Haushalte (!) Anspruch auf eine Sozialwohnung hätten. Das wären immerhin rund 25 Prozent mehr als in Leipzig, obwohl es in Dresden knapp 30 Prozent weniger Hartz-IV-Empfänger gibt und das Einkommensniveau höher ist als in Leipzig. Ist es nicht dasselbe Institut, das im letzten Jahr errechnet hat, dass wir in diesem Jahr über 30 Prozent mehr Empfänger von Grundsicherungsleistungen im Alter haben, als es in diesem Jahr in Dresden tatsächlich gibt? Auf diese Themen hinzuweisen ist richtig und wichtig, allerdings mit nachweislich unseriösen Zahlen Panik zu verbreiten (...) ist fahrlässig."

■ Wer steht eigentlich hinter dem Pestel-Institut und der Studie zu Sozialwohnungen in Dresden?

Anders als sein Name es vielleicht vermuten lässt, ist das Pestel-Institut nicht an einer Universität ansässig, sondern eine private Institution. Es versteht sich selbst als Dienstleister für Kommunen, Unternehmen und Verbände und wurde 1975 als "Institut für angewandte Systemforschung und Prognose e. V." vom ehemaligen niedersächsischen Wissenschaftsminister Prof. Eduard Pestel gegründet. Die Modelle, die den Analysen im Bereich der Wohnungsmärkte zugrunde liegen, seien am Institut selbst entwickelt worden. Viel interessanter ist der Auftraggeber für die neue Dresdner Studie - die 2004 gegründete "Wohnungsbau-Initiative". In dieser haben sich neben der "Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt" auch der "Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure", die "Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau" und der "Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel" zusammengeschlossen. Dass diese Interessengruppen nicht böse sind, wenn in Dresden und anderen Städten neue Wohnungen gebaut werden, liegt auf der Hand.

Vor einigen Tagen schlug das Pestel-Institut aus Hannover wieder einmal Alarm, diesmal mit Blick auf das Thema Sozialwohnungen. Menschen mit schmalem Geldbeutel, so der Tenor einer auf Schlagzeilen bedachten Studie, würden vom Dresdner Wohnungsmarkt zunehmend ausgegrenzt werden. "Für Haushalte mit geringem Budget bezahlbare Wohnungen zu schaffen, ist eine der drängendsten sozialen Herausforderungen", erklärte der Chef des Pestel-Instituts, Matthias Günther. Die Dresdner Stadtverwaltung zweifelt allerdings an der Seriosität der verwendeten Zahlen. Und schließlich wirft auch der Name des Auftraggebers, der anscheinend eindeutige Interessen verfolgt, ein schlechtes Licht auf die Studie.

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